Klara Stöcker, Oberin des Diakonissenmutterhauses „Gottessegen“ zwischen 1933 und 1950

Oberin des Diakonissinenmutterhauses Gottessegen Klara Stöcker

Grab von Ida Tänzer und Klara Stöcker

Zeugnisse, Malche, Oberkursus, 1933

Diakonissenhaus Gottessegen, Bukarest

Ankunft in Bukarest 

Oktober 1933, Bahnhof Gara de Nord in Bukarest: Am Bahnsteig wartet eine kleine Gruppe Diakonissen auf den Zug aus Deutschland. Mit ihm reist die Frau an, die die Nachfolge ihrer verstorbenen Oberin antreten soll.  Drei Taxis bringen sie nach der Begrüßung zum Diakonissenmutterhaus „Gottessegen“.

Klara Stöcker ist 32 Jahre alt, als sie in Bukarest ankommt. Die weite Reise von Bad Freienwalde an der Oder nach Rumänien hat sie mit gemischten Gefühlen angetreten: „Schweren Herzens bin ich in die mir völlig unbekannte Arbeit und dieses fremde Land gegangen“, schreibt sie später. „Ich war überzeugt, dass hier eine falsche Entscheidung getroffen worden war. Niemand hätte mich glauben machen können, dass das kleine Diakonissenhaus in Rumänien meine Lebensarbeit werden würde.“

Doch bereits die herzliche Aufnahme durch die rund dreißig Schwestern und die freundliche Atmosphäre des Hauses lassen ihre Zweifel schwinden. Ihr neuer Wirkungsort – ein weitläufiges Anwesen mit gepflegten Räumen und parkähnlichem Garten – beeindruckt sie tief. „Bereits jetzt geriet meine Sicherheit, dass ich am falschen Platz wäre, ins Wanken. Und dann sah ich mit Staunen, was Fleiß und Bescheidenheit der Schwestern geschaffen hatten.“

Familiärer Hintergrund und Ausbildung 

Klara Stöcker wurde am 1.2.1901 in Wermelskirchen als sechstes Kind einer alteingesessenen niedersächsischen Familie geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters musste sie zunächst die Mutter und Geschwister unterstützen, bevor sie ihrer eigenen Berufung nachgehen konnte: Den Menschen im Namen Jesu Christi zu dienen.

Klara absolvierte auf diesem Weg die Christliche Haushaltsschule in Plauen und erwarb am Städtischen Krankenhaus Cottbus ihr Staatsexamen als Krankenschwester. Prägend war aber vor allem die Ausbildung in der Frauenmissionsschule Malche bei Bad Freienwalde.

Die „Malche“, geprägt von der Gemeinschaftsbewegung des ausklingenden 19. Jahrhunderts, suchte innerhalb der evangelischen Kirche einen neuen geistlichen Aufbruch. Ihr Ziel war es, Frauen für den missionarischen Dienst auszubilden – zunächst für die äußere Mission in fernen Ländern, später auch für die innere Mission in Deutschland.

Klaras Ausbildung dort war anspruchsvoll und ganzheitlich. Neben Bibelstudium, Missionskunde und fremden Religionen standen auch Pädagogik, Musik und praktische Arbeit auf dem Programm. Entscheidend für die Schülerinnen und späteren Schwestern waren aber vor allem Glaubensstärke und Charakterfestigkeit. Eine unbekannte Schwester schrieb 1920 über die Ausbildung: „Der Aufenthalt im Bibelhaus ist keine Zeit geistigen Genießens, wie mancher vielleicht denkt. Hier wird tüchtig gelernt, um sich ein gründliches Kennen der Schrift anzueignen. Als Gegengewicht zu hohen Gedanken kommt die verschiedenartigste Arbeit in Haus, Küche und Garten – sie bietet Gelegenheit, das in den Bibelstunden Empfangene praktisch auszuleben.“ Mit dieser Prägung und dem kurz zuvor erworbenen Examen als Pfarrgehilfin reist Klara Stöcker im Herbst 1933 nach Bukarest, um mit ihrer ersten Stelle gleich in die Fußstapfen ihrer beeindruckenden Vorgängerin Ida Tänzer zu treten.

