Fünf Monate nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana: Wer trägt die Schuld?

Und welche Parallelen es zur Tragödie im Bukarester Club-Colectiv gibt

Der Platz vor der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana am 8. Januar

Die geschlossene Bar nach der Brandkatastrophe Fotos: Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0

Am ersten Tag dieses Jahres ereignete sich eine schreckliche Katastrophe in Crans-Montana in der Schweiz. In der Silvesternacht, um 1.26 Uhr, brach ein Feuer in der Bar „Le Constellation“ aus, das in kürzester Zeit 41 Menschen, darunter 20 Minderjährige, das Leben kostete. 115 weitere wurden verletzt, die meisten davon schwer. Die Katastrophe erinnert stark an den Brand im Club-Colectiv im Jahr 2015 in Bukarest. Nach diesem gab es in Rumänien landesweite Proteste, vor allem gegen die Korruption im Land. In der Schweiz bleibt dies bisher aus. Doch warum? Wer trägt die Schuld? Und wie wird in der Schweiz mit der Katastrophe nach ein paar Monaten umgegangen?

Die beiden Katastrophen haben wirklich erschreckende Übereinstimmungen. Das Feuer in Crans-Montana wurde wahrscheinlich von einer „Sprühfontäne“ ausgelöst. Das ist ein kleines Feuerwerk, an Silvester durchaus üblich, aber natürlich für den Gebrauch an freier Luft gedacht. Dieses soll ein kleines Feuer an der Decke des Kellerlokals ausgelöst haben. Die wiederum war mit Schaumstoff verkleidet, sodass sich das Feuer daraufhin in einem sogenanntem „Flashover“ in kürzester Zeit zu einem großflächigen, unglaublich heißen Brand ausweitete. 

„Fotos legen zudem nahe, dass Fluchtwege zum Problem wurden: Ein schmaler Treppenaufgang wirkte wie ein Kamin, der Hitze nach oben zog, während ein Notausgang und weitere Türen offenbar verschlossen waren. Viele Opfer wurden am Fuß der Treppe gefunden“, so berichtet das Musikmagazin „Groove“, das sich auch mit der Katastrophe auseinandergesetzt hat. 

Bei der Club-Colectiv-Tragödie war es fast identisch: Ein Feuerwerk entflammte leicht entzündlichen Polyurethanschaum und das Feuer breitete sich rapide aus. Auch dort gab es keine benutzbaren Notausgänge, sodass sich nur ein Fluchtweg anbot: die Eingangstür. Dies kostete mindestens 66 Menschen das Leben, viele weitere wurden schwerstverbrannt und kämpfen bis heute mit den schweren Folgen.

Haben die Schweizer nichts gelernt?

Nun ist durchaus die Frage erlaubt, ob die Schweizer Behörden, oder die Schweizer Clubbesitzer, oder mindestens der vor Ort zuständige Schweizer Brandschutzbeauftragte noch nie von der Club-Colectiv-Tragödie gehört haben? Wurden die baulichen Fehler und fehlenden Notausgänge nicht bemerkt, oder gar fahrlässig ignoriert?

Genau zu dieser Frage ermitteln momentan die Schweizer Strafverfolgungsbehörden. Im Fokus sind sowohl das  Barbetreiber-Ehepaar Moretti – für das laut dem italienischen Anwalt Alessandro Vaccaro (der eines der Opfer vertritt) im Monat Mai neue Vernehmungen angesetzt sind – und die staatlichen Kontrollbehörden. Das sind die Gemeinde und die verantwortlichen Brandprüfer, beziehungsweise der Brandprüfer.

