Jedem, der der deutschen Sprache halbwegs mächtig ist, dürfte die Begriffsfamilie rund um „pfuschen“ und „Pfuscherei“ vertraut sein. In der rumänischen Sprache existiert eine direkte Entsprechung: das Verb „a fușeri“ und das Substantiv „fușereală“. Die Bedeutung ist nahezu deckungsgleich – und ebenso wenig schmeichelhaft. Wenn es jedoch einen Bereich gibt, in dem man diese Begriffe nicht hören möchte, dann ist es die Bildung. Ausgerechnet dort aber, im Fundament jeder modernen Gesellschaft, scheint die Pfuscherei in Rumänien ein treuer Dauergast zu sein.
Eine alte rumänische Redewendung bringt es bitter auf den Punkt: „Von Fehler zu Fehler bis zum Endsieg.“ Sie beschreibt treffend die paradoxe Mischung aus Improvisation, politischer Kurzsichtigkeit und strukturellem Stillstand, die das rumänische Bildungswesen seit Jahrzehnten prägt.
Hoffnungsschimmer: der Amtsantritt von Daniel David
Als Daniel David, Rektor der renommierten Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca, im Jahr 2024 das Amt des Bildungsministers übernahm, schien sich ein Lichtstreif am Horizont abzuzeichnen. Endlich ein Fachmann, ein Technokrat, jemand, der das System von innen kannte und die strukturellen Probleme nicht nur benennen, sondern auch angehen konnte. Viele hofften, er würde derjenige sein, der die rumänische Bildung endlich ins 21. Jahrhundert katapultiert. Doch die Ernüchterung folgte schneller, als es selbst die vorsichtigsten Optimisten erwartet hatten. David schien sich nahtlos in die lange Reihe seiner Vorgänger einzufügen: viel Aufmerksamkeit für Formalitäten, wenig Mut für das Wesentliche. Caragiale hätte seine Freude gehabt, denn erneut schien das Motto zu gelten: „Man soll ändern, aber alles soll so bleiben, wie es ist.“ Die großen Reformen blieben aus, die strukturellen Probleme unangetastet, und die Hoffnung auf einen echten Wandel begann zu verblassen.
Sparen am falschen Ende: die Finanzkrise und ihre Folgen
Mit dem Einbruch der rumänischen Finanzkrise zeigte sich, wie sehr David bereit war, sich den politischen Vorgaben zu beugen. Das Sparmesser wurde – wie so oft – zuerst beim chronisch unterfinanzierten Bildungswesen angesetzt. Dabei schreibt das rumänische Bildungsgesetz seit 2011 klar vor, dass jährlich sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Bildung fließen sollen. Diese Vorgabe wurde jedoch nie erfüllt. In den besten Jahren erreichte man gerade einmal die Hälfte. Auch 2026 setzt sich dieser Trend fort. Obwohl die Verhandlungen über den Staatshaushalt noch laufen, zeichnet sich ab, dass das Bildungswesen mit mageren 2,8 Prozent des BIP auskommen muss. Rumänien rühmt sich gerne seiner Kultur und seines Bildungsniveaus, doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Mit 2,8 Prozent für Bildung und 0,07 Prozent für Kultur liegt das Land weit unter dem EU-Durchschnitt und sendet ein klares Signal: Bildung ist politisch zwar ein beliebtes rhetorisches Schmuckstück, aber finanziell bleibt sie ein Stiefkind.
Als Hüter der Bildung glänzte Daniel David weniger durch Reformen als durch Eigentore. Ob diese auf persönliches Versagen, systemische Zwänge oder politisches Kalkül zurückzuführen sind, bleibt unklar. Transparenz ist im rumänischen Bildungswesen nach wie vor eine Fata Morgana. Im Januar 2026 trat David schließlich zurück – und hinterließ ein Vakuum, das symp-tomatisch für die gesamte Lage ist. Ein Minister geht, ein anderer kommt, doch das System bleibt unverändert. Die politische Klasse scheint sich längst an diesen Rhythmus gewöhnt zu haben, während Schüler, Studierende und Lehrkräfte die Konsequenzen tragen.
Der Premierminister als Notlösung
Mangels Alternativen übernahm Premierminister Bolojan selbst interimistisch das Amt. Seine Aussagen im Parlament sorgten jedoch für Unruhe unter Lehrkräften und Hochschulpersonal. Er forderte eine stärkere Leistungsorientierung der Universitäten und stellte die Finanzierung in direkten Zusammenhang mit wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Seine Botschaft war unmissverständlich: Mehr Geld gibt es erst, wenn das System mit den vorhandenen Mitteln „besser“ arbeitet. Bildung wurde damit erneut auf eine ökonomische Größe reduziert, als wäre sie ein Industriezweig, der sich durch Effizienzsteigerungen selbst finanzieren müsse. Gleichzeitig betonen Regierung und Präsidentenberater bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Bildung für die nationale Sicherheit und die langfristige Entwicklung sei. Doch zwischen Worten und Taten klafft ein Abgrund, der sich Jahr für Jahr weiter vertieft.