Die goldenen Jahre der Diakonie in Rumänien

Ida Tänzer war 1895 als Kaiserswerther Diakonisse nach Bukarest an die dortige Evangelische Mädchenschule entsendet worden. Als ihr Auftrag nach einem Jahr endete, weigerte sie sich, die begonnene Arbeit aufzugeben und gründete stattdessen in Bukarest ein eigenes Mutterhaus „Gottessegen“. Dieses baute sie im Lauf der Jahre trotz großer Widerstände zu einer anerkannten sozialen Einrichtung mit Niederlassungen in Kronstadt und Constanța aus. Als Ida Tänzer im März 1933 stirbt, hinterlässt sie das Mutterhaus in schwierigen Zeiten.

Klara Stöcker erinnert sich: „Mein Anfang 1933 fiel in eine Zeit der wirtschaftlichen Krisen. Wir bekamen sehr

die Auswirkungen des Nationalsozialismus in Deutschland zu spüren, da anfänglich ein Boykott der deutschen Unternehmen einsetzte. Viele Ärzte zogen sich zurück, und unsere Häuser waren zeitweise unterbelegt. Dies war umso schwerer, da auf unserem Diakonissenhaus noch eine große Schuldenlast lag, die wir monatlich abzutragen hatten.“

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage gelingt es Klara Stöcker, das Werk ihrer Vorgängerin erfolgreich fortzuführen.

Ein Werk aus Glauben, Mut und Weitsicht

Das Mutterhaus „Gottessegen“ versteht sich als eigenständige diakonische Einrichtung und muss für die Finanzierung selbst aufkommen. Neben dem selbstlosen Einsatz der Schwestern braucht es dazu Geld und ein gutes Netzwerk. Klara Stöcker gelingt es wie bereits ihrer Vorgängerin, wohlhabende und gesellschaftlich bedeutende Förderer zu finden wie die Königin Maria von Rumänien, den anglikanischen Pastor Adeney, der die Judenmission in Bukarest leitet, den Bu-karester Industriellen Traugott Meltzer sowie verschiedene Pfarrer der evangelischen Kirche Rumäniens. Auch gelingt es, durch kluge Preisgestaltung bei wohlhabenden Patienten höhere Gebühren abzurechnen, die für die unentgeltliche Pflege Bedürftiger verwendet werden. In einer Zeit zunehmender nationaler Spannungen legt Klara Stöcker besonderen Wert auf Toleranz und Nächstenliebe: Patienten und Notleidende werden ohne Unterschied von Herkunft, Sprache oder Religion aufgenommen. Klara Stöcker ist stolz auf diese Offenheit nach allen Seiten: „Die Ärzte, die mit uns arbeiteten, kamen von außerhalb, die Pfarrer, die uns halfen, hatten ihre Gemeinden in der Stadt, unsere Mitarbeiter wohnten ebenfalls außerhalb. Alle halfen uns ehrenamtlich, den jungen Mädchen war es freigestellt, zu bleiben oder wieder in ihre Heimat zu gehen, und so kamen und gingen auch andere, die uns brauchten oder die uns grüßen wollten.“

Aufbau und Ausbildung
Unter Klara Stöckers Leitung entwickeln sich alle Arbeitsfelder: die Krankenhäuser (Sanatorien) in Bukarest, Kronstadt und Constan]a, die Armenpflege in Bukarest, das Waisenhaus in Kronstadt. Ein Herzensanliegen der Oberin ist die Ausbildung junger Frauen. Im Mutterhaus erhalten sie in vier Jahren nicht nur eine solide Schulbildung, sondern auch praktische Kenntnisse in Hauswirtschaft und Krankenpflege. Viele von ihnen bleiben als Schwestern, andere kehren in ihre Heimatdörfer zurück – gut vorbereitet, um dort christliche Nächstenliebe und Bildung weiterzutragen. Klara Stöcker ist wichtig: „Selbst wenn eine Schwester nach der Ausbildung in ihre alten Verhältnisse zurückkehrte, war sie für ihre Gemeinde von großer Bedeutung. Der Dienst an der weiblichen Jugend in den deutschen Gemeinden konnte gar nicht hoch genug geschätzt werden.“ Wenn anfangs reichsdeutsche Schwestern, meist von der Frauenmissionsschule Malche kommend, leitende Stellungen einnehmen, so ändert sich dies im Lauf der Jahre: Bessarabische Schwestern verlassen 1940 ihre von den Russen besetzte Heimat und verstärken die Belegschaft des Mutterhauses „Gottessegen“ an den verschiedenen Standorten. Auch wachsen aus den Reihen der siebenbürgischen jungen Frauen hochmotivierte und gut ausgebildete Schwestern in die tägliche Arbeit, aber auch in die Leitung der Häuser. Das Arbeitsklima ist trotz der harten Arbeit gut. Eine Mitarbeiterin, Ella Grade, schreibt das auch der Oberin zu: „Klara Stöcker war eine sehr fröhliche und begeisternde Frau. Sie verstand es, mit ihrer gewinnenden Art Stunden zu gestalten, die Herz und Seele stärkten.“

