Der Band „Großsanktnikolaus, Stadt- und Kirchengeschichte. Vom Geist des Ortes. Menschen, Familien, Stadtgeschichte, Flucht und Deportation“, Ende 2025 im Cosmopolitan-Art-Verlag in Temeswar/Timi{oara mit finanzieller Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen (DRI) erschienen, ist weit mehr als eine historische Dokumentation. Schon das Vorwort macht deutlich, dass die Herausgeber – die Deutschlehrerin und Forumsvorsitzende in Großsanktnikolaus, Dietlinde Huhn, der Publizist Werner Kremm und der Soziologe Anton Sterbling – ein Erinnerungs- und Erkenntnismosaik schaffen wollten – ein Buch, das Stimmen bündelt, Erfahrungen bewahrt und die gewachsene Verbundenheit vieler Menschen mit ihrer Heimatstadt sichtbar macht.
Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung, dass seit der Jahrtausendwende zahlreiche Publikationen mit Beiträgen über Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare im Kreis Temesch/Timi{ erschienen sind. Die Idee, diese Texte zu bündeln, zu ergänzen und in einem eigenen Band zusammenzuführen, wurde von Freunden und Landsleuten positiv aufgenommen. So entstand Schritt für Schritt ein Werk, das bewusst unterschiedliche Perspektiven zusammenführt. Der Untertitel „Vom Geist des Ortes“ ist programmatisch: Es geht nicht allein um Chronologie, Daten oder Fakten, sondern um das, was einen Ort im Innersten prägt – Erinnerungen, Lebensgeschichten, familiäre Wurzeln, kulturelle Traditionen.
Großsanktnikolaus, „Semiklosch“, ist seit Jahrhunderten ein Ort kultureller Vielfalt. Hier lebten und leben Rumänen, Deutsche, Ungarn, Serben, Bulgaren und andere Volksgruppen zusammen. Besonders die Banater Schwaben prägten über Generationen hinweg das wirtschaftliche, kirchliche und kulturelle Leben. Landwirtschaft, Handwerk, bürgerliche Bildungsansprüche und eine ausgeprägte kirchliche Tradition hinterließen deutliche Spuren. Doch das 20. Jahrhundert brachte Brüche: Krieg, Flucht im Herbst 1944, Deportationen in die Sowjetunion und in den B˛r˛gan und später die Auswanderung vieler Deutscher nach Deutschland veränderten das Gesicht der Stadt tiefgreifend. Diese Erfahrungen sind ein zentraler Bestandteil des Buches. Der Band zeichnet sich insgesamt durch eine große thematische Breite aus. In den Beiträgen wird praktisch das gesamte Spektrum der Geschichte und Erinnerung an Großsanktnikolaus sichtbar – von der Stadt- und Kirchengeschichte über persönliche Kindheitserinnerungen bis hin zu prägenden historischen Einschnitten.
Im Vorwort wird deutlich, dass die Herausgeber bewusst Menschen verschiedener Generationen zu Wort kommen lassen wollten. Die Frage „Was hat dir Semiklosch gebracht?“ – Semiklosch ist der verdeutschte ungarische Name der Stadt – führte zu sehr persönlichen Antworten. Daraus ergibt sich ein facettenreiches Bild von Heimat: Für die einen ist Großsanktnikolaus der Ort einer glücklichen Kindheit, für andere der Ausgangspunkt eines schmerzhaften Abschieds. Gemeinsamer Nenner ist die bleibende Verbundenheit – selbst bei jenen, die längst anderswo leben. Dieses Gefühl speist sich aus gemeinsam erlebter Zeit, aus Schule und Kirche, aus Nachbarschaft, Festen, Sprache und familiären Bindungen.
Das neue Buch „Großsanktnikolaus, Stadt- und Kirchengeschichte“ hat insgesamt 387 Seiten und ist thematisch in mehrere größere Abschnitte gegliedert. Nach einem Vorwort folgen zunächst stadtgeschichtliche Beiträge, die sich mit der historischen Entwicklung der Stadt, ihren Institutionen sowie einzelnen Familien- und Erinnerungsgeschichten beschäftigen. Darauf folgen umfangreiche Erzählberichte zur Flucht und Deportation sowie ein weiterer Abschnitt mit Berichten zur Russlandverschleppung der Banater Deutschen nach 1945. Den Abschluss bildet ein großer Teil mit persönlichen Reflexionen unter dem Titel „Der Ort prägt seine Leute“, in dem Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Generationen schildern, was Großsanktnikolaus für ihr Leben bedeutet. Die Vielfalt der Beiträge – historische Studien, Erinnerungen, Zeitzeugenberichte und persönliche Essays – verleiht dem Band eine breite Perspektive auf die Geschichte und Erinnerungskultur der Stadt.
