„Die Sprache ist der Schlüssel zum Zugang und zum Verständnis einer Kultur“

Ein Gespräch mit dem Anthropologen Dr. Răzvan Roșu

Dr. Răzvan Roșu | Foto: Arthur Glaser

Dr. Răzvan Roșu, der seine akademische Laufbahn in Klausenburg/Cluj-Napoca, Jena, Budapest und Wien durchlaufen hat, beschäftigt sich seit fast zwei Jahrzehnten mit den Sathmarer Schwaben und gehört daher zu den profiliertesten Forschern der kleinen Gruppe innerhalb der deutschen Minderheit in Rumänien. In seinem neuen Buch, das kurz vor der Fertigstellung steht, fasst er seine langjährige Forschung zu den Sathmarer Schwaben zusammen. Im Gespräch mit ADZ-Redakteur Arthur Glaser erklärt er, wie ihre traditionelle Kultur funktioniert, welche Rolle Dialekt und Mentalität spielen und warum ihre Geschichte eine vielschichtige Perspektive erfordert. 

Herr Dr. Roșu, Sie beschäftigen sich seit fast zwei Jahrzehnten mit den Sathmarer Schwaben. Was war der persönliche Auslöser für diese langjährige Forschungsarbeit?

Vor zwanzig Jahren begann ich mit Feldforschungen zu den Motzen-Dörfern, die in der Zwischenkriegszeit im Gebiet Großkarol/Carei entstanden waren. In diesem Zusammenhang interessierte ich mich auch für die benachbarten Gemeinschaften, etwa die Sathmarer Schwaben. Wir hatten damals schon einige Freunde und Bekannte in der sathmarschwäbischen Gemeinde Petrifeld, daher kann ich sagen, dass ich die Sathmarer Schwaben seit meiner Kindheit kenne. Seitdem konnte ich die Überreste einer traditionellen Kultur beobachten, die sich so sehr von unserer unterschied und in gewisser Weise einzigartig war. Das war natürlich der Anstoß für mich, mehr über die Sathmarer Schwaben zu erfahren und zu verstehen, wie „ihre Welt“ funktionierte.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einer „Saga“ der Sathmarer Schwaben. Was macht ihre Geschichte im Kontext der deutschen Minderheiten in Rumänien so besonders?

Der Fall der Sathmarer Schwaben weist im Kontext der Geschichte der Donauschwaben und der deutschen Minderheit in Rumänien einige Besonderheiten auf. Erstens waren die Sathmarer Schwaben die kleinste Gruppe unter den Donauschwaben. Zweitens waren sie nicht in der Lage, eine eigene Elite oder institutionelle Strukturen zu entwickeln, da sie lediglich Bauern waren. Darüber hinaus gab es zahlreiche spezifische kulturelle Elemente. Auch wenn ihre traditionelle Kultur derjenigen der anderen Donauschwabengruppen ähnelte, gab es Besonderheiten hinsichtlich der einheimischen Architektur, des Dialekts, der Esskultur, der traditionellen Wirtschaft und sogar der Mentalität. Dazu kann man noch hinzufügen, dass einige der Sathmarer Schwaben im Laufe der Geschichte eine ungarische kulturelle Identität annahmen.

Anders als viele frühere Arbeiten verfolgen Sie einen Ansatz der „longue durée“. Wa- rum war es Ihnen wichtig, die Entwicklung von der Ansiedlung im 18. Jahrhundert bis zur Auflösung der traditionellen Strukturen im 20. Jahrhundert nachzuzeichnen?

Zunächst interessierte mich, wie die Sathmarer Schwaben unterschiedliche kulturelle Identitäten annahmen – eine ungarische, eine deutsche oder eine lokale schwäbische. Im Laufe meiner Recherchen stellte ich jedoch fest, dass es zwar eine umfangreiche Bibliografie zu dieser Volksgruppe gibt, aber dennoch viele Lücken bestehen. Diese wurden meist mit Beispielen und Verallgemeinerungen über andere Donauschwabengruppen gefüllt. Bevor ich mich also meinem Hauptinteresse, den kulturellen Identitäten, zuwenden konnte, war ich gezwungen, diese Wissenslücken hinsichtlich der sathmarschwäbischen Gemeinschaften und ihrer Funktionsweise als Gemeinschaften zu schließen. Es gab zumeist vereinzelte Studien, ethnografische Beschreibungen oder Memoiren, ohne jedoch die Mechanismen zu erforschen, die diese traditionelle Kultur aufrechterhielten. Bislang fehlte ein Ansatz, die traditionelle Kultur der Sathmarschwaben aus der Perspektive der Langzeitforschung zu verstehen.

Sie haben über 250 Zeitzeugen interviewt – in Rumänien, Ungarn und Deutschland. Welche Begegnungen haben Sie besonders geprägt?

Ich glaube, es sind mehr als 250. In den letzten 20 Jahren konnte ich mit über 500 Sathmarer Schwaben oder Personen mit sathmarschwäbischen Wurzeln sprechen. Die Interviewsituationen waren alle unterschiedlich. In Rumänien lag mein Hauptaugenmerk darauf, die letzten Sprecher des sathmarschwäbischen Dialekts zu finden. Die meisten von ihnen befanden sich in einer ähnlichen Lage wie die letzten Mohikaner, was mich beeindruckte, aber auch traurig stimmte. In Deutschland war ich überrascht, wie stark der sathmarschwäbische Dialekt und die Identität innerhalb der Familien noch immer lebendig waren. Am beeindruckendsten waren jedoch die Online-Interviews mit einigen Sathmarer Schwaben, die in den 1950er-Jahren in die USA und nach Kanada auswanderten und ihren Dialekt bis heute sprachen.

