Ein Bukarest aus einem Guss?

Bauprojekte sollen schneller genehmigt und stärker aufeinander abgestimmt werden, fordern Stadtplaner auf einer Fachtagung

Nachdem sich der damalige Oberbürgermeister Nicușor Dan mit zwei Bezirksbürgermeistern über die Baustelle auf der Piața Unirii gestritten hatte, setzte er 2024 ein Referendum an. Das Ziel: mehr Macht in der Generalverwaltung zu konzentrieren. | Fotos: der Verfasser

Bukarests Stadtbaurat Matei Damian fordert eine gemeinsame Strategie.

Wie sollen die Städte der Zukunft aussehen? Diese Frage diskutierten Praktiker auf der Tagung „Cities of Tomorrow“ der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK). Bukarester Stadtplaner sind sich grundsätzlich einig: Bauen muss schneller möglich sein und sollte einer gemeinsamen Vision folgen. Konfliktpotenzial steckt im Detail – und die politische Umsetzung steht noch am Anfang.

Bukarest will aus einem seiner Juwelen endlich Kapital schlagen: Auf dutzenden Kilometern schlängelt sich der Fluss Colentina durch die Stadt, dicht vorbei an zahllosen Wohngebieten. Vereinzelt gesäumt von Uferwegen und Parks, ist der Fluss noch weitgehend unerschlossen. Das Rathaus des zweiten Bezirks hat hier ein gewaltiges Potenzial für Naherholung und Artenschutz ausgemacht. Der Plan: Auf einer Länge von 38 Kilometern Fahrradwege und Promenaden bauen, Parks mit Sport- und Ruhebereichen schaffen, Freilichtbühnen errichten und Artenschutzgebiete festlegen.

Ende dieses Jahres sollen die Bagger anrollen, kündigte Bezirksbürgermeister Rareș Hopincă an. „Ein sehr schwieriges Projekt“ sei es, man habe viel Land erwerben oder enteignen müssen. Die Eigentümerfrage hat Hopincă als größtes Hindernis für öffentliche Bauprojekte in seinem Bezirk erkannt. 90 Prozent der Zeit für ein Vorhaben verwende man auf die Bürokratie. Die Bauarbeiten seien lediglich „die Spitze des Eisbergs“. Nicht nur müssten private Flächen erworben werden, selbst auf Gebieten im öffentlichen Eigentum hat der Bezirk nicht freie Hand.

Welchen Hebel ziehen?

Öffentliche Flächen gehören in Bukarest ausschließlich dem General-Stadtrat, sprich der administrativen Ebene über den sechs Bezirken. Die Nutzungsrechte übergibt er in der Regel an die Bezirke. Bauliche Änderungen müssen jedoch von der Generalverwaltung genehmigt werden. Und hier sieht Bezirksbürgermeister Hopincă das Nadelöhr: Es könne vorkommen, dass Bauanträge der Bezirke jahrelang ohne Antwort bleiben, sagte er am Rande der Tagung im ADZ-Gespräch. Er regt eine 90-Tage-Frist an, innerhalb der die Generalverwaltung entscheiden müsse.

Matei Damian warnt vor einer solchen Anforderung. Der Bukarester Stadtbaurat sagt, er „schufte“ mit seiner Abteilung „hart“, um die Bauanträge zu bearbeiten. Seit einem Jahr schreibe eine Regierungs-Verordnung  vor, dass Baubehörden öffentliche Projekte mit Vorrang zu behandeln haben. Schon jetzt beobachte er, wie private Projekte deswegen aufgeschoben würden. Damit gehe Entwicklungspotenzial verloren, warnte Daniel Tudor auf der AHK-Veranstaltung. Als Geschäftsführer einer Beratungsagentur für Immobilieninvestoren wies er darauf hin, dass langwierige Genehmigungsverfahren private Bautätigkeit hemmen würden.

Daher sieht Stadtbaurat Damian die Hebel an zwei anderen Stellen: Zum einen sollten private wie öffentliche Bauträger darauf achten, vollständige Anträge mit allen erforderlichen Bauplänen und Karten einzureichen. Jede Rückfrage kostet Zeit.

Zum anderen ziehe die Personalknappheit in seiner Behörde die Verfahren in die Länge. Allein 10.000 Anträge auf Baugenehmigungen gingen in der Generalverwaltung jährlich ein. 20 bis 25 Architekten und Ingenieure seien dort für Bauanträge, Nutzungsänderungen und weitere Dokumente zuständig. Der Bedarf liege beim Dreifachen. Mehr noch: Der Stadtbaurat fordert eine neue Abteilung. Eine, die nicht nur reaktiv Bauanträge bearbeitet, sondern der Stadtentwicklung eine Linie gibt, schon bevor Investoren auf den Plan treten. Ein solches „Zentrum für Städtebauplanung“ sei vor Jahrzehnten abgeschafft worden – und die Konsequenzen in Damians Augen dramatisch.

Gegen den Wildwuchs

Er erinnert an den Immobilienboom ab 2005. Investoren hätten massiv gebaut, während die Kommune nicht hinterher gekommen sei. Geld und Strategie hätten gefehlt, um dem neuen Bedarf entsprechend öffentliche Infrastruktur zu renovieren und errichten. Das Resultat: Keine Grünflächen in Wohnungsnähe; Kinder müssen auf ihrem Schulweg die halbe Stadt durchqueren. Um das zu verhindern, brauche die Stadt eine gemeinsame Vision, nach der Generalverwaltung und Bezirke ihre Planung ausrichten, findet der Stadtbaurat. Eine Hauptstadt sei „wie ein Organismus“. Man könne ihn „nicht wie sechs Pizzastücke angehen“ – die Form der Bezirke. Ein Masterplan für Bukarest also.

