„Ein Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen, Ideen austauschen und Neues entdecken“

Francesca Szöke stellt die Bibliothek des Goethe-Instituts vor

Francesca Szöke | Foto: Valentin Brendler

Das Goethe-Institut und die zugehörige Bibliothek sind den allermeisten Deutschsprachigen in Bukarest und Rumänien bekannt. Doch dahinter steckt viel Arbeit, wie die Leiterin des Bereichs „Information und Bibliothek“, Francesca Szöke, im ADZ-Gespräch verrät. Darüber hinaus gibt sie Einblicke in den Alltag einer Bibliothek: Wer kommt in eine Bibliothek? Was wird am liebsten ausgewählt? Und woher kommen all die Bücher?

Denn für viele Literaturfans, Studierende und Schüler ist die vergleichsweise kleine deutschsprachige Bibliothek „der dritte Ort“ im Leben. „Der dritte Ort“ ist ein Begriff, den der Soziologe Ray Oldenburg im Jahr 1989 geprägt hat. Dabei ist der erste Ort im Leben der Wohnort (dort, wo die Familie lebt), der zweite die Arbeit und der dritte ein öffentlicher Ort, der für jeden zugänglich ist, an dem jeder Zeit verbringen kann und der dadurch einen Treffpunkt für die Gemeinschaft darstellt. „Als Begegnungsort soll die Bibliothek ein inspirierender Raum sein – ein Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen, Ideen austauschen und Neues entdecken“, so auch die Bereichsleiterin Francesca Szöke.

Eine kleine Bibliothek, die viel Arbeit macht

Doch damit die Bibliothek ein solcher Ort sein kann, muss Szöke und ihr Team – bestehend aus Alexandra Ivan (Kommunikation Social Media, Webseite und Newsletter), Paula Dunker (Bibliothekarin) und mit Unterstützung von Freiwilligen beim Institut – viel arbeiten. Denn insgesamt gibt es um die 7700 Medien, wie Szöke verrät. 

Doch lässt es sich Szöke nicht nehmen, zuerst ausführlich und stolz die Bibliothek vorzustellen. Das Erste, was sie zeigt, sind die Klassiker der deutschen Literaturgeschichte. Diese sind vor allem für Studenten oder Schüler der deutschsprachigen Schulen oder Universitätsstudiengänge interessant. „Wir haben sie noch, obwohl eigentlich heutzutage auch alles im Internet zu finden ist“, berichtet die Bereichsleiterin. Womöglich werden deswegen einige Klassiker in Zukunft aussortiert. 

Dieses Schicksal wird die meisten der aktuellen, deutschsprachigen Romane  nicht so bald ereignen, die in zahlreichen Regalen neben den Klassikern stehen. „Wir haben aktuelle Titel, Neuerscheinungen oder wichtige zeitgenössische Autoren, vor allem aus Deutschland. Bücher aus Österreich oder der Schweiz haben wir leider weniger. Wir haben nicht genug Platz“, so Szöke weiter, während sie schon zum nächsten Regal geht.

Kinder und Jugendliche kommen gerne

Dort stehen die Kinder- und Jugendbücher, denn ca. 37 Prozent der Besucher sind in dieser Altersgruppe. „Die kleineren Kinder leihen vor allem mit ihren Eltern Bücher aus. Meistens nehmen sie gleich so zehn Bücher mit, aber sie werden ja auch schnell durchgelesen.“ Die etwas älteren, zwischen zehn und 14 Jahren, leihen  meistens nur einen Roman aus. Bis sie eben 14 werden, dann kommen sie laut Szöke nicht mehr. „Dann haben sie wahrscheinlich andere Probleme“, scherzt sie. 

Jedoch versucht sie, diesen Umstand zu ändern. Deswegen hat sie in diesem Jahr bis Juni einen Leseclub für Jugendliche ins Leben gerufen. Dabei kamen 25 Schüler und Schülerinnen aus der 9. und 10. Klasse. Jeden Monat musste ein Buch gelesen werden – das ernste Themen wie Mobbing, Armut und Sexualität, ansprach –, das dann gemeinsam diskutiert wurde. Am Ende der Besprechung stellt die Lehrerin Valentina Morman, die ebenfalls den Club mit leitete, immer das nächste Buch vor. Dafür bereitete sie eine Kiste mit Gegenständen vor, die im kommenden Roman vorkommen, und die Clubmitglieder rätselten, worum es gehen wird und wurden beim Lesen dann überrascht. 