Besonders herausragend ist der Beitrag von Peter-Dietmar Leber über die Stadt- und Kirchengeschichte von Großsanktnikolaus, der ganz am Anfang steht. Sein Text nimmt einen großen Umfang ein und ist deutlich wissenschaftlich fundiert aufgebaut. Leber arbeitet mit historischem Material, ordnet Entwicklungen ein und zeichnet die Entstehung und Entwicklung der Stadt über längere Zeiträume hinweg nach. Dadurch erhält der Leser einen fundierten Überblick über die historischen Strukturen, die kirchliche Entwicklung und die gesellschaftlichen Veränderungen des Ortes. Der Beitrag hebt sich durch seine Tiefe, seine klare Struktur und seine wissenschaftliche Arbeitsweise deutlich hervor und bildet gewissermaßen das historische Fundament des gesamten Bandes. Bemerkenswert sind auch die Beiträge des Lokalhistorikers Hans Haas, die sich mit dem jüdischen Leben in Großsanktnikolaus und mit den Gründen der Auswanderung der Deutschen befassen.
Der besondere Reiz des Bandes liegt darin, dass die meisten der 67 Beiträge von Autorinnen und Autoren stammen, die in Großsanktnikolaus geboren wurden oder dort ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Ihre Texte verbinden persönliche Erinnerungen mit historischen Erfahrungen und vermitteln dadurch ein lebendiges Bild des Ortes. Die Leser begegnen verschiedenen Generationen, deren Lebenswege zwar unterschiedlich verlaufen sind, die jedoch alle eine gemeinsame Wurzel in der Stadt haben. Gerade diese persönlichen Perspektiven ergänzen die wissenschaftlichen und historischen Beiträge auf eindrucksvolle Weise und machen deutlich, wie stark die Herkunft aus Großsanktnikolaus das Leben vieler Menschen geprägt hat.
Besonders lesenswert ist der Text der in Perjamosch/Periam lebenden Deutschlehrerin Sigrid Kuhn, die teils sehr humorvoll vor allem ihre Schulzeit in Großsanktnikolaus beschreibt und am Ende schlussfolgert: „Die Stadt hat was“. Marianne Marki, Lehrerin a.D. am Germanistiklehrstuhl in Temeswar, beschreibt, wie sie ihre Berufung in Großsanktnikolaus gefunden hat. Entscheidend war dabei die Inspiration durch ihre eigene Deutschlehrerin Dorothea Götz, die sie nachhaltig geprägt und zur Wahl ihres späteren Berufs motiviert hat. Solche persönlichen Erinnerungen zeigen, wie stark Schule, Familie und Heimat miteinander verwoben sind und wie sehr einzelne Menschen das Leben und die Entwicklung anderer beeinflussen können.
Ein wiederkehrendes Leitmotiv in vielen Beiträgen des Bandes ist die Aranka, der Fluss, der für viele Autorinnen und Autoren eng mit ihren Kindheitserinnerungen verbunden ist. Immer wieder wird geschildert, wie Kinder an ihren Ufern spielten, Zeit miteinander verbrachten und die Natur der Umgebung erlebten. Ebenso häufig taucht die deutsche Gemeinde als prägender sozialer und kultureller Raum auf, in dem sich das gemeinschaftliche Leben abspielte – in der Schule, in der Kirche und bei zahlreichen gemeinsamen Aktivitäten. Auch der Friedhof wird in mehreren Texten erwähnt und erhält eine besondere Bedeutung als Ort des Gedenkens und der Erinnerung an frühere Generationen. Diese Orte – die Aranka, die Gemeinde und der Friedhof – bilden gewissermaßen symbolische Fixpunkte der Erinnerungen und zeigen, wie stark Landschaft, Gemeinschaft und Geschichte im Bewusstsein der Menschen miteinander verbunden sind.
Warum ist all diesen Leuten die Aranka-Stadt so wichtig? In erster Linie, weil es der Ort ist, an dem ihre Biografien begannen. Hier liegen familiäre Wurzeln, hier formten sich erste Freundschaften, hier wurden Werte vermittelt. Das Buch ist daher nicht nur ein historisches Kompendium, sondern ein Akt der Verantwortung gegenüber der eigenen Herkunft und gegenüber kommenden Generationen. So versteht sich der Band als Einladung zum Nachdenken, Fragen und Weiterforschen. Er bewahrt nicht nur Vergangenes, sondern macht deutlich, dass der „Geist des Ortes“ weiterlebt: in Erinnerungen, Erzählungen und im gemeinsamen Bemühen, Geschichte lebendig zu halten.





