Am Neujahrstag 2026 erreichte Taylor Swifts „Ophelia-Song“ den Status des weltweit meistgestreamten Titels auf Spotify und stellte zugleich einen neuen Rekord für die schnellsten 100 Millionen Streams auf. Dieser Erfolg lässt sich insbesondere durch das am 3. Oktober 2025 erschienene zwölfte Studioalbum „The Life of a Showgirl“ der amerikanischen Pop-Sängerin Taylor Swift erklären: Bereits kurz nach Veröffentlichung entwickelte sich „The Fate of Ophelia“ (Das Schicksal der Ophelia), inspiriert von Shakespeares Drama „Hamlet“, zu einem besonderen Highlight des Albums.
Während Ophelia im Shakespeare-Original beim Blumenpflücken im Fluss ertrinkt, da sie den Tod ihres Vaters Polonius sowie Hamlets Verrat nicht überwinden kann, erfährt ihre Figur in Swifts Interpretation eine alternative Wendung, ein glückliches Ende dank der Liebe.
Im Song-Intro heißt es: „Ich habe dich rufen gehört / durch das Megafon / Du willst mich ganz alleine sehen / Wie die Legende es erzählt / liebst du das Feuer / du zündest den Funken nur, um ihn explodieren zu sehen. / Und wärst du nie zu mir gekommen, wäre ich vielleicht in der Melancholie ertrunken…“. Im Musikvideo steigt Swift als Ophelia aus dem Wasser und präsentiert sich in wechselnden Bühnenkostümen als Showgirl in bunten Auftritten. Diese visuelle Umsetzung der ertrinkenden Ophelia erinnert unweigerlich an das Gemälde „Ophelia“ aus der Zeit um 1900 des in Mecklenburg-Vorpommern geborenen Friedrich Wilhelm Theodor Heysers, ein Werk des deutschen Jugendstil- und Symbolismus-Malers, und nicht – wie zunächst von englischsprachigen Medien angenommen – an das bekannte „Ophelia“-Bild 1852, gemalt von Sir John Everett Millais, ein Maler der Präraffaeliten, der in der Tate Gallery Britain in London hängt.
Das Kunstmuseum Wiesbaden reagierte prompt auf die verstärkte Nachfrage der Anhängerinnen und Anhänger („Swifties“), die das Heyser-Gemälde des Museums im Original sehen wollten. Das zuvor eher unbeachtet in einer Ecke der Art-Deco-Ausstellung präsentierte Bild erhielt nun einen prominenten Platz am Ausstellungseingang, begleitet von Plakaten, einer Foto-Nische für Museumsbesucher sowie speziellen Fanartikeln. Bereits am 2. November letzten Jahres fand eine Führung zur Ausstellung statt, bei der neben der Info zum Maler Heyser sowohl Swift-Songs als auch die Geschichte der literarischen Figur Ophelia thematisiert wurden. Die große öffentliche Resonanz führte zu langen Warteschlangen vor der Kasse.
Der Hype um das Wiesbadener Gemälde, eine Schenkung aus der Jugendstil-Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess (eine Stiftung von 500 Jugendstil-Objekten für das Jugendstil-Museum von 2019) unterstreicht die Bedeutung der Bilderserie innerhalb des Museums.
Neben seinem „Ophelia“-Gemälde schuf Heyser zahlreiche Werke, etwa zu Goethes Ballade „Der Fischer“ (1886), Gedichten von Ferdinand Freiligrath (1887) oder mit „Die Peri am Himmelstor“ (1891) nach Thomas Moore ein zentrales Thema des Symbolismus. Viele Werke Heysers befinden sich allerdings bis heute in Privatbesitz und sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
Swift hat mit ihrer Musik nicht nur musikalisch den Zeitgeist getroffen, sondern auch kulturell und wenn man weiter analysiert, emotional, psychologisch und feministisch. Die Pop-Song-Hommage der weltweit bekannten amerikanischen Sängerin an die Kunstgeschichte hat neue Möglichkeiten eröffnet, frisches Interesse geweckt und einen zuvor wenig beachteten Symbolisten ins Rampenlicht gerückt.
Heyser, der in Dresden an der Kunstakademie studierte und Mitglied der Dresdner Künstler-Gruppe „Grün-weiß“ war, lebte und arbeitete in Dresden, Berlin, sowie eine kurze Zeit in Paris. Obwohl er von der Dresdner Akademie geprägt wurde und zunächst als realistischer Landschaftsmaler tätig war, wandte er sich um 1900 dem Jugendstil zu. Das symbolische Weiß, das Ophelia umgibt – wie die weißen Wasserlilien und ihr weißes Gewand –, steht für Unschuld und Reinheit mitten im Drama. Die Natur mit Wasser, Trauerweiden, Seerosen und Klatschmohn (als Zeichen des Todes) spiegelt die seelische Zerrissenheit seiner Figuren wider. Nach Angaben des Sammlers, der das Gemälde dem Museum schenkte, war es Teil einer Bildtrilogie, die vermutlich einst als elegante Salondekoration eines Bürgerhauses diente.
Swift setzt ihrer Ophelia Shakespeares tragische Gestalt gegenüber. Ihre Ophelia wird durch Liebe gerettet – „Ich ertrinke nicht mehr, werde nicht mehr getäuscht / nur weil du zu mir gekommen bist / Eingeschlossen in meiner Erinnerung, / und nur du besitzt den Schlüssel…“ – und ertrinkt nicht wie in Hamlet, dessen Ophelia „Die älteste Tochter eines Adligen. Ophelia lebte in der Fantasie / Aber die Liebe war ein kaltes Bett voller Skorpione / Das Gift raubte ihr den Verstand…“. Swift setzt der Tragik, dem Schicksal, die Freude, Lebenslust und Liebe entgegen. „Moderat literarisch, moderat feministisch“ sei sie – titelte eine Zeitung.
Der hessische Kunstminister Timon Gremmels ließ sich sogar dazu hinreißen, Taylor Swift offiziell nach Wiesbaden einzuladen, um das Originalbild zu ihrem Song zu besichtigen. Bisher kam noch keine Antwort.
Nichtsdestotrotz blieben auch kritische Stimmen nicht aus, die musikalische Qualität ihres Lieds wird kritisiert, wie auch die „unfeministische Umstimmung“ der Hamlet-Ophelia oder sogar Homophobie wurden dem Song unterstellt. Nun kann man hineininterpretieren, was man will.
Swift hat es geschafft, den Blick auf ein reizendes Bild einer Tragödie zu lenken, und wenn so mancher der Swift-Fans auch noch den Hamlet nachliest, ist es auch ein kultureller Sieg.






