Können Begegnungsräume Demokratie fördern?

Workshop „Contact Zones in Practice“ im Goethe-Institut Bukarest

Teilnehmer beim Basteln Foto: Valentin Brendler

 

„In ganz Europa stehen Gesellschaften vor großen Herausforderungen: zunehmende politische Polarisierung, schrumpfende zivilgesellschaftliche und kulturelle Räume sowie wachsendes Misstrauen in demokratische Prozesse begegnen uns überall“, so die Organisatoren von „Contact Zones in Practice“ in ihrer Ankündigung. Doch sie haben einen Lösungsansatz: Begegnungsräume. Darin sollen Menschen positiv aneinandergeraten und in „gegenseitigem Verständnis, geteilter Handlungsfähigkeit und kollektivem Sinn“ diskutieren lernen. Doch was steckt wirklich hinter diesen großen, allgemeinen Worten?

„Training for the Contact Zone (TCZ) ist ein europäisches Projekt, das sich der Neugestaltung der Erwachsenenbildung widmet, mit einem besonderen Fokus auf Museen und Kulturvermittlung“, so das TCZ auf  seiner eigenen Website. Das Projekt wird unter anderem von der Europäischen Union im Rahmen von Erasmus+ Erwachsenenbildung kofinanziert.
Ziel ist, in den kommenden zwei Jahren Schulungsmaterialien für Fachleute im Kultursektor, für Künstler, Kulturvermittler, Mitarbeiter und Freiwillige zu entwickeln und zu testen.
Der erste Testlauf hat im Goethe-Institut Bukarest im Rahmen einer zweitägigen Konferenz stattgefunden, bei der 55 Teilnehmer (27 online dabei) Vorträge von Experten anhörten und Mitmachübungen absolvierten. Organisiert wird das Projekt von einem Konsortium aus sieben Partnern, aber für die Veranstaltung in Bukarest war vor allem das Goethe-Institut Bukarest und das europaweite Netzwerk Culture Action Europe verantwortlich, berichtet die Mitorganisatorin und Bukaresterin Cristina Zanfirescu im ADZ-Gespräch. Bereits seit Juni bereitet sie mit anderen diese Konferenz vor.
Das komplette Programm und die Reden wiederzugeben, ist in einem Artikel kaum möglich – schließlich sprachen an den zwei Tagen zahlreiche Experten. Doch exemplarisch ist der Slot vom Ökonomen und Kulturmanager Roberto Gómez de la Iglesia und Lars Ebert von Culture Action Europe betrachtenswert. Er trug den Titel: „Wer kann seine Geschichte erzählen? Das Erkunden von narrativer Gerechtigkeit und kultureller Diversität“. 
Im ADZ-Gespräch berichtete der deutsche Ebert, der momentan in Brüssel lebt, von den großen Zielen ihres Slots. „Ganz viele Geschichten, Storys, Narrative, die uns als Gemeinschaft ausmachen auf nationalem oder regionalem Level, oder sei es in Religionsgemeinschaften, sind oft absurd und trotzdem sehr bestimmend dafür, ob wir ernst genommen werden oder nicht“, erklärt er. Besonders bizarr können Narrative erscheinen, wenn sie aus weiter entfernten Kulturen und Gesellschaften kommen. Er möchte daran appellieren,eigene Narrative zu hinterfragen, praktisch selber das Absurde in ihnen zu sehen, um dann auch offener für andere zu sein.
„Wir können natürlich Geschichten dekonstruieren und hinterfragen, welche Geschichte wichtiger ist als die andere. Als Beispiel: ist die rumänische Mainstream-Geschichte wichtiger als die Roma-Geschichte? Es geht darum, dass jede Geschichte, die wir erzählen, mit der wir uns identifizieren als Person und als Gruppe, den gleichen Wert hat. Egal ob sie absurd ist, oder nicht“. Dabei macht er aber auch klar, dass sich die Narrative an die Grundwerte in Europa, wie Menschenrechte, halten müssen. „Das können wir nicht verhandeln. Alle Geschichten, die innerhalb dieses Wertespektrums fallen, müssen möglich sein, sobald die Menschlichkeit angetastet wird, haben wir eine Grenze erreicht.“
Dieser Gedanke sollten den Teilnehmenden – allesamt Künstler und im Kultursektor Tätige – bei einem Workshop nähergebracht werden. Dafür gab es einen Würfel, der erst gebastelt werden musste, was einige Minuten in Anspruch nahm und an die Schulzeit erinnerte. Danach musste jeder Teilnehmer an ein persönliches, prägendes Ereignis der eigenen Geschichte denken. Auf den fertigen Würfel wurde dann das „Wo war das?“ auf den anderen „Was ist passiert?“, und so weiter geschrieben. Die Würfel wurden dann gerollt und es sollten neue, absurde Narrative entstehen.
Im Anschluss an das Spiel gab es auch einen  interessanteren Vortrag und eine Diskussion darüber, warum es die Kultur insgesamt und auch Begegnungsräume schwer haben. Doch das Spiel hat auch ein insgesamtes Problem der Konferenz offenbart: Die Konzepte klingen interessant, die wirkliche, konkrete Umsetzung vor Ort (in Bukarest, oder außerhalb der Hauptstadt) wurde jedoch wenig angeschnitten – es blieb oberflächlich. Zurück blieb die Frage: Was wollten die Veranstalter den Teilnehmenden mitgeben, außer einem groben Konzept?
Interessant war jedoch, dass am ersten Abend der Konferenz Roma-Intellektuelle über ihre Begegnungsräume referiert haben und damit auch eine Perspektive aus Rumänien einbrachten. Zu Gast waren Prof. Dr. Elena Radu und Prof. Dr. Delia Grigore, die von ihren Projekten und den Problemen der Roma-Gemeinschaft erzählten. Das Gespräch ist auf dem YouTube-Kanal des Goethe-Instituts Bukarest zu finden. 

Dies war auch insbesondere Joachim Umlauf, der ehemalige Leiter des Goethe-Instituts – der manche Projekte, so wie dieses, noch begleitet –  wichtig. „Für mich ist das Thema so bedeutend, weil die Frage, was Europa, seine Werte und seine Freiheit bedeutet, sich an der Antwort ablesen lassen kann und wird, wie man mit den schwächsten, den am stärksten diskriminierten Bürgern und Bürgerinnen umgeht, die zugleich die größte und in vielen Ländern lebende Minderheit darstellt. Außerdem, das wäre meine persönliche historische Verantwortung sozusagen, sehe ich es als meine Pflicht an, als ein in der Nachkriegszeit geborener Deutscher, besonders behutsam und zugewandt mit einer Bevölkerung umzugehen, die erheblich unter dem Holocaust gelitten hat.“

Insgesamt sind die Organisatoren zufrieden, berichtet Zanfirescu außerdem. Der Workshop war auch vor allem dazu da, Kontakte zu knüpfen, für ein Netzwerk. Konkreteres, sowie konkrete Kooperationen, sollen also noch kommen.