Ludwig Stefan Schwarz – Chronist einer untergehenden Welt

Ein Leben zwischen Krieg, Deportation und Literatur

Ludwig Stefan Schwarz(1925-1981) Foto: Luzian Geier

Das frühe Familienleben von Ludwig Stefan Schwarz spielte sich in der Bărăgan-Steppe ab, wie auch dieses Foto auf der Dokumentationsseite deportatiinbaragan.ro belegt, das Schwarz selbst in Lătești (Bordușanii Noi) schoss.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, lag nicht nur Europa in Trümmern. Auch das Leben vieler Banater Schwaben geriet aus den Fugen. Krieg, Gefangenschaft, Deportation und politische Repression bestimmten die Biografien einer ganzen Generation. Zu jener Generation gehörte auch der Schriftsteller und Journalist Ludwig Stefan Schwarz. Seine Texte erzählen von genau diesen Erfahrungen – von Verlust, Neubeginn und der Kraft der Erinnerung. In seinen Geschichten spricht das Banat selbst: seine Dörfer, seine Dialekte und die Menschen, die dort lebten.

Geboren wurde Schwarz am 22. August 1925 im Banater Dorf Dolatz/Dolaț. Sein Vater Emmerich Schwarz arbeitete als Bankbeamter und Notar, seine Mutter Franziska, geborene Hess, war Buchhalterin und Lehrerin. Die Familie gehörte zur deutschsprachigen Gemeinschaft der Banater Schwaben, in der Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt zum Alltag gehörten. Schwarz besuchte Schulen in Tschakowa/Ciacova und Fatschet/Făget sowie das deutsche römisch-katholische Gymnasium in Temeswar. Eine Ausbildung zum Bauchfachmann erhielt er in Berlin-Charlottenburg.

Schon früh wurde seine Jugend von den politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts überschattet. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zur deutschen Armee eingezogen, kämpfte an der Westfront bei Cherbourg und an der Ostfront in der Ukraine und bei Budapest, wo er 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Nach seiner Rückkehr ins Banat begann er zunächst ein neues Leben als Bau- und Landarbeiter und absolvierte später eine Ausbildung zum Baumeister. In den 1950er Jahren arbeitete er als Baustellenleiter und Techniker im Bauwesen.

Doch auch die Nachkriegszeit blieb von politischen Repressionen geprägt. Zwischen 1951 und 1956 wurde Schwarz im Zuge der Zwangsumsiedlungen, wie auch einige seiner Banater Landsleute, in die Bărăgan-Steppe deportiert. Bei der Rückkehr ließ er sich in Neupetsch/Peciu Nou nieder. Diese Erfahrung der Entwurzelung und des erzwungenen Neubeginns sollte später zu einem zentralen Motiv seines literarischen Schaffens werden.

Vom Baumeister zum Schriftsteller

Erst in den 1960er Jahren begann Schwarz intensiver zu schreiben (erste Dichtungen sind bereits auf das Jahr 1949 zurückzuführen). Dazu schrieb der Banater Journalist Luzian Geier jüngst aus Anlass des 100. Geburtstags von Schwarz: „Woher die Hinwendung oder der Hang zum Schreiben bei Ludwig Schwarz kam, wissen wir nicht genau, es dürften die Lehrer des ‚Deutschen römisch-katholischen Knabengymnasiums Timișoara‘ an der Bana]ia-Schulengruppe gewesen sein, bekannte Namen wie Dr. Hans Weresch, Dr. Peter Schiff, Anton Valentin, Hans Hagel, Franz Lux, die damals schon überregionale Deutsch-Olympiaden organisierten. ‚Stefan H(ans) Schwartz‘ (so die Eintragung auf dem Schülerausweis) dürfte auch von der Mutter Franziska, geborene Hess, Beamtin, vom Hess-Großvater (Notar im damaligen serbischen Banat) und dem Stiefvater Martin K. Pollaretzky gefördert worden sein.“ Zunächst veröffentlichte er Reportagen, Gedichte und Kurzgeschichten.

Parallel dazu entwickelte sich seine Tätigkeit als Journalist. Er arbeitete ab 1969 unter anderem als Redakteur der „Neuen Banater Zeitung“ in Temeswar und schrieb auch für andere Publikationen wie die „Karpatenrundschau“.

