„Ich muss nicht reisen. Ich lese. Dabei reise ich weiter und entdecke mehr als ganz viele Menschen auf der Welt“, sagte mir einer meiner guten Freunde in Franken in Süddeutschland, während wir auf seinem Balkon saßen. Ich versuchte, ihn gerade dazu zu überreden, zu mir zu reisen, nach Bukarest. „Ich verstehe dich. Lesen ist toll. Wenn ich Romane von Mircea Cărtărescu lese, betrete ich eine komplett neue Welt, aber echtes Reisen ist auch toll“, sagte ich ihm. Da kam ich auf die Idee, beides miteinander zu verbinden. Eine literarische Reise, um meinen guten Freund zu überzeugen, nach Bukarest zu kommen.
Doch wie konnte ich ihn überzeugen? Zuerst musste er auch C²rt²rescu lesen. Aus zwei Gründen: Zum einen, weil er in meinen Augen ein phantastischer Autor ist, dessen Texte mich oftmals geradezu umhauen und zum anderen, weil er, wie kein anderer, Bukarest behandelt und auf ein Podest stellt. Es gibt kaum einen anderen Autor, der so viel, so gut und so bildlich über die Stadt und die Orte in der Stadt geschrieben hat.
Am Anfang waren die Bücher
Also kaufte ich einige Cărtărescu-Bücher, die ich gebraucht halbwegs bezahlbar auftreiben konnte. Die „Orbitor“-Trilogie vor allem, da es da insbesondere um die Stadt und ihre Geschichte geht, sowie „Solenoid“. Ich brachte sie zu meinem guten Freund, ließ sie vor ihm auf den Tisch fallen und forderte ihn auf, sie zu lesen. „Morgen habe ich Arbeit“, sagte er, eingeschüchtert, von tausenden Seiten an Literatur. „Heute auch“, sagte ich und reichte ihm den ersten „Orbitor“-Teil „Die Wissenden.“ Er setzte sich seine Lesebrille auf und fing an.
Ein paar Monate später besuchte ich ihn in der Buchhandlung, bei der er arbeitet. Im Café der Buchhandlung kaufte ich mir einen Kaffee und stellte mich zu ihm an den Tresen. „Und?“, fragte ich. „Bin durch mit Orbitor und Solenoid“, sagte er. „Kommst du also mit mir nach Bukarest?“ „Ja“, sagte er: „Wenn die Chefs mich lassen“, und sie ließen ihn.
Literarische und praktische Vorbereitungen
Wieder einen Monat später stand sein Besuch an und ich wollte ihn vorbereiten. Jedoch ist es schwer, alle Orte, die Cărtărescu beschreibt, aus den Büchern herauszuschreiben. Insbesondere, wenn die Lektüre ein, zwei Jahre her ist. Die Bücher sind so überschwänglich, dass man nicht leicht die richtige Stelle findet. Deswegen ging ich auf Internetrecherche und fand die Seite: hartaliterara.ro/autor/mircea-cartarescu.
Dort zu finden ist eine interaktive Karte, auf der zahlreiche Orte aus C²rt²rescus Werk verzeichnet sind. Dazu werden die entsprechenden Stellen der Romane zitiert. Manchmal gibt es noch Hintergründe zu den Gebäuden. Ein wahrer Schatz der Technologie.
Bereitgestellt wird die Seite von der NGO „Tech and Tonic“. „Unsere Mitglieder kommen aus Bereichen wie Journalismus, Kommunikation, Anthropologie, Literatur und Civic Tech und wir glauben an den kreativen Einsatz von Technologie, um Menschen der Kultur näherzubringen und den Dialog über unser Zusammenleben anzuregen“, so die NGO auf der Website. Große Ziele, aber ich wollte erst mal nur meinem guten Freund Bukarest näherbringen.
Deswegen schaute ich mir diese Karte an, die natürlich auch nicht vollständig ist. Es werden insgesamt 23 Orte mit C²rt²rescube-zug angezeigt, doch, nach meinem Bauchgefühl und mit Blick auf seine zahlreichen Wälzer können das nicht alle Orte sein, die erwähnt werden. Doch sammeln sich die meisten der angezeigten Orte insbeson-dere im nördlichen Teil der Stadt, weshalb ich meinem guten Freund eine Route zusammenstellte, die möglichst viele Orte in kurzer Zeit abgrast. Sie startete an der Stefan-cel-Mare-Chaussee, führte dann über den Parcul Circului (Zirkuspark) nach Floreasca. Zu den drei Orten schrieb ich mir auch noch passende Zitate aus den jeweiligen Werken in mein blaues Notizbuch.
