Urlaub auf Leichen

Wie Europas Tourismusbranche am Iran-Krieg verdient – und darüber schweigt

Grafik: von Gemini AI generiert

Während im Persischen Golf Raketen fallen und Menschen sterben, jubelt die europäische Reisewirtschaft über Rekordnachfrage und erhöht die Preise. Manche nennen es „Nachfrageverschiebung“, andere, ein System.

Es war eigentlich ein ganz normaler Urlaubsmorgen für Tausende Touristen auf dem Deck ihres Kreuzfahrtschiffes im Persischen Golf, als die Handys um sie he-rum gleichzeitig aufheulten. Raketenalarm. Über ihnen donnerten US-Bomber in Richtung Iran. Explosionen, Trümmer, die neben dem Schiff ins Meer fielen. Schutzräume gab es keine. In jenem Moment, am 28. Fe-bruar 2026, endete nicht nur ihr Urlaub – es begann die profitabelste Krise, die der westeuropäische Tourismus seit Jahren erlebt hat. Nur redet darüber niemand.

Die Straße, die alles entscheidet

Die Straße von Hormus, 60 Kilometer breit an ihrer engsten Stelle, ist seit dem 28. Februar weitgehend gesperrt. Über sie laufen 20 Prozent des weltweiten Ölhandels. Irans Revolutionsgarden haben 21 bestätigte Angriffe auf Handelsschiffe durchgeführt, Seeminen gelegt. Die Internationale Energiebehörde nennt es die größte Energiekrise der Geschichte. Kerosinpreise haben sich in weniger als zwei Monaten fast verdoppelt. Airlines wie Air France und KLM haben bereits Zuschläge eingeführt, United Air- lines hat sein Netz um fünf Prozent gekürzt.

Doch hier beginnt die erste Unehrlichkeit der Branche: Airlines kaufen Treibstoff oft weit im Voraus zu Festpreisen – Fuel Hedging. Viele zehren noch von günstigen Altverträgen. Die echten Mehrkosten sind noch gar nicht eingetreten. Die Zuschläge werden trotzdem jetzt erhoben. Die Branche nutzt die Panik der Reisenden, um Margen durchzusetzen, die in ruhigen Zeiten undenkbar wären. 54 Prozent der Deutschen lehnen höhere Ticketpreise ab. Irrelevant – wer im Sommer fliegen will, zahlt, was verlangt wird.

Die Schwachen sterben, die Starken kassieren

Spirit Airlines hatte bereits zwei Insolvenzverfahren hinter sich, als der Krieg begann. Der Neustart war geplant, die Verträge unterschrieben – dann verdoppelte sich der Kerosinpreis. Das Finanzdienstleistungsunternehmen J.P. Morgan berechnete 360 Millionen Dollar Mehrkosten. Das ist mehr als der gesamte Kassenbestand der Airline. Das Ergebnis wäre keine weitere Insolvenz, sondern vollständige Auflösung. Gulf Air und Middle East Airlines balancieren am selben Abgrund.

Im April dieses Jahres hat auch Lufthansa aufgrund der erhöhten Kerosinpreise die Auflösung ihres Billigfliegers City Line angekündigt und in kürzester Zeit dessen 27 Flugzeuge ausgeflottet, wobei über 1000 Flüge gestrichen wurden.

Die Ratingagentur Fitch formulierte es nüchtern: Schwächere Airlines fallen aus, stärkere nutzen die Krise für Gebührenerhöhungen, die in normalen Zeiten Protest ausgelöst hätten. Delta, United, Lufthansa — alle erhöhen Gepäckgebühren, führen neue Zuschläge ein, streichen Billigtarife. Der Markt bereinigt sich. Günstige Tickets verschwinden. Der Durchschnittsreisende zahlt mehr. Und die Branche nennt das: Anpassung an veränderte Marktbedingungen. Als wäre ein Krieg eine Marktbedingung wie jede andere.

15.000 Geiseln der eigenen Urlaubslust

Rund 15.000 Kreuzfahrtpassagiere saßen nach Kriegsbeginn im Persischen Golf fest – auf Schiffen ohne Schutzräume, umgeben von Kriegshubschraubern. Qatar Airways strich knapp 5000 Flüge, fast 90 Prozent seines Betriebs. Dubai, Doha und Abu Dhabi – zusammen 14 Prozent des weltweiten Lufttransitverkehrs – fielen als Drehkreuze nahezu vollständig aus. Reisende aus Indien, Japan, Südkorea standen ohne Verbindungen da.

