Diesen Text wollte ich nie schreiben, und doch bin ich es, die ihn heute schreiben muss; denn ich bin eine der vielen, die Professor Radu Băncilă ihren Freund nennen durften.
Kennengelernt habe ich ihn vor etwa 18 Jahren, als ich meine ersten Schritte im Journalismus wagte. Für ihn war die ADZ stets die wichtigste Informationsquelle. Er sammelte alle Artikel über sich und seine Projekte, und das schon seit den Zeiten des „Neuen Weg“, in dem seine ersten Erfolge als Leistungsschwimmer festgehalten wurden.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie alles begann: an der Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache der TU „Politehnica“, über deren Absolventen ich berichten sollte. Er war der Leiter der Abteilung und unglaublich stolz auf „seine“ jungen Bauingenieure, die er Jahr für Jahr in die Welt schickte. Viele von ihnen machten beeindruckende Karrieren, im In- wie im Ausland.
Mit der Zeit wurden gerade diese Abschlussfeiern der Abteilung für Bauingenieurwesen in deutscher Sprache – die Verabschiedungen der Absolventenjahrgänge – zu „meinem“ Thema. Ich begleitete sie journalistisch über Jahre hinweg, und dabei kamen wir uns näher. Aus der Zusammenarbeit entstand eine Freundschaft, die ich sehr geschätzt habe.
Unvergesslich bleiben mir auch die Ausflüge mit der Draisine auf der Eisenbahnlinie Orawitza – Anina, die er für Absolventen und Hochschullehrer organisieren ließ. Ich durfte an einigen dieser Fahrten teilnehmen und habe viel daraus mitgenommen. Es war immer eine Freude, Professor Băncilă zuzuhören. Mit ihm konnte ich über alles sprechen – über Fachliches ebenso wie über Kultur und Kunst.
Prof. Dr.-Ing. Radu Băncilă, der am 26. März im Alter von 80 Jahren verstarb, war ein herausragender Hochschullehrer, ein leidenschaftlicher Ingenieur und ein Mensch, der weit über die Grenzen seines Fachgebiets hinaus wirkte. Sein Leben war geprägt von Neugier, Verantwortung und dem unermüdlichen Willen, Verbindungen zu schaffen: zwischen Menschen, Ideen und Kulturen.
Er wurde am 21. April 1945 in Temeswar geboren und wuchs in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen auf. Diese Erfahrungen prägten ihn nachhaltig. Besonders wichtig war für ihn seine schulische Ausbildung in deutscher Sprache an der „Nikolaus Lenau“-Schule – ein eher ungewöhnlicher Weg für einen Rumänen, doch einer, der ihm neue Perspektiven eröffnete und die Grundlage für seine lebenslange Verbundenheit mit der deutschen Kultur und Bildungswelt legte. Diese Prägung verstand er nicht als Zufall, sondern als Verpflichtung: Brücken zu bauen, wo Unterschiede bestehen.
Nach seinem Studium des Bauingenieurwesens an der „Politehnica“ in Temeswar, das er 1967 abschloss, begann er zunächst in der Praxis als Projektingenieur. Die dort gesammelten Erfahrungen prägten sein späteres Wirken als Hochschullehrer entscheidend. Doch es zog ihn bald zurück an die Universität – an den Ort, der zu seiner eigentlichen Wirkungsstätte werden sollte.
Ab 1970 arbeitete er als Assistent und entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer prägenden Persönlichkeit der Fakultät für Bauwesen. 1981 promovierte er, und in den folgenden Jahrzehnten widmete er sich mit großer Hingabe der Lehre und Forschung, insbesondere im Stahl- und Brückenbau – Disziplinen, die nicht nur technisches Können, sondern auch visionäres Denken erfordern.
Nach den politischen Veränderungen in Rumänien setzte er mit Mut, Weitblick und Beharrlichkeit die Gründung einer deutschsprachigen Studienrichtung im Bauingenieurwesen durch. Für ihn war das weit mehr als ein akademisches Projekt: Es war Ausdruck seiner Überzeugung, dass Bildung Grenzen überwinden kann. Mit Unterstützung internationaler Partner, insbesondere aus München und Graz, entstand eine Studienrichtung, die Generationen von Studierenden neue Horizonte eröffnete.
Als Professor, später als Dekan und Prodekan, übernahm er Verantwortung in entscheidenden Momenten der Fakultätsentwicklung. Dabei blieb er immer ein Mensch des Dialogs. Für ihn war Lehre kein einseitiger Wissenstransfer, sondern ein lebendiger Austausch, getragen von Vertrauen und Respekt. Seine Studierenden schätzten ihn nicht nur wegen seiner fachlichen Kompetenz, sondern auch wegen seiner Haltung – seiner Klarheit, seiner Fairness und seiner Fähigkeit, Orientierung zu geben.
Sein Wirken reichte weit über den Hörsaal hinaus. Als anerkannter Experte im Brückenbau war er an zahlreichen Projekten beteiligt und trug zur Entwicklung wichtiger Infrastrukturen bei. Dabei verlor er nie den Blick für das Ganze – für die Verantwortung des Ingenieurs gegenüber der Gesellschaft.
Besonders beeindruckte mich seine Fähigkeit, Menschen zu verbinden. Für ihn war die deutsche Sprache kein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Verständigung in einem größeren europäischen Kontext. Er verstand sich als Mittler zwischen Ost und West und sah Unterschiede nicht als Hindernis, sondern als Chance.
Auch persönlich war sein Leben von Beständigkeit geprägt. An der Seite seiner Ehefrau, der bekannten Endokrinologin Prof. Dr. Ioana Zosin, fand er Halt und Unterstützung. Ihre Beziehung war getragen von Respekt, Vertrauen und gemeinsamer Neugier auf die Welt.
Für seine Verdienste wurde Professor Băncilă vielfach ausgezeichnet, im In- und Ausland. Besonders hervorzuheben ist das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, eine Würdigung seines Engagements für die deutsch-rumänische Zusammenarbeit, die er 2012 vom damaligen deutschen Botschafter in Rumänien, Andreas von Mettenheim, entgegennahm.
Doch keine Auszeichnung kann wirklich erfassen, was er hinterlässt. Sein Einfluss lebt weiter in den Menschen, die er geprägt hat, in den Generationen von Ingenieuren, in seinen Kolleginnen und Kollegen und in den vielen internationalen Partnerschaften, die ohne ihn nicht entstanden wären. Er war ein Lehrer im besten Sinne des Wortes: jemand, der nicht nur Wissen vermittelte, sondern auch Werte – Genauigkeit, Ausdauer und Verantwortung. Und zugleich blieb er bis ins hohe Alter offen für Neues und bewahrte sich eine bemerkenswerte geistige Beweglichkeit.
Ich erinnere mich noch gut an unser letztes Treffen im vergangenen Jahr. Wir saßen bei einem Kaffee am Domplatz. Er erzählte mir mit leuchtenden Augen von der Jubiläumsfeier seiner Frau Ioana Zosin, voller Stolz und Freude. Gleichzeitig sprach er auch von seinem bevorstehenden Urlaub in Frankreich, den er mit seiner Frau plante – mit der er seit 50 Jahren zusammen war.
Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die nicht zu schließen ist. Doch zugleich bleibt ein reiches und seltenes Erbe, wie auch der Pfarrer, der die Begräbniszeremonie zelebrierte, hervorhob: in den Bauwerken, die unter seiner Mitwirkung entstanden sind, in den Institutionen, die er geprägt hat, und vor allem in den Menschen, die durch ihn ihren Weg gefunden haben.





