Eine Künstlerin zwischen Kronstadt, Berlin und Bukarest

Arinda Cr²ciun, eine vielseitige Malerin und Zeichnerin mit Herz für ihre Heimat Rumänien

Ein Porträt der Künstlerin Foto: Patricia Morosan

Ein Bild für den kommenden Graphic Novel Foto und Comic: Arinda Crăciun

Ihr Arbeitsplatz im Atelier Petit 4 in Berlin Foto: Margit Lesemann/BuchMarkt


Arinda Crăciun hat vor kurzem das faszinierende Buch „Ortswechsel Bukarest“ herausgebracht, in dem sie Bukarest mit Bildern und Texten vorstellt (die ADZ berichtete). Im feinfühligen und wunderschönen Zeichnungen nähert sie sich Bukarest auf einer einzigartigen Weise. Interessant am Buch ist auch, dass es auf Deutsch erschienen ist und jedenfalls bisher noch nicht übersetzt wurde. Wer ist also diese Künstlerin, die einen rumänischen Namen trägt, in Berlin wirkt und lebt und ein deutschsprachiges Buch über die rumänische Hauptstadt verfasst hat?

Aufgewachsen und geboren wurde die Künstlerin in Kronstadt/Brașov im Jahr 1979. Schon früh ist Crăciun dann mit der deutschen Sprache in Kontakt getreten, wie sie im ADZ-Gespräch berichtet. „Meine Urgroßmutter war Deutsche und mein Opa war halb Deutscher und so weiter“, erklärt sie. Jedoch wurde in ihrer Familie kaum Deutsch gesprochen, sondern natürlich Rumänisch. Trotzdem schickten ihre Eltern sie dann auf  eine  deutschsprachige Kita, dann in eine deutschsprachige Grundschule und dann in das deutschsprachige Honterus-Gymnasium.

„Damals, in der Kita, konnte ich jedoch noch gar nicht richtig Deutsch“, sagt sie, natürlich mittlerweile in perfektem Deutsch. „Im Unterricht habe ich dann von einer Karpatenrundschau gehört. Ich wusste gar nicht, dass es eine Zeitung ist. Ich dachte, es wäre so etwas wie eine Rundfahrt.“ Als sie im Gespräch dann erfuhr, dass es die Zeitung immer noch gibt, war sie sehr überrascht. 

Die deutsche Sprache wurde ihr also in die Wiege gelegt, auch deswegen entschied sie sich, nachdem sie vier Jahre auf Deutsch Wirtschaft in Bukarest studiert hatte, nach Deutschland zu gehen. Unter anderem hatte sie gemerkt, dass ihre Zukunft nicht in der Wirtschaft liegt – das Studium sei für sie heute nur noch eine ferne Erinnerung. 
Also packte sie im Jahr 2001 ihre Sachen und ging nach Köln, wo sie Slawistik und Germanistik studierte. Später, 2010, ging es weiter in die Hauptstadt, nach Berlin, wo sie Illustration studierte und ihre Bestimmung entdeckte: Künstlerin. 

Nun ist es bereits 2026. Also ist 2010 ganze 16 Jahre her, aber Cr²ciun ist immer noch in Berlin – einer Stadt, in der sie wirklich angekommen ist. „Ich würde schon sagen, dass Berlin mit-tlerweile meine Heimat ist, weil ich schon so lange hier bin“, so die Künstlerin, aber sie führt noch weiter aus: „Ich weiß auch nicht, ob ich wieder nach Bukarest ziehen würde. Ich habe es mir manchmal überlegt. Ich will es nicht ausschließen. Ich glaube, wenn ich jemals wieder umziehen würde, in ein anderes Land, dann wäre es Rumänien, nach Bukarest, auch wenn sich über die Jahre viel verändert hat.“ Woanders könnte sie sich nicht vorstellen zu leben, insbesondere in einem Land, dessen Sprache sie nicht spricht.

Mit Rumänien ist sie weiterhin verbunden. Ihre Familie lebt dort, die sie natürlich besucht. Sie hat viele rumänische Autoren gelesen und liest weiterhin rumänische Nachrichten und hört rumänische Podcasts, die sich mit der Hauptstadt auseinandersetzen. „Ich war ich in Bukarest immer nur sehr kurz – abgesehen vom Studium, das lange her ist. Ein Tag, vielleicht zwei Tage, immer so ganz schnell, Zack, Zack, zwischen Tür und Angel.“

Doch sie wollte länger bleiben, die Stadt neu erleben. Dann bot sich eine Chance: Sie sprach mit Su-sanna Rieder, die einen nach ihr benannten Verlag hat. Cr²ciun erzählte ihr, dass sie plane, nach Bukarest zu reisen und dort vielleicht auch etwas zeichnen wird. Rieder fand das gleich so toll, dass sie anbot, aus den Zeichnungen ein Buch zu machen.
Daraufhin musste sie geplanter vorgehen: Sie musste länger in der Stadt bleiben, viele Orte besuchen und natürlich dabei auch viel zeichnen. Dazu las sie viel über die Stadt: über die Architektur, die Geschichte und prominente Menschen, die in ihr gewohnt hatten und über die Stadt geschrieben haben. 

