Die Verschleppung in die UdSSR im Januar 1945 – Teil 2

Erinnerung an ein gemeinschaftliches Drama, das nicht vergessen werden darf


(Fortsetzung von gestern)

Ethnie: ANDERE

Die Facebook-Seite Diplomatische Archive des Außenministeriums weist außerdem darauf hin, dass, da ein großer Teil der jungen deutschen Männer in Rumänien zum überwiegenden Teil in die deutsche Armee eingezogen worden war, viele Jugendliche oder ältere Menschen sowie zahlreiche Frauen abgeholt wurden.

In einigen Fällen wurden auch Juden, Ungarn, Polen, Tschechen oder Serben, aber auch Rumänen festgenommen, nur weil ihr Name oder ihr äußeres Erscheinungsbild „deutsch“ wirkte.

Ebenso wurden jene Personen serbischer, slowakischer, ungarischer usw. Herkunft deportiert, die während des Krieges aus politischen oder administrativen Gründen ihre Zugehörigkeit zur deutschen Volksgruppe erklärt hatten.

In der Liste der als Deutsche deportierten Personen, die auf der Website des Nationalen Rates für das Studium der Securitate-Archive (CNSAS) zugänglich ist, findet sich bei zahlreichen Namen in der Rubrik ETHNIE der Eintrag: ANDERE, also nicht DEUTSCH. Zum Beispiel: Acsan Mihail Franz, geboren am 22.05.1902 in Johanisfeld/ Kreis Temesch; Adam Catarina, geboren am 17.04.1924 in Cruceni (Kreuzstätten)/ Kreis Arad; Adam Ecaterina, geboren am 15.01.1926 in Komlosch (Alt-Sanktanna)/ Kreis Arad; Adam Elisabeta, geboren am 10.02.1921 in Cruceni (Kreuzstätten)/ Kreis Arad;  Adamovici Ana, geboren am 00.00.1922, Geburtsort fehlt, wohnhaft in Lipova/Lippa / Kreis Temesch; Antis Antoniu, geboren am 01.05.1900 in Dolatz/ Kreis Temesch; Ardelean Ana, geboren am 29.06.1923 in Glogowatz/ Kreis Arad; Arvai Elisabeta, geboren am 06.10.1927 im Kreis Arad ; Beatzowtzki Feri (oder Biazofscky Francisc), „22 Jahre alt, Friseur, ledig /…/ war zur Arbeit in der UdSSR, danach in Deutschland, von wo er heimlich in die Gemeinde Văliug/Franzdorf, Kreis Karasch, zurückkehrte“ – Angaben aus dem Jahr 1949 ; Covaci Ianos, geboren am 25.03.1919 in Covaci/Kowatschi/ Kreis Temesch, Geburtsdatum unleserlich; Ivanovici Hermina, wohnhaft in der Gemeinde Ogradena, Kreis Severin – Angaben aus dem Jahr 1947; Koteles Ecaterina, geboren am 04.08.1927 in Komlosch (Alt-Sanktanna)/ Kreis Arad ; Kovacs Matei, geboren am 18.05.1926, Landwirt, wohnhaft in Tomnatic (Triebswetter), Kreis Temesch-Torontal, abgeholt am 14.01.1945; Lugosi Olga, „22 Jahre alt, aus Reschitza gebürtig, derzeit in Reschitza, war zur Arbeit in der UdSSR, kam heimlich aus Deutschland zurück“ – Angaben aus dem Jahr 1949 ; Vatav Alexandru, geboren am 08.02.1928, in die UdSSR deportiert aufgrund einer Verwechslung: seine Mutter heiratete 1945 einen Deutschen, weshalb man annahm, er sei dessen Sohn.

In dieser Liste erscheinen auch Personen, die in den Nachbarländern geboren wurden und einer anderen Ethnie angehörten, zum Beispiel: Fikkert Karol, geboren am 03.08.1901 in Békés/ Ungarn; Firnaiss Helena, geboren am 24.03.1926 in Fehérgyarmat/ Ungarn; Fuchs Ioan, geboren am 12.02.1907 in Osjeck/ Jugoslawien.