Denn in der Gemeinde Crans-Montana, in der über 10.000 Menschen leben – dazu kommen noch zahlreiche Touristen jedes Jahr – gab es nur einen Brandprüfer/Sicherheitschef. Dieser beschwerte sich schon im Jahr 2018 über seine Arbeitsbedingungen. So schrieb er der Gemeinde in diesem Jahr laut Schweizer Tagesanzeiger: „Derzeit tue ich mein Möglichstes, um meine Arbeit gemäß den geltenden Anforderungen auszuführen. Leider ist es mir nicht möglich, alles zu machen. Meiner Ansicht nach gibt es zwei Lösungen: Der Gemeinderat übernimmt die Verantwortung und akzeptiert, dass die geltende Gesetzgebung im Bereich Brandschutz nicht vollständig umgesetzt wird. Oder, zweitens: Der Gemeinderat beschließt, einen zusätzlichen, noch festzulegenden Prozentsatz an Ressourcen bereitzustellen, um das Sicherheitsteam zu verstärken.“

Ein unqualifizierter Mitarbeiter als Notlösung?

Daraufhin wurde zwar eine 40-Prozent-Teilzeitstelle bewilligt. Dieser Mitarbeiter war aber zu wenig qualifiziert, um seine Aufgaben zu erfüllen. Er musste nach ein paar Monaten wieder entlassen werden, so der Tagesanzeiger. Im 2020 wiederholte der Beauftrage seine Beschwerde an die Gemeinde. Es wurde etwas diskutiert und der Sicherheitsmann wurde im Jahr 2021 gebeten, eine Auflistung der Probleme zu senden. „Darin findet sich eine Tabelle, aus der klar hervorgeht, dass in den Jahren 2018 bis 2021 jedes Jahr Hunderte von gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen nicht gemacht wurden“, so der Tagesanzeiger. 
Nach der Brandkatastrophe sagte der Gemeinderat in einer Pressekonferenz jedoch, von den Mängeln nichts gewusst zu haben. Außerdem bekräftigt das Gremium, Anträgen auf Personalaufstockung in dem Bereich stets stattgegeben zu haben.

Ob das stimmt, untersuchen aktuell die Schweizer Strafverfolgungsbehörden. Ganz offenbar ist, dass die Clubbesitzer entweder bewusst fahrlässig oder unwissend ein unsicheres Lokal gebaut haben und dass dies gesetzeswidrig nicht korrekt von den Behörden überprüft wurde. Wer die Schuld trägt, wird nun polizeilich und anschließend wohl juristisch geklärt werden.

Zwei Katastrophen und zwei unterschiedliche Reaktionen

Interessant ist, dass die Reaktionen in Rumänien und der Schweiz sich an dieser Stelle unterscheiden: In beiden Ländern gab es zwar große Trauer und Anteilnahme der Zivilbevölkerung und der dringende Wunsch zur Aufklärung der Schuldfrage, in Rumänien gab es jedoch Massenproteste (nach denen Victor Ponta als Regierungschef zurücktrat) und in der Schweiz sind diese ausgeblieben. In Rumänien lag es vor allem daran, dass die Katastrophe als trauriger Höhepunkt von staatlichem Versagen und Korruption gesehen wurde (die im spezifischen Fall natürlich von Einzelpersonen verursacht wurden), während in Schweizer Medien zumeist nur über die einzelnen Verantwortlichen gesprochen wird.

Dieser Umstand ist auch der Zeitung „Gândul“ aufgefallen, die vermutet, dass es in der Schweiz „niemand wagte, das Leid der Menschen zu politisieren.“ 

Das unvorstellbare Leid

Und das Leid der Menschen, gerade auch der Überlebenden, ist enorm. Alexandra Furnea, welche die Katastrophe in Bukarest überlebt hat, berichtet in ihrem Buch „Das Tagebuch der 66. Die Nacht, in der ich brannte“ (siehe ADZ, 22. Juli 2025: „Für ein zukünftiges Land, wo das Gesundheitssystem heilt, statt zu töten“) über die schreckliche Nacht, aber auch über die furchtbaren Zustände in der Brandopferklinik in Rumänien. Dort wurden hygienische Standards überhaupt nicht eingehalten, die Brandopfer wurden in einer Plastikwanne ohne Medikamente gewaschen (was zu unglaublichen Schmerzen bei den bereits Traumatisierten führte) und einige Überlebende starben an Infektionen im besagten Krankenhaus.

