Am vergangenen Freitag wurde im Goethe-Institut Bukarest der Film „Sofia’s Last Ambulance“ von Ilian Metev gezeigt. Dazu eingeladen hatte die „OrașulReel Foundation“, die sich für ein bulgarisches Institut in Rumänien und die bulgarische Kultur und Menschen einsetzt. Der Film aus dem Jahr 2012 konnte auch noch vergangene Woche die Zuschauer bewegen und ein wirklich erschreckendes Bild des bulgarischen Gesundheitssystems offenbaren.
In der Dokumentation geht es um den Arzt Dr. Krassimir Yordanov, die Krankenschwester Mila Mikhailova und den Fahrer Plamen Slavkov. Gemeinsam bilden sie ein Krankenwagenteam. Wenn nichts los ist, was sehr selten ist, weil es zu jener Zeit insgesamt sehr wenig Krankenwagen in ganz Sofia gab, rauchen sie, machen Witze, und sind wie eine kleine Familie.
Doch ihr Alltag sieht meistens ganz anders aus. Mila Mikhailova spricht mit der Zentrale über ein Funkgerät, welches eine grauenhafte Qualität hat. Meistens versteht die Zentrale sie nicht und sie die Zentrale nicht. Doch ist der Einsatzort klar, fährt Plamen Slavkov los. Er fährt stets schnell, konzentriert und zielgenau durch die Stadt. Doch weil die Straßen in Sofia in einem unglaublich schlechten Zustand sind, wackelt der Krankenwagen und die Kamera stets enorm, als gäbe es ein ununterbrochenes Erdbeben. Dr. Krassimir Yordanov kommt dann zum Einsatz, wenn es in die Häuser und zu den Einsätzen geht.
Bei diesen zeigt die Kamera fast nie die Opfer, die Menschen, denen es schlecht geht, sondern nur die Gesichter des Teams. Auch im Auto werden, bis auf ganz am Ende, fast nie die Stadt, sondern nur die Gesichter des Teams in Nahaufnahme gezeigt.
Die Menschen, die nicht direkt gezeigt werden, erleben schreckliche Schicksale. Ein junger Mann, der der Drogensucht verfällt und seine Mutter, die verzweifelt, werden besucht. Ein alter Mann, der nachts in Sofia überfahren wurde und schreckliche Schmerzen leidet, wird ins Krankenhaus gebracht. Aber manchmal findet Dr. Krassimir Yordanov das Haus gar nicht, oder niemand macht die Tür auf. Denn manchmal – wegen der wenigen Krankenwagen und der fehleranfälligen Kommunikation mit der Zentrale – kommen sie zu einem Einsatz sogar vier Stunden zu spät. Dort können sie dann kaum noch helfen.
Wahrscheinlich dachten alle Zuschauer im Goethe-Institut, das unter anderem durch die bulgarische Community voll war, daran, wie es wäre, selbst in diesen Situationen und in den wackelnden Krankenwägen zu landen. Deswegen mussten manche Besucher auch regelmäßig wegschauen, oder stöhnten.
Im Zentrum der Doku stehen vor allem die drei Protagonisten, ihre Gesichter und ihre Mimik. Drei, die sich selber komplett aufopfern, um anderen zu helfen, aber auch nicht immer helfen können, weil das System am Boden liegt. Sie betreiben eine enorme Selbstausbeutung, um Menschen in der Not zu helfen.
Doch das geht nicht für immer, so Mila Mikhailova. Sie hat für die Vorführung in Bukarest extra eine Videonachricht aufgenommen. Dabei sitzt sie wahrscheinlich in ihrer Wohnung, sieht müde aus und berichtet vom Film und dem Gesundheitssystem. Sie selbst ist nicht mehr Notfallsanitäterin, sondern hat in die stationäre Medizin gewechselt, wo sie immer noch Menschen hilft.
Dr. Krassimir Yordanov ist mittlerweile, mit 55 Jahren, verstorben. Sein Kittel hänge laut ihr nun als Andenken im Krankenhaus. Mila Mikhailova lobt in der Videobotschaft die Menschlichkeit und den unermüdlichen Einsatz von Dr. Krassimir Yordanov überschwänglich.
Nur Plamen Slavkov fährt auch noch heute mit dem Krankenwagen durch Sofia. „Jedes Team ist anders, hat eine andere Geschichte“, berichtet Mila Mikhailova und zollt dann allen ihren Respekt, die diesen Job trotz der schlechten Bezahlung und der auslaugenden Arbeit weiter machen.
Alles in allem war der Filmabend im Goethe-Institut beeindruckend – insbesondere weil die Probleme in Bulgarien so schamlos offengelegt wurden. Doch auch aus rumänischer Perspektive sind diese Bilder erschütternd, denn schlechte Zustände im Gesundheitssystem sind auch hier ein Dauerbrenner. Unter anderem der Film „The Death of Mr. Lazarescu“ (Moartea domnului Lăzărescu) haben sich – hier jedoch als Spielfilm – mit diesem System auseinandergesetzt. Dadurch stellten sich viele Zuschauer beim Schauen wahrscheinlich die Frage: würde es in Rumänien viel besser laufen?