Schwaben, Sachsen und andere Ethnien

Eine weitere sehr umfassende, ausführliche und streng dokumentierte Studie, die sich mit der Deportation der zivilen Bürger deutscher, aber auch anderer Nationalität aus Rumänien befasst, ist die Arbeit von Dr. Ilie Schipor mit dem Titel: „Die Deportation der Deutschen aus Rumänien in die ehemalige UdSSR. Russische archivische Belege“. In der Einleitung erwähnt der Autor:

„Zehn Jahre lang (August 2009 – August 2019, ein Jahrzehnt, in dem ich als Minister-Berater an der Botschaft Rumäniens in Moskau tätig war) hatte ich die Chance, wenn nicht sogar das Privileg, in einigen der wichtigsten russischen Archivinstitutionen zu forschen: im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF), im Russischen Staatlichen Militärarchiv (RGVA), im Russischen Staatlichen Militärhistorischen Archiv (RGVIA), im Russischen Staatlichen Wirtschaftsarchiv (RGAE), im Russischen Staatlichen Archiv für Sozial-Politische Geschichte (RGASPI), im Zentralarchiv des Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (ZA FSB), im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (ZA MO) usw.“

Bezüglich der Deportierten anderer Ethnien wird in dieser Studie Folgendes erwähnt:

- „Anna Frambach aus Temeswar, Câmpina-Straße Nr. 22, ersuchte am 16. Januar 1945 schriftlich den Polizeichef von Temeswar, ihr zu gestatten, ‚zusammen mit meinem Ehemann Frambach Iosif und meinen beiden Töchtern, die vom russischen Kommando festgehalten werden, abzureisen, da es keinen Sinn hat, dass ich allein zu Hause bleibe, und ich lieber mit meiner Familie gehen möchte‘.

Kommissar Dascălu vom II. Polizeikommissariat der Stadt Temeswar schrieb und bestätigte mit seiner Unterschrift folgende Resolution (direkt oben links auf dem Schreiben vermerkt): 16. Januar 1945. ‚Dem Ersuchen wird stattgegeben, da sie von niemandem gezwungen wird.‘

Infolgedessen finden sich die vier Familienmitglieder auf einer der 60 Waggonlisten des Transportes Nr. 47.652 wieder, mit dem 1641 Deutsche aus Temeswar (824 Männer und 817 Frauen) in die UdSSR deportiert wurden. (…) Zwei weitere Temeswarer, ungarischer Herkunft und mit Deutschen verheiratet, beantragten am selben Tag, gemeinsam mit ihren Ehefrauen in den Waggonzug des Transportes Nr. 47.652 aufgenommen zu werden. Alexandru Varga (geboren 1912) und Robert Csiszmadia (geboren 1913), beide wohnhaft in der Lini{tii-Straße Nr. 2, baten darum, zusammen mit ihren Ehefrauen Varga Otilia (geb. Telkov, 1915) bzw. Csiszmadia Maria (geb. Petri) abreisen zu dürfen. Da beide Anträge vom selben Polizeikommissar Dasc˛lu genehmigt wurden, wurden die beiden rumänischen Staatsbürger – die nicht der Deportation unterlagen, da sie nicht deutscher, sondern ungarischer Herkunft waren – in die Waggontabellen eingetragen (an Stelle anderer Personen, deren Namen gestrichen wurden). Diese Tabellen bildeten die Dokumente, mit denen sie ihr Schicksal in die Hände der sowjetischen Delegierten – und durch diese in die Verfügungsmacht des willkürlichen Systems der UdSSR – legten.“

- „Der italienische Vizekonsul in Temeswar meldete am 25. Januar 1945, dass der italienische Staatsangehörige Smaniotto Ernesto, ethnischer Italiener, Sohn von Bartalomeo und Teresa, geboren am 31. Januar 1905 in Reschitza, ‚von sowjetischen Truppen abgeholt wurde, da er mit einem Deutschen verwechselt worden war‘, weshalb seine Freilassung beantragt wurde“.

- „Am selben Tag übermittelte der Leiter der Britischen Militärmission (unter Nr. 422/12. Januar 1945) General Winogradow die Vorläufige Liste der in Deutschland, Österreich und Ungarn geborenen Zivilpersonen mit britischer Staatsangehörigkeit sowie die Liste der rumänischen Staatsbürger deutscher, ungarischer und österreichischer Herkunft. In den beiden Dokumenten wurden 22 Personen namentlich aufgeführt, für die eine Ausnahme von der unmittelbar bevorstehenden Deportation beantragt wurde.“