Unter der Amtszeit von Daniel David und später unter dem Interimsminister Bolojan nahm die Aushöhlung des Bildungswesens eine neue, fast schon zynische Qualität an. Die Kürzungen erfolgten nicht als offene Sparprogramme, sondern als eine Reihe stiller, aber tiefgreifender Entscheidungen, die das System empfindlich trafen. Unter David wurden zunächst Investitionen in die Modernisierung von Schulen und Universitäten eingefroren. Gleichzeitig wurden Mittel für Forschungsprojekte drastisch reduziert, was dazu führte, dass laufende Programme abgebrochen und internationale Kooperationen auf Eis gelegt wurden. Besonders schmerzhaft war die Streichung von Geldern für Fort- und Weiterbildungen der Lehrkräfte, die in einem ohnehin überlasteten System dringend notwendig gewesen wären. Mit dem Beginn der Finanzkrise verschärfte sich die Lage weiter. Bolojan setzte die Sparpolitik fort und verschob zusätzliche Mittel, die ursprünglich für Bildungsprogramme vorgesehen waren, in andere Haushaltsbereiche. Selbst Programme zur Unterstützung sozial benachteiligter Schüler wurden gekürzt oder bürokratisch so verkompliziert, dass sie faktisch wirkungslos wurden. Die beiden Jahre zwischen 2024 und 2026 hinterließen ein Bildungssystem, das nicht nur stagnierte, sondern in vielen Bereichen sichtbar zurückfiel – ein System, das sich zunehmend selbst überlassen wurde, während die politische Führung mit wohlklingenden Reden über „Qualität“ und „Effizienz“ die Realität zu kaschieren versuchte.
Angesichts der übermäßigen Politisierung, der chronischen Unterfinanzierung und der wachsenden Unzufriedenheit in Schulen und Universitäten überrascht es kaum, dass sich kaum jemand um das Amt des Bildungsministers reißt. Schließlich fiel die Wahl auf Mihai Dimian, Rektor der Ștefan Cel Mare-Universität in Suceava – offenbar eine Notlösung, nachdem mehrere Kandidaten abgesagt hatten. Doch auch Dimian glänzte nicht durch Klarheit. Seine Aussagen zur Politisierung des Bildungswesens wirkten widersprüchlich: Einerseits ermutigte er Lehrkräfte, sich politisch zu engagieren, andererseits kritisierte er die übermäßige Politisierung des Systems. Es war ein Versuch, es allen recht zu machen – und am Ende niemandem.
Die politische Klasse sollte zufrieden sein, weil er Parteimitgliedschaft nicht verteufelte, und die Lehrkräfte sollten beruhigt sein, weil er die Politisierung kritisierte. Doch diese Doppelbotschaft wirkte eher wie ein Zeichen der Unsicherheit als ein Programm.
Kritik aus der Fachwelt: Ein System in der Sackgasse
Der renommierte Professor Marian Popescu, bekannt für sein Engagement für Integrität im Bildungswesen, reagierte scharf. In einem Beitrag auf www.contributors.ro kritisierte er die politische Mittelmäßigkeit, die das System seit Jahrzehnten lähmt.
Seine Worte waren hart, aber treffend: Die politische Elite sei kulturell und intellektuell schwach aufgestellt und betreibe Machtspiele, die nichts mit den Bedürfnissen von Schülern, Studierenden oder Eltern zu tun hätten. Popescus Pessimismus ist nachvollziehbar. Die letzten 35 Jahre haben gezeigt, dass Reformen oft nur kosmetischer Natur sind. Die strukturellen Probleme bleiben bestehen, und mit ihnen die „fușereală“, die Pfuscherei, die längst zum festen Bestandteil des rumänischen Bildungswesens geworden ist. Diejenigen, die das System von innen kennen, wissen, dass es nicht an Ideen mangelt, sondern an politischem Mut, langfristiger Planung und echter Verantwortung. Die Frage, die sich stellt, ist simpel und zugleich schwer zu beantworten: Kann das rumänische Bildungswesen aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab, die alle miteinander verflochten sind. Politischer Wille müsste vorhanden sein, und zwar einer, der über Wahlzyklen hinausreicht. Ausreichende Finanzierung wäre notwendig, nicht nur auf dem Papier, sondern in der Realität. Professionelle Unabhängigkeit müsste gewährleistet sein, damit Bildung nicht länger als Spielball parteipolitischer Interessen dient. Transparenz wäre unverzichtbar, um Vertrauen aufzubauen. Und schließlich bräuchte es eine langfristige Vision, die Bildung nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Zukunft begreift. Solange diese Elemente fehlen, bleibt die Pfuscherei ein ständiger Begleiter. Und solange Bildung als lästige Pflicht betrachtet wird, wird Rumänien im europäischen Vergleich weiter zurückfallen.
Fazit
Die rumänische Politik beherrscht die „fușereală“ meisterhaft – doch das Bildungswesen kann sich diese Kunstform eigentlich nicht länger leisten. Eine Gesellschaft, die ihre Zukunft sichern will, muss ihre Schulen und Universitäten stärken, nicht schwächen. Ob die kommenden Jahre einen echten Wandel bringen oder nur weitere kosmetische Reformen, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Ohne Mut, Klarheit und echte Prioritätensetzung wird der Pfusch auch weiterhin auf der Tagesordnung stehen.