Am Ende gab es auch noch ein kleines Theaterstück, das die Clubmitglieder in vier Tagen unter anderem mit dem Schauspieler Axel Moustache einübten. In kleinen Gruppen präsentierten die Schüler und Schülerinnen dabei die einzelnen Bücher, die sie gelesen haben. Bald soll der Club erneut angeboten werden, berichtet Szöke, die sich augenscheinlich bereits darauf freut.

Selbst DVD-Player können ausgeliehen werden

Doch zurück zur Bibliothek. In dieser gibt es auch noch Geschichtsbücher, die vor allem interessierte Stammkunden ausleihen, eine gigantische Ansammlung an Lernmaterial für Lehrer und Lernende, Bilderbände über Deutschland, die laut der Bereichsleiterin „ein paar alte Damen immer noch vor dem Internet bevorzugen“, Bücher über Rumänien, Philosophie, Journalismus und viele weitere Themenbereiche. Außerdem gibt es Magazine, Comics, CDs und DVDs. „Jedoch haben einige Besucher angemerkt, dass sie keine DVD-Player mehr besitzen. Deswegen haben wir einen angeschafft, der gleich mit ausgeliehen werden kann“, so Szöke. Wie praktisch!

Ein ähnliches Konzept gibt es auch bei der „Bibliothek der Dinge“. „Hier können die Besucher verschiedene Gegenstände ausleihen, vor allem Gegenstände, die man nicht sofort kaufen will.“ Unter anderem gibt es eine Nähmaschine, eine Brotmaschine, einen Lautsprecher für Partys, einen Staubsauger für das Auto, eine Hängematte und vieles mehr. 

Bibliothek der Toleranz

Direkt gegenüber ist auch die „Bibliothek der Toleranz“. Dabei gibt es vor allem Literatur über den Holocaust. Dies hat das Team der Bibliothek extra kuratiert, weil es laut Szöke in der 11. Klasse in Rumänien als Fach eingeführt wurde. Außerdem liegt in der „Bibliothek der Toleranz“ ein Koffer. „Das ist nur, um das Thema sichtbarer zu machen“, erklärt sie. „Es ist eigentlich nur ein alter Koffer“, er soll jedoch an die Bilder erinnern, wie Juden damals bei den Deportationen nur einen Koffer mit ihren letzten Gegenständen in der Hand hatten. Damit soll auf die dazugehörige Literatur aufmerksam gemacht werden.

Woher kommen all die Bücher?

Doch woher kommen all diese unterschiedlichen Bücher? Szöke erklärt, dass sie über einen Händler, der mit allen Goethe-Instituten kooperiert, bestellt werden können. Auf der Internetseite, wo sie die Bücher bestellt, gibt es Empfehlungen von Experten, sie versucht aber auch, die Bücherwünsche der Bukarester Besucher und Bibliotheksfreunde zu berücksichtigen.

„Vergangenes Jahr haben wir ungefähr um die 200 Bücher bestellt“, berichtet sie. „Eigentlich, so habe ich es gelernt, müsste man jedes Jahr um die zehn Prozent aller Bücher mit aktuellen Werken austauschen, um eine aktuelle Bibliothek zu haben. Das wären um die 700 Bücher. Das können wir leider nicht finanzieren“, erklärt sie, obwohl sie den Besuchern natürlich gerne ein noch umfangreicheres und besseres Angebot bieten würde. Die alten Bücher, die von der Bibliothek aussortiert werden, werden jedes Jahr  bei eigenen Buchbasaren veräußert. 

Zahlreiche andere Projekte

Auch das muss Szöke organisieren. Denn sie muss sich nicht nur um die Bücher kümmern, sondern sie organisiert auch Lesungen, Buchvorstellungen, Autorengespräche und anderweitige Projekte. Doch das scheint die fleißige Leiterin nicht zu stören: „Ich arbeite seit 20 Jahren am Goethe-Institut Bukarest und vor zwei Jahren wurde diese Stelle ausgeschrieben. Ich habe dieses neue Arbeitsfeld als persönliche Herausforderung und gleichzeitig persönliche Entwicklung wahrgenommen und, obwohl ich viel Erfahrung in der Goethe-Welt habe, lerne ich jeden Tag etwas Neues. Das freut mich und motiviert mich sehr!“