Zu seinen frühen literarischen Veröffentlichungen gehört die Erzählung „Das Schlüsselbrett“ aus dem Jahr 1958, in der er den Alltag auf einer Baustelle schildert. Weitere Prosabände folgten, darunter „Man bringt nicht viel mit aus Cherbourg“ sowie „Hier ist ein Weg. Kurze Prosa“. Doch bald wurde eine andere Seite seines Schreibens besonders prägend: die Literatur in banatschwäbischer Mundart.

Die Stimme der Mundart

Gemeinsam mit Autoren wie Nikolaus Berwanger und Hans Kehrer arbeitete Schwarz an Projekten zur Pflege der Dialektliteratur. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Mundartbeilage „Pipatsch“, die Anfang der 1970er Jahre in der „Neuen Banater Zeitung“ erschien.

Die Mundart bot Autoren eine besondere Ausdrucksform. In ihr konnte das Alltagsleben der Banater Deutschen authentisch wiedergegeben werden – ihre Sprache, ihre Witze, ihre Sorgen und ihre Erinnerungen. Gleichzeitig bot sie eine gewisse Freiheit gegenüber der Zensur, da Dialekttexte von den Behörden oft als harmlos angesehen wurden.

Typisch für Schwarz’ Schreibweise ist die lebendige Sprache seiner Figuren. In seinem bekanntesten Werk sagt eine Figur etwa: „Wie viel Schicksal uner zwei Schritt lang un een Schritt braat Platz hat!“ Oder an anderer Stelle: „Mer macht sich halt Sorche, awer’s Lewe geht weider.“ Solche Sätze zeigen, wie stark seine Literatur vom Rhythmus der gesprochenen Sprache geprägt ist. Sein Lustspiel „Die Husarenkammer“ wurde am Deutschen Staatstheater Temeswar aufgeführt, so auch sein späteres Bauerndrama „Matthias Thill“. Weitere Stücke wurden von Laiengruppen inszeniert. 1979 gab Ludwig Schwarz seine Mundartanthologie „Fechsung“  mit Gedichten von 23 Autorinnen und Autoren heraus – ein besonderer Einsatz für dieses Kulturerbe der Banater Schwaben.

Das bedeutendste Werk von Schwarz ist der dreibändige Mundartroman „De Kaule-Baschtl. A Lewesroman“. Der erste Band erschien 1977, der zweite 1978 und der dritte 1981 – kurz nach dem Tod des Autors. Es soll auch einen vierten Teil gegeben haben, dessen Manuskript jedoch verloren gegangen ist.

Im Mittelpunkt steht die Figur Sebastian Hutfellner, genannt „Kaule-Baschtl“. In autobiografischer Nähe erzählt Schwarz dessen Lebensgeschichte und zeichnet zugleich ein Panorama des Banater Dorflebens über mehrere Jahrzehnte hinweg. Der Roman verbindet persönliche Erinnerungen mit regionaler Geschichte und gilt heute als eines der wichtigsten Werke der banatschwäbischen Dialektliteratur.

Der Literaturwissenschaftler Dr. Horst Fassel betont die Bedeutung des Autors für die Literatur der Region: „Schwarz zählte durch seine Mundartpublikationen zu den populärsten Schriftstellern im Banat.“ Dr. Horst Fassel hatte 2010 einen Lexikon-Beitrag für die Neue Deutsche Biographie verfasst. 

Literatur zwischen Erinnerung und Geschichte

Viele Texte von Schwarz bewegen sich im Spannungsfeld zwischen persönlicher Erinnerung und politischer Realität. Themen wie Krieg, Aufbauarbeit oder Deportation mussten in der kommunistischen Zeit oft indirekt behandelt werden. Gerade die Mundart bot hier eine literarische Nische, in der Erfahrungen erzählt werden konnten, die sonst kaum öffentlich ausgesprochen wurden. Im Deutschen Staatstheater Temeswar wurden seine Mundarttexte auch aufgeführt.

Neben seinen Romanen und Prosatexten veröffentlichte Schwarz auch Gedichte sowie Reportagen über das Leben im Banat. 1978 erhielt er den Preis der Temeswarer Schriftstellervereinigung und war Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbandes.