Kriegsende und Auflösung der Diakonie in Rumänien
Schon in den ersten Monaten des Jahres 1944 blickt Klara Stöcker in großer Sorge auf die Entwicklung des Krieges, mit dessen ruhmreichen Ende sie entgegen aller Beteuerungen der Behörden nicht rechnet.

Am 23. August 1944 marschieren sowjetische Truppen ein, über Nacht löst sich die bisherige Ordnung auf. Drei Tage lang wird Bukarest bombardiert – doch das Mutterhaus bleibt wie durch ein Wunder unversehrt. Die Patienten fliehen, die reichsdeutschen Schwestern werden interniert, allerdings im Mutterhaus, so dass die Arbeit eingeschränkt fortgesetzt werden kann. Die Leitung übernimmt der Kronstädter Stadtpfarrer Dr. Möckel, bis auch er verhaftet wird.

1945 folgt die Enteignung. Sowohl russische als auch rumänische Behörden beanspruchen die Gebäude, die Sanatorien werden geplündert. Die Schwestern müssen ihre Tracht ablegen, werden auf staatliche Krankenhäuser verteilt oder arbeiten in der privaten Pflege. Vielen gelingt die Flucht nach Deutschland, eine wird nach Russland deportiert und kommt erst Jahre später wieder zurück.
Einige reichsdeutsche Schwestern halten vorerst die Stellung in Rumänien: Neben Klara Stöcker sind das Thilte Steinke, Margarete Schaal, Ida Sauter, Klara Dittus und Ottilie Jassmann. In einem Brief von 1946 an den mittlerweile internierten Wehrmachtspfarrer Hans Christoph von Hase schreibt Klara: „Wie unsere Zukunft sich gestaltet, ist uns noch unklar. Eins habe ich gelernt: mich führen zu lassen. (…) Sie würden unser Haus nicht wiedererkennen – so durcheinander und schmutzig ist es. Und doch geht es uns noch gut. Die zehn Betten, die man uns gelassen hat, werden nicht leer. So halten wir uns über Wasser und können noch so vielen Menschen helfen. Das Herrlichste ist, dass man die Wirklichkeit Gottes so erleben darf.“Doch 1950 ist endgültig Schluss. Klara Stöcker verlässt im November Rumänien. Zurück bleiben nur wenige Schwestern mit rumänischer Staatsangehörigkeit – unter ihnen Therese und Katharina Baldinger, Elise Adami, Olga Roth, Elisabeth Scheiber in Kronstadt und Johanna Adami, die in Bukarest weiter in einem Krankenhaus arbeitet. Dass alles ganz zu Ende sein soll, kann Klara Stöcker noch nicht glauben: „Wir scheiden in der Hoffnung auf ein Wiedersehen und einen Neuanfang nach seiner Verheißung. 54 Jahre hat das Werk hier in Segen arbeiten dürfen; nach Gottes Ratschluss muss die Arbeit nun ruhen.“