- „Die Französische Gesandtschaft in Bukarest intervenierte am 12., 13. und 17. Januar 1945, zunächst für Rainer Biemel (geboren 1910 in Kronstadt, der jedoch mehrere Jahre in Frankreich lebte, in Toulouse unterrichtete und – bis 1940 – Beamter im Informationsministerium war) und dessen Tochter Ana Maria (geboren am 24. Juni 1936 in Saint-Ouen, französische Staatsbürgerin)“. Anschließend setzte sich die Gesandschaft ein für [tefan Hintz (Leiter der Remontestation des Jockey-Clubs, der „rumänischer Staatsbürger französischer und nicht deutscher Herkunft ist“ und dennoch „am 12. Januar aus seiner Wohnung in der Isp˛{oiu-Straße Nr. 10 verhaftet und zur Polizeistation Nr. 22 in Bukarest gebracht wurde, woraufhin er in einen Zug verladen wurde, um zur Arbeit in die UdSSR gebracht zu werden“), sowie für Alfred Weber (geboren am 12. Januar 1902 in Gala]i, der ‚als Franzose geführt wird‘).“

- „Das Zentralkomitee der Vereinigung der Rumänischen Juden (mit Sitz in Bukarest, Calea C˛l˛ra{ilor Nr. 27) ersuchte General Winogradow – mit Schreiben Nr. 95 vom 13. Januar 1945 – um die Freilassung von 11 jüdischen Personen, die von den NKWD-Organen festgehalten wurden. Die Vereinigung der Armenier in Rumänien (die auf Grundlage der „Genehmigung Nr. 2124 vom 25. Januar 1919 des Hohen Innenministeriums“ tätig war) beantragte mit Schreiben Nr. 2781 vom 15. Januar 1945, dass Hermina Minasian, Ehefrau eines Juden, wohnhaft in Pite{ti, Brâncoveanu-Straße Nr. 31, von der Deportation ausgenommen werde.“

- „Die Tschechoslowakische Kolonie (mit Sitz in Bukarest, Matei-Basarab-Straße Nr. 1) beantragte mit den Schreiben Nr. 1431 vom 13. Januar und Nr. 1432 vom 17. Januar 1945 die Befreiung von Otto Matu{tik und Ivan Koke{ von der Deportation.“

- „Die Mitteilung von Generalleutnant M. S. Krivenko, Leiter der Direktion für Kriegsgefangenenangelegenheiten und internierte Zivilpersonen, über die Zahl der in den Lagern des MWD der UdSSR internierten rumänischen Staatsbürger – 9. Januar 1947. (...)

1. Gesamtzahl der in die UdSSR verbrachten (deportierten) Personen – 66.318

2. Aus den Registern ausgeschieden (im Zeitraum Januar 1945 – 1. Dezember 1946) – 21.657 Personen, davon:

• freigelassen und repatriiert – 17.862 Personen
• verstorben – 3795 Personen

Inhaftierte zum 1. Dezember 1946 – 44.661 Personen

Die internierten rumänischen Staatsbürger gehörten folgenden Nationalitäten bzw. Ethnien an:

• deutsch – 40.963 Personen
• rumänisch – 1842 Personen
• ungarisch – 1480 Personen
• tschechoslowakisch – 187 Personen
• polnisch – 63 Personen
• jüdisch – 30 Personen
• österreichisch – 56 Personen
• andere – 40 Personen.“

Schlussfolgerungen

Die vorgelegten Dokumente – aus diplomatischen Archiven, Beständen des CNSAS und russischen Archiven – zeichnen ein kohärentes und unumstößliches Bild eines der dramatischsten Kapitel, das die Zivilbevölkerung Rumäniens in den Jahren 1944–1945 erlebt hat.

Die Deportation der Deutschen sowie der zahlreichen rumänischen Staatsbürger anderer Nationalitäten war nicht das Ergebnis spontaner Maßnahmen, sondern die Folge eines strengen administrativen Mechanismus, der mit der Beteiligung der lokalen Behörden umgesetzt wurde.

Die Analyse der Deportationslisten und der diplomatischen Interventionen zeigt, dass das ethnische Kriterium, obwohl als einziges und objektives dargestellt, in der Praxis willkürlich angewandt wurde. Zahlreiche Personen wurden aufgrund ihres Namens, administrativer Verwechslungen oder ihrer Zugehörigkeit zu Mischehen abgeholt.

In anderen Fällen baten Menschen, die von den sowjetischen Maßnahmen nicht betroffen gewesen wären, freiwillig darum, ihren Familien zu folgen – ein Umstand, der die tief menschliche und zugleich tragische Dimension dieser Ereignisse eindrucksvoll unterstreicht.

Heute, mehr als acht Jahrzehnte später, verpflichten uns diese Dokumente zu verstehen, dass das Leiden keine ethnische Zugehörigkeit kannte und dass die Deportation keinen Unterschied machte zwischen Deutschen, Rumänen, Ungarn, Juden, Serben, Tschechen oder Polen. Alle waren Opfer eines repressiven Systems, das die Identität in eine Schuld verwandelte.