„Die rumänisch verfasste Rede von sechs Seiten konnte er nicht mehr halten, sie wurde rumänisch nicht veröffentlicht, deutsch auch nur teilweise. Sie ist abgelegtes Zeugnis seines Lebens, der unzähligen Hindernisse und wiederholten Veröffentlichungsverbote, aber auch eine mutige Darstellung der Probleme der deutschen Minderheit damals in Rumänien“, berichtet Luzian Geier und führt an, „Schwarz schrieb u. a. von geistiger Haft (´detenție spirituală´), von Tabuisierungen und von den zu ‚Exportware‘ gewordenen Rumäniendeutschen“.

Aktuelle Forschung und Erinnerung

Auch Jahrzehnte nach seinem Tod wird das Werk von Ludwig Stefan Schwarz weiterhin diskutiert. Zum hundertsten Geburtstag des Autors im Jahr 2025 erinnerte der Banater Publizist Luzian Geier in der Banater Post an die besondere Bedeutung seines Hauptwerks. Die Romantrilogie „De Kaule-Baschtl“ sei ein literarisches Novum der Banater deutschen Literatur und zugleich ein wichtiges Dokument regionaler Geschichte.

Schwarz starb plötzlich am 3. Juli 1981 in Bukarest während einer Tagung des rumänischen Schriftstellerverbandes. Sein literarischer Nachlass wird heute unter anderem im Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen aufbewahrt.

Im Zuge der Recherchen zur Vorbereitung der Gedenkveranstaltung für Ludwig Schwarz zum 100. Geburtstag machte der Kulturmanager Dorin Imbrescu einen bedeutenden historischen Fund: Schwarz hatte selber dazu recherchiert und so wurde der Begräbnisort von 176 Opfern der Revolution von 1848, die aus nahezu allen Regionen des ehemaligen Österreich-Ungarn stammten und verschiedenen Konfessionen angehörten – unter ihnen dem Namen nach auch ein Muslim, ausfindig gemacht.

Die Entdeckung bildet zugleich den Ausgangspunkt für mehrere Projekte, die sich mit der historischen Vergangenheit und insbesondere mit dem deutschen Erbe der Gemeinden beschäftigen (Gedenkveranstaltung für die Opfer von 1848, weitere Forschungen zur Familie Anheuer sowie zum Chemiker Buerg, die Einrichtung eines virtuellen Museums und die Erhaltung bzw. Renovierung der Kirche). Darüber hinaus planen die beiden Gemeindeverwaltungen ein gemeinsames Kulturprojekt: den Literaturwettbewerb „Ludwig Schwarz“, der künftig im Zweijahresrhythmus ausgetragen werden soll.

Mit seinen Dialekttexten, Reportagen und Romanen hat Ludwig Stefan Schwarz eine literarische Stimme geschaffen, die weit über das Banat hinaus gehört werden kann. Seine Bücher erzählen von Heimat und Verlust, von Humor und Überlebenswillen – und von der Kraft der Sprache, Erinnerungen zu bewahren.

So bleibt Schwarz nicht nur ein Autor der Banater Deutschen, sondern ein Chronist einer ganzen Epoche. Seine Geschichten zeigen, wie Literatur das Vergangene lebendig halten kann – lange nachdem die Welt, von der sie erzählt, verschwunden ist.

Eine Schwarz gewidmete Tagung veranstalteten seine Heimatgemeinden Neupetsch und Livezile/Tolvadin im Herbst im Banat, am 20. März folgt eine Tagung im Nürnberger Haus der Heimat (siehe Lokales)


Die Lieb

Mir han des net erfun,
daß jungi Leit sich gere han,
un niemand hats noch abgebrung,
un niemand des aach kann.

Des bleibt, so lang die Welt do steht,
die Lieb in dere Welt.
Un wann aach alles mol vergeht,
sie is mehr wert wies Geld.

Was gibts net alles do,
was uns es Lewe laadich macht?
Un trotzdem is, was ewich lacht,
un ewich bleibt des so:

Die Lieb, so lang die Welt do steht.
De Teifl hol des Geld!
Un wann aach alles mol vergeht,
die Lieb bleibt in der Welt.

Ludwig Schwarz