Solche Zustände blieben den Schweizer Überlebenden zum Glück erspart, obwohl sie natürlich trotzdem mit den Folgen schwer zu kämpfen haben. So ergeht es auch dem  18-jährigen Luka, wie die ARD-Tagesschau berichtet. Bei ihm wurden 60 Prozent seiner Hautoberfläche verbrannt. „Zwei bis dreimal in der Woche wird Luka operiert. Er muss wieder neu laufen lernen, tastet sich langsam ins Leben zurück“, so die deutsche Nachrichtenseite. 

Seine Eltern können kaum noch arbeiten und verbringen die meiste Zeit im Krankenhaus bei Luka und fühlen sich alleingelassen von den Schweizer Behörden und der Politik. „Niemand übernimmt Verantwortung“, sagt der Vater Hugues Blatti, so die Tagesschau. „Niemand kontaktiert uns. Weder die Gemeinde Crans-Montana noch der Kanton Wallis noch die anderen Kantone oder der Bund“. Viele Menschen seien sehr großzügig und sehr mitfühlend – das sei ihm zufolge wirklich das exakte Gegenteil zu den Behörden.

Eine Schweizer Rechnung an die Überlebenden?

Genau diese Schweizer Behörden haben es vor Kurzem wieder in die Schlagzeilen geschafft. Insbesondere die Krankenhausverwaltung. Diese hat nämlich an Überlebende aus Italien per Mail eine Rechnung geschickt. Die italienische Zeitung  La Repubblica berichtet von einer Familie in Rom, dessen 16-jähriger Sohn den Brand überlebt hat und in der Schweiz behandelt wurde. Fast 67.000 Franken, umgerechnet gut 72.000 Euro, forderte das Krankenhaus in Sitten im Schweizer Kanton Wallis, so berichtet auch die Süddeutsche Zeitung (SZ). 

Die Familie soll laut Medienberichte nicht die einzige Familie sein, die eine solche Rechnung bekommen hat. Warum sollen die Brandopfer dieser Tragödie für ihre eigene Behandlung aufkommen, mag man sich da fragen. 

Die Rechnungen sollen jedoch versehentlich verschickt worden sein, heißt es von Schweizer Seite, zudem sollte damit ein Hinweis verbunden sein, dass die Familie den Betrag nicht begleichen müsse und das Dokument nur zur Kenntnis versandt werde, so die SZ.

Nun streiten ganze Staaten

Die Schweiz möchte das Geld nämlich gar nicht von den Opfern haben, sondern vom italienischem Staat. Dabei geht es etwa um 100.000 Schweizer Franken. Der italienische Außenminister Antonio Tajani reagierte darauf laut der SZ im Fernsehen: „Natürlich zahlen wir nicht.“ Die Verantwortung liege laut ihm allein bei den Betreibern des Lokals und bei jenen, die für Kontrollen verantwortlich gewesen seien.

Rechtlich gesehen, so berichtet es die SZ, wäre die Forderung wohl aber gültig: „Grundsätzlich wäre die Forderung nach den Vereinbarungen zur sogenannten Leistungshilfe zwischen der Schweiz und der EU korrekt.“  Die Kosten von Leistungen für Patienten, die in der Schweiz behandelt werden, aber in der EU krankenversichert sind, werden nämlich von der Schweizer Abwicklungsstelle ‘Gemeinsame Einrichtung KVG’ ausgelegt. Diese fordert anschließend das Geld dann von den entsprechenden Versicherungen im Ausland zurück. 

Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung (NZZ) beschrieb den Konflikt passend: „Es ist ein Zusammenstoß zwischen Schweizer Bürokratie und italienischer Emotionalität“. 

Jedoch hatte die Schweiz noch in der Nacht der Katastrophe auch auf die Ressourcen des Katastrophenschutzverfahrens der EU zurückgegriffen, wie die SZ berichtet. Das, obwohl eine mögliche Teilnahme der Schweiz an dem Programm Ende 2025 verschoben worden war und die Schweiz keinen finanziellen Beitrag dazu leistete. An dieser Stelle war die Schweiz bereit, die Bürokratie zu umgehen.