Der Roman, der Besuch und unser Eindruck
„Unzählige Male ist mir in meinen Träumen das Treppenhaus des Blocks an der Stefan-cel-Mare-Chaussee erschienen, wohin wir umgezogen waren, als ich fünf Jahre und ein paar Monate alt war, in einem milchigen Herbst, der an dem großen, noch in Gerüste und Betonverschalungen gepackten Bau fraß. Der Block, auf dem freien Gelände vor der Dâmbovi]a-Mühle erbaut, war stets den kalten und feuchten Winden vom Tonola-See her ausgesetzt, in dessen Nachbarschaft der Zirkus stand. Die Mühle dröhnte damals so laut aus allen elektrischen Mehlsieben, dass die Stille an den Sonntagen ganz und gar unnatürlich wirkte und man von der Ödnis Ohrensausen bekam“, so beschreibt Cărtărescu die Stefan-cel-Mare-Chaussee in „Orbitor“ (Teil „Der Körper“), übersetzt von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold.
An genau an dieser Straße standen mein guter Freund und ich, nachdem ich ihn vom Flughafen abgeholt hatte und wir mit zwei Bussen (stehend, eingequetscht wie die Sardinen in der Dose) hierhergefahren waren. Die genaue Hausnummer wird im Text nicht gesagt, aber der Marker auf der Internetseite ist ungefähr beim großen Polizeipräsidium in der Straße (Nummer 13 bis 15), neben der U-Bahn. Hinter uns war also die Polizeistation, die unerklärlicherweise nach Gras roch, und vor uns stinkende Autos im Stau.
Erwartung trifft auf Realität
„Vielleicht meinte er diesen Block“ – „Oder diesen“ – „Oder diesen!“, sagten wir und schauten uns um. Als wir beide da standen, wirkte die Straße bedrohlich. Kommunistische, große Wohnblocks schauten auf eine dreckige, zu diesem Zeitpunkt schneematschige Straße, die ununterbrochen mit Autos überfüllt war. Die Luft war schlecht, es war kalt und wir machten uns auf, zum nächsten Stopp. Wir gingen also zur Aleea Circului, auf dem Weg zum Parcul Circului. Nach einer kurzen Zeit sahen wir bereits das große Zirkusgebäude (Circul de stat). Ich holte mein Notizbuch hervor und zitierte Cărtărescu für meinen guten Freund: „Am Ende der Allee schien der Staatszirkus mit seiner welligen blassblauen Kuppel auf eine verstaubte Leinwand gemalt.“
Können wir es nicht sehen?
„Es sieht tatsächlich ein bisschen so aus“, sagte er und wir gingen ganz nah an das Gebäude heran. Wir drückten unsere Nasen geradezu gegen die Glasscheiben, denn in „Solenoid“ hebt der berühmte Autor vor allem die phantasievolle, unwirkliche Welt im Inneren des Zirkusses hervor. Neben Aufstellern und Türen sahen wir jedoch nichts. Es war ein leeres, etwas charakterloses Foyer.
„Die Magie ist hinter den Türen. Wenn wir hier so einfach stehen, dann können wir sie nicht sehen. Dafür brauchen wir die Romane“, sagte ich meinem guten Freund, der nickte. Ich fragte mich, ob er meine Liebe für das Reisen langsam verstehen kann, oder ob er sich fragt, warum er überhaupt hierhergekommen ist.
Auf in die Strada Guiseppe Garibaldi
Nachdem wir kurz durch den verschneiten und sonnigen Parcul Circului gegangen waren, in dem wir beide schweigend die Spiegelung der Sonne auf der Eisschicht des Sees angeschaut hatten, gingen wir weiter nach Floreasca. Dort hat „der kleine Mircea“ (der Hauptcharakter in „Orbitor“) ebenfalls in der Strada Giuseppe Garibaldi gelebt.
„Wir waren in einen Plattenbau umgezogen, nach Floreasca, neben dem Busparkplatz. Weil wir im vierten Stockwerk wohnten und zwei Zimmer mit Küche und Badezimmer hatten, kam uns das Ganze wie ein unbegreiflicher Traum vor“, beschreibt der Autor ebenfalls in „Orbitor“ („Der Körper“). Die Internetseite sagt, er habe zusätzlich in der Strada Giuseppe Garibaldi gelebt, bei der mein guter Freund und ich nach einem kleinen Spaziergang ankamen.
Eine zugeparkte Straße und Einfamilienhäuser
Wir gingen die zugeparkte Straße ab und schauten uns die vergleichsweise kleineren Wohnblocks und Einfamilienhäuser an. Es wäre vielleicht ein schöner Ort zum Leben, es gab viele Bäume, wenig Verkehr – eine kleine Vorstadt, eigentlich ziemlich nahe am Stadtzentrum. Jedoch fanden wir keinen Busparkplatz und auch kein Schild, das auf Cărtărescu verwiesen hätte. Vielleicht wäre es auch unangebracht, weil in den Häusern nun andere Menschen leben, spekulierte mein guter Freund.
Dann sagte er: „In diesem hätte er aber wohnen können!“, und er zeigte auf eines der Häuser. „Meinst du? Das hat doch nur drei Stockwerke! Eher in diesem“, sagte ich und zeigte auf das nächste. Wir schauten jedes Gebäude an und rätselten, bis unsere Finger ganz gefroren waren. Zum Aufwärmen suchten wir ein naheliegendes Café auf, in dem wir über die Magie von Büchern und die Freude am Entdecken von Neuem sprachen.