In Wien verzeichneten gehobene Hotels 20 Prozent weniger Gäste. Die kaufkräftigen Besucher aus Katar und den Emiraten, die durchschnittlich dreimal so viel ausgeben wie europäische  Touristen, bleiben aus. Auch London meldete halbierte Buchungen aus dem Nahen Osten. Der World Travel & Tourism Council bezifferte den täglichen Verlust im westasiatischen Tourismus auf 600 Millionen Dollar. 

Für 2026 rechnen Analysten mit bis zu 38 Millionen weniger Besuchern in der Region – ein Einbruch von 27 Prozent statt des erwarteten Wachstums von 13 Prozent. Das Image der Golfstaaten als sicheres Reiseziel sei unwiderruflich zerstört, meinte eine Analyst.

Das Geschäft mit dem brennenden Nachbarladen

Und jetzt zur Frage, die in keiner Pressemitteilung eines Reiseverbandes steht: Wer profitiert davon?

Deutschland: Inlandstourismus plus 60 Prozent im März. Die Sächsische Schweiz, das Moseltal, die Nordsee – ausgebucht. Spanien: Die Kanaren und Balearen verzeichnen Rekordnachfragen von Reisenden, die ursprünglich Dubai gebucht hatten. Laut TUI entfallen drei Viertel aller deutschen Sommerbuchungen auf europäische Ziele. Lastminute.com jubelt über Rekordzahlen für Sizilien, Sardinien, die Balearen.

Diese Gewinne sind kein Zufall. Keine Leistung. Kein Verdienst. Sie sind das direkte Resultat davon, dass in Dubai gerade Raketentrümmer vor Luxushotels fallen oder in der Straße von Hormus Öltanker versinken. Wäre der Krieg nicht, wären diese Buchungen nicht. Die Tourismusbranche nennt es „Nachfrageverschiebung“. Das ist die Sprache der Betäubung – man narkotisiert das Gewissen mit Businessvokabular, während die Kassen klingeln.

Alles sieht so aus als würde man dem brennenden Nachbarladen zuschauen und dabei öffentlich Mitleid ausdrücken, hinterrücks aber die Gelegenheit nutzen, dessen Kundschaft abzuwerben und die Preise für die eigenen Waren zu erhöhen – wobei man sich zugleich ständig einredet, mit dem Brand eigentlich nichts zu tun zu haben. Ungefähr so verläuft derzeit der europäische Tourismus.

Die Situation Rumäniens

Im rumänischen Tourismus lässt sich der Iran eher wenig spüren: Im Februar lag die Anzahl ausländischer Reisender nur um rund drei Prozent unter dem Vorjahresmonat. Die rumänische Tourismusbranche ist zu träge, um von der in West-europa ergriffenen Chance zu profitieren. 

Einen Einbruch der Tourismuszahlen hat Rumänien tatsächlich erlebt, aber bereits im Vorjahr, also vor Beginn des Iran-Krieges. Grund dafür waren der Fiskalschock der Regierung und insbesondere die Kürzung der Urlaubsgutscheine. Vom Iran-Krieg tatsächlich betroffen sind ausschließlich die rund fünf Prozent der Rumänen, die sich einen Urlaub im Mittleren Osten oder in Asien leisten können.

Somit gehen die zahlreichen angekündigten Hotelpleiten und Hotelverkaufsangebote wohl nicht auf den Iran-Krieg zurück, sondern auf die starke Fokussierung auf den rumänischen Gast, der nun insbesondere unter dem Druck der von der Regierung eingeleiteten Fiskalreformen sein Urlaubsbudget vorsichtiger einsetzt.

Wer wirklich bezahlt

Was die gesamte Diskussion ausblendet, ist die geografische Ungerechtigkeit dieses Kriegsschocks. Während ein deutsches Paar seinen Dubai-Urlaub auf Mallorca verlegt, kämpfen Länder wie Bangladesch und Äthiopien mit Treibstoffmangel, Nahrungsmittelengpässen, wirtschaftlichem Kollaps. 40 Prozent des weltweiten Urea-Handels – Grundlage der globalen Landwirtschaft – lief normalerweise durch die Straße von Hormus. Die UN warnen: Bis zu vier Millionen Menschen könnten zusätzlich in Armut getrieben werden. Das ist kein gesunkener Buchungsumsatz. Das sind Menschenleben.