Solche Leitlinien sind in anderen europäischen Städten seit Jahrzehnten Standard. Auf der AHK-Tagung präsentierten Stadtplaner Beispiele. Arne Lorz aus München stellte den Stadtentwicklungsplan mit der Überschrift „Stadt im Gleichgewicht“ vor. Mehrere Karten veranschaulichen den Status Quo und die Zukunftspläne: wie Grünflächen verteilt sind, auf welchen Achsen die Mobilität läuft, wo sich Wohnquartiere befinden und wie sich die Stadt vor Extremwetter schützen will. Aus solchen Konzepten werden Flächennutzungs- und Bebauungspläne abgeleitet und rechtsverbindlich festgelegt, so sieht es das deutsche Modell vor.

Dabei hatte auch Bukarest einst einen solchen „Masterplan“, in Kraft getreten im Jahr 2000. Viele der darin vorgesehen Projekte wurden umgesetzt, wie zum Beispiel der nordwestliche Stadtring „Pasajul Basarab“, blickt Matei Damian zurück. Andere Maßnahmen wurden nie Realität oder gar solche getroffen, die dem Plan widersprechen. Grund dafür: Eine Reihe von Baugenehmigungen sei nicht rechtmäßig erteilt worden.

Die Generalverwaltung habe diese Praxis mittlerweile beendet, sich professioneller aufgestellt und vergebe ausschließlich rechtskonforme Baugenehmigungen, so der Stadtbaurat. Die Folge sei mehr Rechtssicherheit und weniger Gerichtsprozesse, die die Verwaltung beschäftigen. Anders sei es bei den Bezirken, die bis heute gerne mal „mehrere Augen zudrücken“ würden, sagt Damian. In ihren Zuständigkeitsbereich fallen die allermeisten privaten Bauprojekte. Auf 92 Prozent der Bukarester Fläche vergeben die Bezirke die Baugenehmigungen, so Stadtbaurat Damian.

Umsetzung stockt

Beider Themen hatte sich Nicușor Dan in seiner Zeit als Oberbürgermeister angenommen. Zehn Jahre nach Beginn der Arbeiten daran legte er 2023 einen ersten Entwurf für den neuen Generalstadtplan („Plan Urbanistic General“) vor. Darin sind unter anderem Promenaden am Dâmbovița sowie neue Wohn- und Bürogebäude vorgesehen, wie die Plattform „Buletin de București“ damals berichtete. Im April vergangenen Jahres stellte die Stadtverwaltung 25 Gutachten vor, die den Ist-Zustand abbilden und damit die Grundlage für den neuen Plan legen. Bis Ende 2025 solle er fertiggestellt werden, bekräftigte Nicușor Dan damals. Soweit recherchierbar, ist das bis heute nicht geschehen.

Außerdem: In einem Referendum haben sich im November 2024 mehr als 66 Prozent der Wähler dafür ausgesprochen, dass künftig der Oberbürgermeister sämtliche Baugenehmigungen im Stadtgebiet erteilen soll. Nicușor Dan, der als treibende Kraft hinter dem Referendum galt, hat sein Amt als Oberbürgermeister im Mai 2025 aufgegeben.

Auf dem AHK-Podium stimmen die Bürgermeister des zweiten und des sechsten Bezirks grundsätzlich zu, dass sich Bezirke und Generalverwaltung stärker koordinieren müssen. Rareș Hopincă und Paul Moldovan mahnen aber auch, ein Generalstadtplan müsse Spielraum bei der Umsetzung lassen. Menschen in sehr dicht besiedelten Vierteln aus kommunistischen Zeiten hätten andere Bedürfnisse als Einwohner des Stadtzentrums, meint Moldovan. Er glaube nicht an Musterlösungen, die „wie eine Ideologie“ umgesetzt würden. Insbesondere dürfte der neue Generalstadtplan das Wirtschaftswachstum in den Bezirken nicht behindern, ergänzt Hopincă. Da der private Sektor sich stets dynamischer entwickle, müsse der öffentliche Sektor auf neue Bedingungen reagieren können.

Hopincă sagt, Entscheidungsgewalt stärker zu zentralisieren, sei nicht die Lösung. Wird es Bukarest schaffen, das Verhältnis zwischen seinen sechs berühmten „Pizzastücken“ und der Generalverwaltung auszubalancieren? „Ich bin nicht sehr optimistisch. Verhalten optimistisch“, gibt der Bezirksbürgermeister zu.

Dabei muss Bukarest gar nicht mehr beweisen, zu was es in der Lage ist. Stadtbaurat Damian erinnert an die Zwischenkriegszeit und ihren „unglaublichen Schwung“. Damals sind Wohnviertel wie Cotroceni oder Dorobanți entstanden, die auch 100 Jahre später noch in perfektem Zustand seien. Einschließlich Infrastruktur wie Parkanlagen, Straßenbäume, breite Straßen und Gehwege, die mustergültig geplant worden seien. „Aber leider Gottes“ habe Bukarest „in den letzten 30 Jahren nicht mehr auf die Erfahrungen der Großeltern gehört“, findet Matei Damian. So viel Bukarester Stadtplaner auch auf Fachtagungen von anderen europäischen Großstädten lernen können – manchmal reicht der Blick in die eigene Vergangenheit.