Todesliste für verlassene Mütter und Kinder

Ein erschütterndes Buch über den rumänischen Holocaust, das die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verstörend verwischt

Buchvorstellung mit Autorin Gali Mir-Tibon (links) in der Residenz der deutschen Botschaft Foto: Facebook Deutsche Botschaft Bukarest

„Es gab einen Punkt, an dem wir uns gegenseitig nicht mehr in die Augen sehen konnten“, bekennt Siegfried Jagendorf vor dem Staatsanwalt. Über vieles hatte man im Ghetto Moghilev in Transnistrien hinwegsehen können – und müssen! – um die Gemeinschaft, die eigene Familie, das eigene nackte Leben zu schützen. Dreimal waren Listen zur Deportation von Tausenden Juden aus Moghilev in die Todeslager Scazineți und Pecioara erstellt worden. Gefordert hatten sie die rumänischen Behörden: Das übervölkerte Ghetto musste ausgedünnt werden, um die Typhusgefahr einzudämmen. Doch mit Namen füllen musste sie das jüdische Leitungskomitee... 

Wen sollte man opfern? Zuerst deportierte man Arme, Kranke und Alte, denn das Überleben der Juden in Moghilev hing von den Arbeitsfähigen ab: Den billigen Arbeitskräften für die Kriegsmaschinerie der Rumänen und Deutschen. Zuletzt opferte man die ukrainischen Juden, die ganz unten in der Hierarchie des Ghettos standen. Sie waren als einzelne Familien gekommen, unorganisiert, anders als jene aus der Südbukowina oder aus Dorohoi mit ihren erfahrenen Leitern: Siegfried Jagendorf und  Mihail Danilov, die auch in Moghilev abwechselnd an der Spitze im jüdischen Komitee standen. Aufgabe des Komitees war, das Lagerleben zu organisieren und mit einer eigenen jüdischen Polizei zu kontrollieren. Aber auch die Aushebung nach den Listen. Und immer fehlten welche: Jene, die davon Wind bekommen hatten, geflüchtet waren oder sich erfolgreich versteckten. Die Zahl aber musste stimmen. Zuletzt fehlten wieder 200 Namen... 

Sicheres Verhungern

Jeder wusste: Die Listen bedeuteten den sicheren Tod. Es gab in den Lagern von Pecioara und Scazine]i im Gegensatz zu Moghilev keine Möglichkeit, etwas anzubauen, etwas vom Feld aufzusammeln, Lokalbewohnern kleine Dienstleistungen anzubieten oder gar zu arbeiten. Es gab nur dürres Grasland und schlechte Erde, die sich bei Regen in Schlamm verwandelte. Sowohl Jagendorf als auch Danilov versuchten daher, soviele Menschen wie möglich davor zu retten. Jagendorf war derjenige, der verzweifelt Listen von arbeitsfähigen Juden erstellte, die in Moghilev unabkömmlich waren. 

Jagendorf war es auch gewesen, der am ersten Tag seiner eigenen Ankunft in Moghilev mit dem Mut des mit dem Unausweichlichen Konfrontierten dreist in die deutsch-rumänische Kommandantur des Lagers geplatzt war – und in bestem Deutsch und perfekten Manieren anbot, das vom Krieg zerstörte Elektrizitätswerk zum Laufen zu bringen, wenn man ihn unter den Lagerinsassen Elektriker suchen bzw. anlernen ließe. Als der im Ersten Weltkrieg für die Erfindung eines strategischen elektrischen Zauns ausgezeichnete Elektriker auch noch die Reparaturfabrik für Landmaschinen übernahm und erfolgreich organisierte, war für beide Seiten – die Verwaltung der Rumänen wie die arbeitsuchenden Juden - klar: dieser Mann ist Gold wert. Es gelang ihm, zehn-tausenden Juden in Moghilev das Leben zu retten. Nein, Jagendorf erstellte keine Todeslisten. Sein „Glück“ war, dass er schon vor der Erstellung der letzten Listen  von der Lagerleitung zurückgetreten war. Er war nicht mehr zuständig, als die letzten 200 Namen fehlten… 

Todeslisten, Arbeitslisten, Rettungslisten

Listen bestimmten auch das Schicksal jener, die zur Zwangsarbeit einrücken mussten: Schwerstarbeiten, von denen so mancher nicht zurückkam. Wer sich nicht freikaufen, sprich, die Obrigen bestechen oder arme Juden mit Geld überzeugen konnte, an eigener Stelle zu gehen, landete auf den Listen. Niemals aber sandte das jüdische Komitee verheiratete Frauen zur Zwangsarbeit, obwohl nach rumänischer Vorgabe durchaus gefordert. Selbst unter den rauesten Bedingungen genossen diese Frauen und ihre Kinder noch einen gewissen Schutz. So war es auch zuhause gewesen: die Ehefrauen hüteten Heim, Herd und Nachwuchs, die Männer boten ihnen Sicherheit und materielle Existenz. Bis zu dem Zeitpunkt, als 200 Namen fehlten... 