Dann reiste sie – meistens für mehrere Wochen –  mehrmals im Jahr nach Bukarest. „Am Anfang hatte ich keine Liste, was ich zeichnen möchte, oder so. Als allererstes habe ich den Flughafen gezeichnet – was auch im Buch am Anfang ist“, so die Künstlerin. „Sonst bin ich einfach sehr viel zu Fuß spaziert, bin Tram gefahren und habe in Cafés gesessen. Dann habe ich spontan gezeichnet, was mich angesprochen hat, was mir aufgefallen ist, auch Details, Ausschnitte.“ Die dicken Acrylstifte und ein Skizzenbuch hatte sie dafür immer in der Tasche. Im Vorhinein hatte sie sich für eine Farbpalette entschieden, die zu Bukarest passt: „Hauptsächlich grau und beige. So sieht die Stadt eben aus.“ Die Zeichnungen stellte sie dann in ihrer Wohnung fertig – was so einfach klingt, doch es dauert viele Stunden, meistens Tage. 

Als sie schon einige Zeichnungen und Porträts hatte, machte sie sich einen konkreteren Plan: Was möchte ich zeigen, was nicht, was sind wichtige Themen in und für Bukarest und was ließe sich über die einzelnen Orte schreiben? In Zusammenarbeit mit Eva Ruth Wemme (die beim Text geholfen und ihn erweitert hat) und Yimeng Wu (die Designerin des Buches) wurde das Werk dann fertiggestellt. Insgesamt hat es mehrere Jahre gedauert, bis das Buch nun in die Buchhandlungen gekommen ist.

In einer solchen durfte sie in Deutschland vor Kurzem ihr Werk dann auch vorstellen. Dabei freute sie insbesondere, dass auch einige rumänische Gäste vor Ort waren, die das Buch lobten. „Es freut mich beson-ders, wenn jemand aus Bukarest, der die Stadt auch richtig kennt, mein Buch mag. Viele bekannte Touristenspots sind nicht wirklich in ‚Ortswechsel Bukarest‘ vertreten, aber das finde ich ja auch gut so.“ Abseits davon zeigte sie an diesem Tag auch Zeichnungen, die es nicht ins Buch geschafft haben, beantwortete die Fragen der Gäste und zeichnete und signierte die Bücher. 

Nun sitzt sie bereits wieder am nächsten Projekt. Aktuell arbeitet sie an einem Comic, in dem es ebenfalls um Rumänien geht (siehe Foto). Darin beleuchtet sie das Thema Abtreibungen im kommunistischen Rumänien – im Kontrast zur aktuellen Zeit. Pro Woche versucht sie aktuell ungefähr eineinhalb bis zwei Seiten fertigzustellen – so lange dauert die Arbeit.  Sie sitzt bereits seit zwei Jahren am Projekt und vermutet, dass sie auch noch zwei weitere Jahre brauchen wird.

Doch immerhin muss sie momentan keinem Nebenjob nachgehen – sie kann von ihrer Kunst leben, was momentan in Europa immer schwerer wird für Künstler. Sie hatte zwar die vergangenen zwei Jahre einen Job in einer Buchhandlung, konnte diesen aber nun wieder ablegen. Sie ist sich aber bewusst, dass es bald wieder nötig sein könnte – das Leben als Künstlerin kann schwer sein.

Grundsätzlich verdient sie Geld durch Aufträge, die sie unregelmäßig von Zeitungen, Magazinen und verschiedensten Institutionen bekommt, von ihren Büchern, von Workshops, die sie leitet, und von Stipendien, die sie manchmal erhält. Sie plant auch, in der nahen Zukunft Urban Sketching Workshops und Live-Zeichnen anzubieten. Trotzdem versucht sie, klassisch von 9 bis 17 Uhr von Montag bis Freitag zu arbeiten, damit sie am Wochenende etwas Zeit für sich hat. Natürlich nur, wenn nicht aktuell ein dringender Auftrag reinkommt.
Was für ihre Arbeit jedoch besonders wichtig ist – wie sie erzählte – ist ihr Platz in einem Atelier, mit dem Namen „Atelier Petit 4“ in Berlin, dass sie sich mit vier weiteren Kollegen teilt. In diesem sitzt sie jeden Werktag und versucht gerade vormittags alles Wichtige zu regeln. Doch vor allem zeichnet sie dort fleißig.