Das Licht fällt in breiten, warmen Bahnen durch die Fenster der römisch-katholischen Sankt-Georgs-Kathedrale in Temeswar/ Timi{oara. Draußen liegt der Domplatz/ Pia]a Unirii im hellen Sonnenschein eines milden Frühlingsvormittags, doch im Inneren des barocken Gotteshauses herrscht eine gedämpfte Atmosphäre, getragen vom leisen Murmeln der Stimmen und dem Klang von Schritten auf Stein. Die Bänke sind dicht gefüllt, einige Gäste stehen am Rand oder verharren nahe den Ausstellungstafeln. Um Punkt 11 Uhr beginnt die Vernissage des zweiten Teils der Ausstellungsreihe „Millennium Csanadiense 1030 – 2030“, eine umfangreiche historische Dokumentation, die von den Mitarbeitern des Bistums Temeswar mit großer Sorgfalt erarbeitet wurde.
Ein mehrsprachig gesungenes „Veni Sancte Spiritus“ erhebt sich in den Raum und verbindet die Anwesenden über Sprach- und Herkunftsgrenzen hinweg. Es ist ein Auftakt, der das Programm nicht nur einleitet, sondern symbolisch verdichtet: Die Ausstellung versteht sich als geistliche und historische Reise durch ein Jahrtausend kirchlichen Lebens im multikulturellen Banat und darüber hinaus. Der zweite Teil richtet den Blick auf eine der dunkelsten und zugleich prägendsten Epochen dieser Geschichte – die Zeit der osmanischen Herrschaft zwischen 1552 und 1718.
Der römisch-katholische Bischof von Temeswar, Josef Csaba Pál, tritt ans Mikrofon und begrüßt die zahlreich erschienenen Gäste. Er hebt dabei insbesondere die Anwesenheit mehrerer hochrangiger kirchlicher Würdenträger hervor, darunter die Diözesanbischöfe von Großbetschkerek/ Zrenjanin, Großwardein/ Oradea sowie Vertreter der Diözese Szeged-Csanád. Ebenso werden der serbisch-orthodoxe Metropolit von Buda und Administrator der Eparchie Temeswar sowie weitere Geistliche unterschiedlicher Konfessionen gewürdigt. Neben diesen Persönlichkeiten nehmen zahlreiche Vertreter der verschiedenen Kirchen, darunter orthodoxe, griechisch-katholische, evangelische und reformierte Geistliche, an der Veranstaltung teil. Auch die weltliche Seite ist durch Repräsentanten der Kreis- und Stadtverwaltung, des Schulwesens sowie durch diplomatische Vertreter mehrerer Länder präsent. Darüber hinaus sind Vertreter aus kulturellen, ethnischen und gesellschaftlichen Organisationen dabei, etwa aus den deutschen, ungarischen, serbischen und bulgarischen Gemeinschaften sowie der jüdischen Gemeinde. Ergänzt wird die Gästeliste durch Vertreter wissenschaftlicher Einrichtungen in Temeswar.
„Der Glaube ist bewahrt geblieben“
Die Worte des Bischofs sind ruhig, bedacht, doch von Nachdruck getragen. Mehrfach kehrt er zu einem zentralen Gedanken zurück: „Der Glaube ist bewahrt geblieben“. In einer Zeit, die von Zerstörung, Vertreibung und Unsicherheit geprägt war, habe sich die Kraft der Gemeinschaft gezeigt. Gerade dort, wo kirchliche Strukturen zerbrachen, sei der Glaube in kleinen Gruppen weitergetragen worden – oft von Laien, die Verantwortung übernahmen, wo Priester fehlten.
Diese Perspektive knüpft unmittelbar an den ersten Teil der Ausstellung an, der die Anfänge und die Entwicklung der Diözese Tschanad/ Csanád/ Cenad bis zur Schwelle des 17. Jahrhunderts beleuchtete. Während dort Aufbau und Blüte im Vordergrund standen, richtet sich der Fokus nun auf Bewährung und Überleben. Die Kontinuität der Reihe wird so nicht nur chronologisch, sondern auch inhaltlich greifbar: Geschichte erscheint als ein Geflecht aus Aufbruch und Krise, aus Verlust und Erneuerung.
Musikalisch wird die Ausstellungseröffnung von Domorganist Róbert Bajkai-Fábián gestaltet. Die Werke von Frescobaldi, Erbach und Düben füllen den Raum mit einer klanglichen Tiefe, die das Gesagte nachhallen lässt.
„Es war noch nicht alles verloren“
Den inhaltlichen Kern der Veranstaltung bildet der Vortrag des emeritierten Bischofs Dr. h. c. Martin Roos, der vom Pfarrer und Ehrendomherr Dr. László Bakó und dem Diözesanarchivar Dr. Claudiu C²lin in mehreren Sprachen vorgetragen wird. Die beiden Männer haben in erheblichem Maße zum guten Gelingen der von Bischof emeritus Martin Roos erarbeiteten Ausstellung beigetragen, zu ihnen gesellten sich mehrere Mitarbeiter der Diözese und nicht nur, wie etwa Pfarrer Zsolt Vakon, bischöflicher Sekretär aus Großwardein, Pressebeauftragte Enikö Sipos oder Religionslehrerin Gabriela Burman. Es ist ein dichter, eindringlicher Text, der die historische Situation der Diözese während der Türkenherrschaft nachzeichnet. Roos schreibt von zerstörten Strukturen, von geflohenen Gläubigen, von einer Kirche, die scheinbar an den Rand gedrängt wurde. Und doch bleibt seine Darstellung nicht bei der Beschreibung des Leidens stehen.
