Das restaurierte Casa Darvas-La Roche in der Iosif-Vulcan-Straße bot am 27. April den würdigen Rahmen für den dritten Workshop im Rahmen des EU-Projektes ROHU00528 – „Swabian Heritage“ in Großwardein/Oradea. Wissenschaftler, Museologen, Kulturschaffende und Vertreter der deutschen und schwäbischen Gemeinschaft aus Rumänien und Ungarn kamen zusammen, um über Geschichte, Identität und die Zukunft eines einzigartigen Kulturerbes nachzudenken.
Das Projekt „Swabian Heri-tage“ verfolgt die systematische Erforschung, Bewahrung und touristische Erschließung des schwäbischen Kulturerbes in der rumänisch-ungarischen Grenzregion. Projektträger sind das Jósa-András-Museum aus Nyíregyháza und Oradea Heritage, die Stiftung zum Schutz historischer Denkmäler im Kreis Bihor. Mit einem Gesamtbudget von rund 1,66 Millionen Euro aus dem Interreg-Fonds der EU und einer Laufzeit von 30 Monaten kartografiert das Projekt das schwäbische Erbe in den vier Kreisen: Szabolcs-Szatmár-Bereg und Bihar in Ungarn sowie Bihor und Sathmar/Satu Mare in Rumänien.
Ein wissenschaftlicher Blick auf die Banater und Sathmarer Schwaben
Den wissenschaftlichen Auftakt gestaltete Prof. Dr. Rudolf Gräf mit einem Vortrag über die Banater und Sathmarer Schwaben „von der Ansiedlung bis zur Umsiedlung“. Er arbeitete einen zentralen Befund heraus: Beide Gemeinschaften teilen zwar gemeinsame Wurzeln, weichen aber in ihrer Entwicklung erheblich voneinander ab. Die Banater Schwaben entstammen dem aufklärerischen Experimentierraum des habsburgischen Banats – geprägt von der „Peuplierungspolitik“, die eine multikulturelle, mehrsprachige und plurikonfessionelle Landschaft schuf. Die Sathmarer Schwaben hingegen waren keine freien Menschen, sondern Leibeigene und Bauern, die zusätzlich dem Druck von Magyarisierung und Regermanisierung ausgesetzt waren.
Ihr gemeinsames Nachkriegsschicksal brachte Gräf mit nüchterner Präzision auf den Punkt: Beide Gruppen wurden pauschal dem Deutschen Volksverband zugerechnet und kollektiv stigmatisiert – mit Enteignung, Deportation und Emigration als Folge. Wer das schwäbische Erbe verstehen will, muss beide Dimensionen kennen: die Blüte und den Verlust.
„Wurzeln nicht vergessen!“ – Die lebendige deutsche Gemeinschaft im Kreis Bihor
Norbert Heilmann, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Bihor, präsentierte gemeinsam mit Monika Fabian und Angela Varga ein lebendiges Gegenbild zum historischen Blickwinkel des ersten Vortrags. Das Demokratische Forum der Deutschen ist das organisatorische Rückgrat einer Gemeinschaft, die durch starke institutionelle Strukturen und kontinuierliche Kulturarbeit Sprache und Tradition aktiv bewahrt. Das Kreisforum verfügt über 445 aktive Mitglieder. Das eigene Motto „Wurzeln nicht vergessen!“ ist die Antriebskraft für die Tätigkeiten der schwäbisch-deutschen Gemeinschaft im Kreis Bihor. Seit 2008 besteht das Deutsche Theoretische Lyzeum „Friedrich Schiller“ mit den Klassenstufen 0 bis 12 sowie sechs deutschen Kindergartengruppen in Großwardein. Frau Fabian stellte das Kulturleben und die Trachten der Tanzgruppen „Rosmarein“ und „Enzian“, der Kindertanzgruppe „Sonnenschein“ aus Großwardein sowie der Jugendtanzgruppe „Lavenderstrauss“ aus Petreu vor. Zudem präsentierte Angela Varga die Tanzgruppen „Wilde Rose“ und „Mini Wilde Rose“ aus Palota. Die Tanzgruppenleiterinnen schilderten eindrücklich, wie viel persönliches Engagement es braucht, Kinder und Jugendliche für Tracht und Tanz zu begeistern. Heilmanns Fazit war eindeutig: Die Kontinuität der Tradition liegt in den Händen der neuen Generationen.
Bedeutungsvolle und traditionsreiche Trachten
Ergänzt wurde dieser Block durch Melita Palcu-Socaciu, die über die banatschwäbische Volkstracht aus Sanktanna/Sântana sprach. Ihr Beitrag zeigte: Tracht ist kein Museum – sie ist ein lebendiges Zeichensystem, das Zugehörigkeit, Konfession und Herkunft sichtbar macht und über Generationen weitergegeben wird. Die Tochter von Frau Palcu-Socaciu präsentierte durch das Tragen und Vorführen einer Tracht nicht nur ein interaktives Element, sondern vor allem auch die Komplexität der Stoffe, deren Bedeutung weit über den simplen Zustand eines Kleidungsstücks hinausgeht.
Siedlungs- und Sozialgeschichte der Sathmarer Schwaben
Imre Kutasi, Ethnograf des Freilichtmuseums Sóstó in Nyíregyháza, beleuchtete die Entwicklung der schwäbischen Siedlungen in der Region Sathmar und lieferte damit Grundlagen für ein zentrales Projektziel: den Bau eines schwäbischen Gedenkensembles vom Typ Scheunengehöft im Freilichtmuseum – ein greifbares Denkmal für die materielle Kultur der Sathmarer Schwaben.
Kultur als Chance und Motor des Tourismus
Alexandru Chira, geschäftsführender Direktor von Oradea Heritage, schloss mit einem strategischen Ausblick: Kulturtourismus als Instrument der Gemeinschaft. Er legte eine Systematik vor, die acht Veranstaltungskategorien umfasst – von der öffentlichen Kulturagenda und Nischenevents über gastronomische und sportliche Formate bis hin zu touristischen Produkten. Besonders betonte er die kreative Spannung zwischen Tradition und Moderne: Nur wer das Erbe weiterentwickelt, erreicht neue Generationen und sichert seine wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Ein Erbe, das verbindet
Der dritte Workshop von „Swabian Heritage“ hat gezeigt: Kulturerbe ist keine Last der Vergangenheit, sondern eine Ressource für die Zukunft. In einer Region, die lange von Grenzen geprägt war, bietet das schwäbische Erbe die Möglichkeit, Brücken zu bauen – zwischen Rumänien und Ungarn, zwischen Forschung und Gemeinschaft, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Das Casa Darvas-La Roche war dafür der ideale Ort: ein Symbol dafür, dass Geschichte und Gegenwart sich in Großwardein auf besondere Weise begegnen.