Zurück in Deutschland 
Bereits 1946 hatte Klara Stöcker geschrieben: „Wo mich Gott hinstellen wird, da will ich dienen mit den Gaben, die er mir geschenkt hat.“ Dass Klara Stöckers Lebensweg nach der Rückkehr nach Deutschland bekannt ist, ist dem pensionierten Pfarrer Gert Pfeiffer zu verdanken. Er recherchierte 2005 ihre beruflichen Stationen und sprach mit Menschen, die sie noch persönlich gekannt hatten.
Klara Stöcker hat Glück: Im August 1951 tritt sie in Berlin die Nachfolge der Oberin des Lazarus-Diakonissenhauses an. Zuvor hatte sie in Stuttgart eine Einführung in die Arbeit der Kaiserswer-ther Mutterhäuser erhalten. Doch schon nach anderthalb Jahren legt sie das Amt nieder. Vermutlich konnte sie sich nach der freien, herzlichen und  von Vertrauen geprägten Arbeit in Rumänien nur schwer an die strengen Strukturen der Berliner Einrichtung gewöhnen. In Berlin begegnet Klara Stöcker einer alten Weggefährtin aus der Malche-Zeit wieder, Gerda Röske. Diese vermittelt Klara Stöcker eine neue Stelle als Leiterin der Evangelischen Stiftung Gotteshütte in Kleinenbremen ab 1. Oktober 1953.

Die Jahre der Entbehrung und Verantwortung haben Spuren hinterlassen. Klara Stöckers Herzkrankheit verschlimmert sich, Sehkraft und Gehör lassen nach. Am 30. September 1959 muss sie in den vorzeitigen Ruhestand gehen. Zwischen Klara Stöcker und der etwas jüngeren Gerda Röske ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Die beiden Frauen ziehen in eine gemeinsame Wohnung in Düsseldorf. Klara Stöckers Verbundenheit mit der Diakonie in Rumänien hat nicht nachgelassen. Sie schreibt Artikel über die Geschichte des Diakonissenhauses „Gottessegen“ in Bukarest, Constan]a und Kronstadt, ohne die das meiste aus der Geschichte der Diakonissen in Rumänien vergessen wäre. Klara Stöcker ist immer mehr auf Pflege angewiesen. Gerda Röske berichtet, dass das Zusammenleben aufgrund gemeinsamer Interessen, durch gegenseitige Zuwendung und Dankbarkeit sehr schön gewesen sei. Sie begleitet Klara Stöcker bis zu ihrem Tod im Oktober 1995. „Der Traum, einmal wieder nach Rumänien zu kommen, die erfolgreiche Arbeit nach schlimmen Zeiten wieder wachsen zu sehen und dort in Dankbarkeit sein Leben zu beenden, ging nicht in Erfüllung“, berichtete sie später. Klara Stöcker wird auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf beigesetzt.

Rückblick 
1998 reist Gerda Röske nach Rumänien, wo sie einige Jahre zuvor schon einmal mit Klara Stöcker gewesen war. Auf dem Obervorstädter Friedhof in Kronstadt steht sie – jetzt allein – am Grab der ersten Oberin, Ida Tänzer. In einem Brief an Kläre Schönrock, die damalige Oberin der Malche, schreibt sie: „Seit ich voriges Jahr noch einmal und allein auf diesem Friedhof war, stand mir immer die leere Hälfte des Sockels vor Augen. Für wen war der Platz gelassen? Es wurde mir gewiss: Schwester Klara hatte gehofft, hier einmal beigesetzt zu werden. Sie selbst hatte wohl das weiße Marmorkreuz für ihre Vorgängerin bestellt!“Gerda Röske sorgt dafür, dass die Inschrift auf diesem Kreuz mit dem Namen Klara Stöckers ergänzt wird. „Schwester Klara ist nun da, wo sie zuhause war auf der Erde, wo sie es vorbereitet hatte. Der Marmor leuchtet, und es verpflichtet beinahe: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Klara Stöckers Vermächtnis 
„Wir Schwestern, die wir unsere Diakonissenarbeit in Rumänien aufgeben mussten, haben damit etwas verloren, das uns Heimat im vollen Sinne dieses Wortes bedeutete. Wir denken wehmütig an die reichen Jahre zurück, in denen uns der Dienst der Liebe an Volks- und Glaubensgenossen – und darüber hinaus an allen Menschen – möglich war. Unsere Arbeit auf Vorposten war echte missionarische Tätigkeit. Gott hat den Schlussstrich gezogen und uns alles aus der Hand genommen.“ Mit diesen Worten fasst Klara Stöcker ihr Lebenswerk zusammen. Sie hat erlebt, wie Glaube und Hingabe ein Werk aufbauen – und wie politische Gewalt es zerstören kann. Und doch bleibt ihr Blick hoffnungsvoll: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“