Ein zentrales Kapitel widmen Sie dem sathmarschwäbischen Dialekt. Sie haben ihn selbst erlernt. Was erschließt sich einem Forscher erst durch die Sprache?

Die Sprache ist der Schlüssel zum Zugang und zum Verständnis einer Kultur. Ich habe Sathmarschwäbisch zuerst gelernt, weil ich die Mitglieder dieser Gemeinschaft und ihre Kultur respektiere. Es war aber auch eine Notwendigkeit; es war keine bloße Zurschaustellung. Idealerweise sollte man alle Sprachvarianten beherrschen, in denen die Quellen verfasst sind oder die Menschen der erforschten Gemeinschaft sprechen. Hinzu kommt, dass selbst bei ein und derselben Person, wenn sie mir etwas auf Ungarisch und anschließend auf Sathmarschwäbisch erzählte, erhebliche Unterschiede in Struktur und Nuancen bestanden.

In Ihrer Analyse spielen Mentalität und Werte eine große Rolle: Fleiß, Maßhalten, Disziplin. Wie sehr haben diese Eigenschaften zur wirtschaftlichen und sozialen Stabilität der Gemeinschaft beigetragen?

Ich denke, dies waren einige der Hauptpfeiler, auf denen die sathmarschwäbische Kulturidentität aufgebaut wurde. Auch heute noch findet man viele Sathmarer Schwaben, die kein Wort Deutsch oder Sathmarschwäbisch sprechen – man kann sie dennoch nicht als Ungarn bezeichnen. Warum? Weil sie eine andere Mentalität und Verhaltensweisen haben und selbst ihre Dörfer anders aussehen. Aufgrund dieses ganz spezifischen materiellen und immateriellen kulturellen Erbes konnten sie trotz aller Bemühungen nicht vollständig in die ungarische Bevölkerungsgruppe integriert werden, wie es vor Jahrhunderten mit den Ruthenen (Ukrainern) oder sogar mit einigen Rumänen geschah.

Nach 1945 kam es zu Flucht, Deportation und späterer Auswanderung. Heute wirken manche Gemeinschaften in Deutschland lebendiger als jene im Kreis Sathmar. Ist das ein Zeichen von Verlust – oder von Anpassungsfähigkeit?

Das war auch mein erster Eindruck, als ich 2021 die Gelegenheit hatte, meine erste Feldforschung in der sogenannten „Sathmarer-Schwaben-Diaspora“ in Süddeutschland durchzuführen. Es war erstaunlich zu sehen, dass in manchen Familien sogar noch Kinder Sathmarschwäbisch sprechen konnten und dass man diesen Dialekt in Orten wie Hersbruck oder Bildechingen auf der Straße oder im Supermarkt hörte. Ich denke aber, die Situation ist komplizierter, denn die nächsten Generationen werden künftig keinen Anreiz mehr haben, diesen Dialekt weiterzugeben, und nur noch Standarddeutsch sprechen. Es handelt sich also um eine vielschichtige Situation, die Teil der Geschichte der Sathmarer Schwaben ist.

Sie kritisieren, dass die Sathmarer Schwaben in der Forschung oft nur im Zusammenhang mit „Magyarisierung“ betrachtet wurden. Was wollen Sie mit Ihrer Monografie bewusst anders machen?

Ich möchte die Komplexität dieser Gemeinschaften und ihrer traditionellen Kultur aufzeigen. Die sogenannte „Magyarisierung“ ist natürlich ein paradoxes und höchst merkwürdiges Phänomen, doch um eine umfassende Antwort auf ihre Ursachen zu finden, muss man neben der Makroebene des Staates und der nationalen Politik auch die mikrokommunale Ebene betrachten. Bedauerlicherweise haben die meisten Autoren, die sich bisher mit diesem Thema befasst haben, die schwäbischen Gemeinschaften in Sathmar nicht ausreichend eingehend untersucht.

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser der ADZ nach der Lektüre Ihres Buches über die Sathmarer Schwaben neu verstehen?

Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, wollte ich durch diese umfassende Recherche die Wissenslücken schließen. So konnte ich durch die Interviews neue Quellen finden und zusätzliche Quellen erschließen. Aus diesem Grund werden die Leserinnen und Leser dieses Buches neue Informationen entdecken. Es wird viele neue Erkenntnisse über die Kolonialisierungszeit im Sathmarer Raum und die Beziehungen zu den Oberschwaben geben, darunter traditionelle Küche, Kleidung, Musik und Dialekt. Auch ein Vergleich mit den benachbarten rumänischen und ungarischen Gruppen sowie mit anderen Donauschwaben-Gruppen wird angestellt. Beim Schreiben dieses Buches war es mir wichtig, zu erklären, wie diese traditionelle Kultur sowohl für die Mitglieder als auch für Außenstehende dieser Gemeinschaft funktionierte.