Gesucht: 200 Menschen, die niemandem nützen, die keiner mehr beschützt. Übrig waren nur noch Frauen ohne Mann und Kinder ohne Vater…  „Nach jüdischem Glauben ausgerechnet die Schützenswertesten in der Gesellschaft!“, empört sich Gali Mir-Tibon, die Autorin des Buchs „O list˛ a mamelor“ (Eine Liste der Mütter), Nachfahrin einer der Hauptheldinnen, Sally, die es schaffte, sich mit Tochter Rella und Söhnchen Bonceac tief in den Latrinen zu verstecken, als Danilov mit seinen Polizisten das Lager mit Knüppeln durchkämmte, Frauen und Kinder brutal aus ihren Verstecken zerrte, als alle ihre jämmerlichen Schreie hörten... überhörten, weghörten. Auch Jagendorf, der sich fragte: War es richtig gewesen, von der Lagerleitung zurückzutreten? Hätte er es verhindern können?

Sally, deren Mann bei der Zwangsarbeit verschollen war, starb später im Lager an Entkräftung. Doch ihre Kinder konnten dank der Hilfe ihrer Freundin Marta einen Platz in einem Waisenzug nach Jassy erlangen. Standen Schlange in Eis und Kälte, als endlich der Zug ankam – und zufällig auch ein Karren mit toten und sterbenden Juden aus einem Lager, der achtlos ausgekippt wurde. Da sieht Rella ihren moribunden Vater! Will hinstürzen, um ihn wenigstens ein letztes Mal zu umarmen, doch Marta hält sie eisern fest. Flüstert verzweifelt in ihr Ohr, dass sie und ihr Bruder dann ihren rettenden Platz im Zug verlieren, der Vollwaisen vorbehalten war. 

Einer Liste von 1500 Waisenkindern, diesmal zu ihrer Rettung, verdankt Gali Mir-Tibon, in Israel in einem Kibbuz zur Welt gekommen, ihr Leben. Denn dorthin wurde Rella dank Martas Vermittlung von der Bukarester Organisation der Zionisten später versandt. Aber auch da spielte eine Lüge den Retter: nahm doch Rella, die keine echte Waise war und außerdem ein Jahr zu alt für die Liste, im Zug nach Jassy den Platz eines anonymen, benachteiligten Kindes ein… 

Brennende Schuldfrage

Mir-Tibon fühlte sich berufen, ihr Leben dem Studium des Holocausts zu widmen. Ihre 2013 verteidigte Doktorarbeit an der Universität von Tel Aviv widmete sie dem Thema „Die jüdische Leitung der Gemeinschaften aus der Südbukowina in den Ghettos der Region Moghilev unter dem rumänischen Regime (1941-44). In ihrem Buch rollt sie die Vernehmung von Jagendorf und Danilov nach Kriegsende auf, die sich wegen diesen Listen vor dem neuen Regime in Rumänien verantworten müssen. Beide schildern die Zustände im Lager, die Konflikte, die Korruption, ihr Bemühen, so viele wie möglich zu retten, aber auch die Verrohung der Menschen im Angesicht der eigenen Angst. Immer enger werden die Kreise der Schützenswerten: Ein Onkel weist seine verwaiste Nichte mit harschen Worten ab. Bei der Flucht von Martas Familie verliert ihr Bruder einen Schuh, kann nicht mehr laufen, die Morgendämmerung droht hereinzubrechen und die Flüchtenden zu verraten, da erklärt der Vater hart, der Sohn sei groß genug, mit der Lage alleine fertig zu werden. Die Eltern gehen weiter. Nur Marta bringt es nicht übers Herz, den Bruder zu opfern, mit letzten Kräften schleppt die Schwächste ihn auf ihrem Rücken weiter. 

Mir-Tibon scheut sich nicht, trotz Extremsituationen die Schuldfrage auch für Juden zu stellen: Auch für Jagendorf, der nachweislich Zehntausende gerettet hatte und letztlich freigesprochen wird, während Danilov zuerst 25 Jahre Haft erwarten, bis es seiner Frau gelingt,  den Fall wieder aufzurollen… 

Hätte man das mit den Listen nicht auch anders lösen können, fragt sich die Holocaust-Expertin? Gerechter – durch eine Lotterie vielleicht? Die Juden in Moghilev hätten ihre Entscheidungen nach den Prinzipien der Nazis gefällt, die ihrer jüdischen Moral diametral entgegenstehen, klagt sie an: Ausgerechnet die Schwächsten sollten geopfert werden, damit die Gemeinschaft stark bleibt und überlebt.