Vielmehr lenkt er den Blick auf die Spuren des Weiterlebens: auf kleine Gemeinden, auf mutige Priester und auf Laien, die Taufen spendeten, predigten, Beerdigungen hielten. Dabei macht er deutlich, wie schwer es heute sei, das damalige Ausmaß an Leid und Zerstörung nachzuvollziehen: „Wir von heute, die wir seit rund 80 Jahren in Frieden leben und keinen Krieg erfahren haben, können uns kaum vorstellen, was diese Zahlen und Ereignisse an Chaos, Durcheinander, Leid und Elend damals mit sich gebracht haben.“
Er schildert die dramatischen Umstände jener Epoche, in der nicht nur große Teile des Landes verwüstet wurden, sondern auch kirchliche Strukturen weitgehend zusammenbrachen. Bischöfe seien damals nicht nur geistliche Hirten gewesen, sondern hätten auch militärische Verantwortung getragen und seien teilweise selbst auf dem Schlachtfeld ums Leben gekommen. Nach dem Fall Temeswars im Jahr 1552 lag das gesamte Gebiet des Bistums Tschanad in Trümmern, viele Gläubige waren geflohen, und nur wenige Priester konnten unter schwierigsten Bedingungen ihren Dienst fortsetzen.
Trotz dieser katastrophalen Lage betont der Vortrag von Martin Roos, dass das kirchliche Leben nicht völlig erlosch. Einzelne Zeichen der Kontinuität, wie etwa die Teilnahme des Bischofs von Tschanad am Konzil von Trient oder die Ausbildung junger Priesterkandidaten im Exil – zeugen von einem fortbestehenden Glaubensleben. Auch die Verbindung zur Weltkirche blieb erhalten, etwa durch päpstliche Initiativen und missionarische Tätigkeiten, die häufig über Ragusa (heute: Dubrovnik) organisiert wurden.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass selbst in Zeiten größter Bedrängnis ein Kern kirchlichen Lebens erhalten blieb. Roos unterstreicht diese Hoffnungsperspektive ausdrücklich in seinem Vortrag: „Es war noch ein Rest von kräftigem Glaubensleben vorhanden. (…) Es war noch nicht alles verloren!“
Die Gemeinschaft als tragendes Element
Als Altbischof Martin Roos schließlich selbst das Wort ergreift, ergänzt er den historischen Überblick durch persönliche Beobachtungen. Mit fester Stimme verweist er auf ausgewählte Exponate, erläutert Zusammenhänge und gibt praktische Hinweise zur Besichtigung. Besonders zwei Vitrinen hebt er hervor: eine mit Briefen aus dem Jahr 1582, in denen Gläubige aus Temeswar den Papst um einen Priester und einen Lehrer bitten, und eine weitere mit Berichten von Missionaren aus dem 17. Jahrhundert. Es sind Zeugnisse einer Kirche, die trotz widrigster Umstände den Kontakt zur Weltkirche aufrechterhielt.
Die Worte der Redner fügen sich zu einem vielstimmigen Bild, in dem sich historische Analyse und spirituelle Deutung ergänzen. Immer wieder kehrt dabei das Motiv der Gemeinschaft zurück – als tragendes Element, damals wie heute. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Bindungen brüchiger werden, gewinnt dieser Gedanke eine neue Aktualität.
Nach dem offiziellen Teil, in dem nur die Vertreter der Römisch-Katholischen Diözese zu Wort kommen, öffnen sich die Wege zwischen den Ausstellungstafeln. Die Besucher verteilen sich im Dom, bleiben stehen, lesen, diskutieren leise. Die Texte sind mehrsprachig, die Perspektiven vielfältig, und doch entsteht ein gemeinsamer Raum des Erinnerns. Die Ausstellung lädt nicht nur zum Betrachten ein, sondern zum Verstehen – und gewiss auch zum Weiterdenken. Auf den Tischen am Eingang stehen Broschüren zum Mitnachhause-Nehmen bereit.
Ein Empfang im Bischofspalais bildet schließlich den Ausklang der Vernissage. Gespräche werden fortgesetzt, Eindrücke ausgetauscht, Kontakte gepflegt. Die Ausstellung selbst aber bleibt im Dom präsent, offen für Besucher bis Anfang August. Die erste Gruppe wird bereits kurz nach der Vernissage durch die Ausstellung geführt: Lenau-Grundschüler lassen sich vom Historiker Dr. Claudiu Călin Interessantes über die osmanische Herrschaft erzählen. Kinder und Lehrerinnen sind begeistert.
Mit dem zweiten Teil der Ausstellung „Millennium Csanadiense 1030 – 2030“ ist die Reihe jedoch noch nicht abgeschlossen. Vielmehr deutet sich bereits an, wo-rauf alles zuläuft: Die kommenden Jahre sollen weitere Etappen der Geschichte der Diözese beleuchten, bis im Jubiläumsjahr 2030 die „Krönung“ der Ausstellungsreihe erreicht wird, eine umfassende Gesamtschau von tausend Jahren kirchlichen Lebens im ehemaligen Bistum Tschanad. Dann sollen Vergangenheit und Gegenwart in einem großen Panorama zusammengeführt werden, das nicht nur zurückblickt, sondern auch Perspektiven für die Zukunft eröffnet.