Anders ist es im Abendland. Man könnte es das Privileg des Abstands nennen: Wer weit genug weg wohnt, kann den Krieg als Reisehindernis behandeln – als lästige Variable in der Urlaubsplanung, nicht als moralische Tatsache. Europäische Tourismusverbände jubeln über Rekordnachfragen, ohne einen einzigen Satz des Bedauerns für jene zu äußern, deren Zerstörung diese Nachfrage erst erzeugt. Die Nachhaltigkeitsberichte verstauben. Verantwortungsvoller Tourismus endet dort, wo er aufhört, sich zu rechnen.

Das Schweigen ist eine Entscheidung

Die Kostenwelle ist noch nicht voll angekommen. 75 Prozent der europäischen Kerosin-Nettoimporte kamen zuletzt aus dem Mittleren Osten. Wenn die Hedging-Verträge der Airlines auslaufen und Kerosin zu Marktpreisen nachgekauft werden muss, werden die Ticketpreise im Herbst und Winter nochmals sprunghaft steigen. Katars Finanzminister sagte es beim IWF-Treffen in Wa-shington offen: Bisher haben wir nur die Spitze des Eisbergs gesehen. Der volle Schlag kommt noch – für Reisende, für Volkswirtschaften, für Millionen Menschen, die mit dem Urlaub eines westlichen Ehepaars rein gar nichts zu tun haben.

Branchenexperten verweisen reflexartig auf frühere Krisen. Nach dem 11. September, nach 2008, nach Corona hat sich der Tourismus immer erholt. Das stimmt. Aber Resilienz ist kein moralisches Argument. Es ist eine Feststellung über Überlebensfähigkeit – nicht über Verantwortung. Die Fähigkeit, sich zu erholen, entbindet nicht von der Pflicht, sich zu fragen, auf wessen Kosten man gerade profitiert.

Was zu fordern wäre, ist kein radikaler Bruch – es ist Minimalstandard. Airlines, die Krisenzuschläge erheben, bevor ihre Altverträge ausgelaufen sind, sollten das öffentlich begründen müssen. Reiseverbände, die Rekordgewinne feiern, sollten deren Quelle benennen. Und Teile dieser Gewinne könnten in humanitäre Hilfe für die Regionen fließen, deren Zerstörung sie erst ermöglicht. Die Branche hat in der Corona-Krise Milliarden an Staatshilfen erhalten, ohne groß zu zögern. Es wäre nicht unzumutbar, in Zeiten von Krisengewinnen einen Bruchteil davon zurückzugeben. Nicht als PR-Geste. Als Mindestanstand.

Eine Branche, die Verantwortung predigt, wenn es nichts kostet, und schweigt, wenn es etwas kostet, hat das Recht verwirkt, sich tugendhaft zu nennen. Das Schweigen ist keine Unterlassung. Es ist eine Entscheidung. Und Entscheidungen haben Konsequenzen – auch wenn man sie nie ausspricht.

Muss die Wirtschaft ethisch sein?

Die Frage, ob das beschriebene Verhalten moralisch verwerflich ist, hängt sicherlich davon ab, welchen Maßstab man anlegt.

Wer Krisengewinne jedoch mit Euphemismen kaschiert und Nachhaltigkeitsberichte als Feigenblatt nutzt, handelt nicht aus Integrität, sondern aus reinem Kalkül. Das Problem ist: All das ist vollkommen legal. Und genau da liegt der eigentliche Skandal – nicht im individuellen Versagen einzelner Unternehmen, sondern in der Lücke im Regelwerk, die dieses Verhalten erst ermöglicht.

Alternativen existieren – wenn man sie will

Das Argument, Unternehmen handelten eben rational innerhalb ihrer Rahmenbedingungen, ist kein Freispruch. Es ist eine Beschreibung des Problems. Märkte sind keine Naturgesetze, sondern Regelwerke – und Regelwerke lassen sich ändern.

2022 führte die EU eine Sonderabgabe auf Übergewinne von Energieunternehmen ein. Dasselbe Prinzip wäre auf Tourismusunternehmen anwendbar, die nachweislich von geopolitischen Krisen profitieren. Eine Erweiterung der Corporate Sustainability Reporting Directive auf Krisengewinne wäre rechtlich und politisch machbar. Reiseveranstalter könnten verpflichtet werden, offen zu kommunizieren, wenn ihre Rekordgewinne kausal auf humanitäre Katastrophen zurückgehen. Und Teile dieser Gewinne könnten in humanitäre Hilfe fließen – nicht als PR-Geste, sondern als Mindestanstand gegenüber jenen, deren Zerstörung sie erst ermöglicht hat. Eine faire Wirtschaft beginnt nicht mit guten Menschen, sondern mit besseren Regeln. Und diese entstehen nur dort, wo die unbequemen Fragen überhaupt erst gestellt werden.