Scham und Selbstanklage

Die Lektüre konfrontiert selbst den Leser immer wieder mit Schmerzgrenzen: Auf dem Weg nach Transnistrien, entkräftet und zermürbt von Kälte und Hunger, setzen die Deportierten über einen Fluss. Dort angekommen, entkleidet eine Mutter ihr zweijähriges Mädchen, hält es nackt übers Ufer – und lässt los… Den entsetzten Augenzeugen ruft sie zu: „Was schaut ihr so? Ich habe nichts, was ich ihr zu essen geben könnte. Nicht einmal für mich! Ich bin noch jung, ich werde noch Kinder haben! Schert euch zum Teufel!“ Nicht nur der vorletzte Satz lässt die Tat besonders kaltblütig erscheinen, sondern auch die Entkleidung des Kindes, schon beim Gedanken, die Sachen zu verkaufen.

Auf der Buchvorstellung am 4. Februar zum Anlass des Holocaust-Gedenktags (die ADZ hat berichtet) in der Residenz der deutschen Botschafterin erklärt die Autorin aber auch die allgemeine Sprachlosigkeit der Juden untereinander nach dem Holocaust.  Man schämte sich für die eigenen Leute: Die Juden sollten doch die Opfer,  „die Guten“, sein! Doch ein großer Teil der Gefahr lauerte innerhalb der eigenen Gemeinschaft, wo verraten, betrogen und bestohlen wurde. 

Dies spiegelt sich auch im Verhältnis zwischen Jagendorf und Danilov wider, die beide bezichtigt werden, die eigene Gruppe zu schützen, während die bessarabischen, aus der Nordbukowina stammenden und ukrainischen Juden keinen solchen Schutz genossen (die Sowjets hatten ihre Strukturen zerstört). Danilov gibt an einer Stelle zu: Er habe auf den Listen Namen der eigenen Gruppe gestrichen und durch die der anderen ausgetauscht. Auch wenn das jüdische Komitee viel Postives bewirken konnte – ein Waisenhaus einrichten mit Suppenküche, um die stehlenden Kinder von der Straße zu bekommen, Arbeitsbeschaffung im Elektrizitätswerk und der Traktorenwerkstatt – florierten  Korruption, Bestechung und Verrat.

Große Bitterkeit herrschte deswegen unter den Überlebenden, die alle Opfer zu beklagen hatten und jemanden dafür anklagten. Selbst Jagendorf, der Lebensretter, war vor Anschuldigungen nicht gefeit. Man fragte: Warum war der eine und nicht der andere gerettet worden?

Einige Schlüsselszenen

Einige Schlüsselszenen sind für das Verständnis, wie der Massenmord an den Juden von Menschen akzeptiert werden konnte, aber auch für dessen Absurdität, essenziell. Der erste Schritt sei die Ghettobildung gewesen: das Zurückschicken der Juden in ihre alten Stadtteile, wie es in Polen geschah. Doch hatte sich die jüdische Gesellschaft inzwischen stark entwickelt und in die Gesamtbevölkerung integriert, sodass diese Orte völlig überfüllt waren. Es gab nicht für alle Wohnraum, die hygienischen Bedingungen waren prekär. Um das Entweichen zu verhindern, wurden die Ghettos abgesperrt, die Insassen zu Armut, Krankheiten, Schmutz verdammt und „entmenschlicht“ - was es später leichter machte, sie zu töten.

Ein Schlüsselmoment sei für die Autorin die Erkenntnis gewesen, dass am Holocaust in Rumänien, das unter Antonescu die Deportation nach Transnistrien organisierte, fast keine Deutschen beteiligt waren. Die Schlüsselfiguren waren fast ausschließlich Rumänen. Die Deutschen weigerten sich sogar, Juden zu übernehmen, die vom Regime Antonescu über den Bug weiter nach Osten abgeschoben werden sollten. Die rumänische Verwaltung in Transnistrien musste mit den Deportierten selbst zurechtkommen.

Ein dritter Schlüsselmoment enthüllt sich im Buch an der Stelle, als Danilov dem Staatsanwalt, den die mangelnde Solidarität und Empathie unter den Juden wunderte, die Inhomogenität der Deportierten erklärte. Es habe seitens der rumänischen Juden aus Dorohoi oder der Südbukowina keinerlei Identifikation mit den Juden aus der Ukraine oder Bessarabien gegeben, weil es keine Gemeinsamkeiten gab. Weil die anderen sogar eine andere Sprache sprachen, man konnte sich nicht einmal verständigen. Entsprechend gering waren die Skrupel, die anderen ins Verderben zu schicken. 

„O list˛ a mamelor“ ist keine leichte Lektüre, immer wieder muss man das Buch weglegen, innehalten, durchatmen. Doch es schließt Lücken im Verständnis und verdeutlicht, dass die Akzeptanz von Ungleichheit zwischen Menschen eine Lawine der Entmenschlichung lostritt, die am Ende jederzeit wieder in Völkermord münden kann. Ob gegen Juden, Roma, Migranten oder andere Minderheiten. Und am Ende fragt man sich wieder: Wie konnte das nur geschehen?