Warum du anfangen solltest zu lesen

Wirklich, auch wenn es langweilig klingt

Es gibt Millionen von Büchern. Auch für dich ist eines, das dich interessiert und berührt, dabei.

Bücher sind oft nicht teuer. Neuerscheinungen können zwar manchmal happige Preise haben, wenn man etwas warten kann, ändert sich das aber schnell. In Antiquariaten gibt es tausende Bücher, viele zu Spottpreisen (oft sogar günstiger als Nudeln), und in Bibliotheken können darüber hinaus Bücher ganz kostenfrei ausgeliehen werden. In einem Antiquariat in Bukarest bin ich fündig geworden. | Foto: Valentin Brendler

„Du solltest mehr lesen“, „Lesen macht dich schlau“, „Lesen ist so wichtig“, wird einem, wenn man jung ist, immer wieder so, oder so ähnlich, gesagt. Den Großteil meiner Jugend habe ich gar nicht gelesen und diese Sätze schienen mir abstrakt, ungreifbar und sie sind teilweise auch falsch. Lesen macht einen nicht per se schlau. Doch als ich das erste Mal „Der Fänger im Roggen“ gelesen habe, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Du solltest lesen! Denn wenn du es nicht tust, verpasst du was.

Meine literarische Offenbarung hatte ich mit 16. Rückblickend ein sehr prägendes Jahr in meinem Leben. Nun, aktuell, bin ich 25 Jahre alt, also ist diese Zeit für mich auch noch nicht so lange her. Damals, mit 16, hatte ich gerade Liebeskummer. Natürlich hat mich das damals sehr mitgenommen. Im Rückblick denkt man sich immer: Mensch, da war ich noch jung und dumm. Doch damals ging es mir wirklich schlecht. Trotzdem versuchte ich, Haltung zu bewahren und es nicht zu schwer zu nehmen.  

Umgeben von tausenden Büchern

Eines Tages war ich dann im Keller des Familienhauses, dessen Wände mit tausenden, alten, schönen Büchern ausgestattet sind. Diese haben meine Eltern alle gelesen und gesammelt, obwohl sie mit der Zeit auch nicht mehr so viel lesen wie früher. Deswegen habe ich nie viel über diese Bücher nachgedacht. Sie statteten die Wände aus, mehr nicht. Doch eines Tages, ich kann nicht genau sagen warum, wollte ich auf einmal eines lesen. 

Schon vorher mochte ich Filme, Bilder und Theater (das ich auch in der Schule und im Jugendclub des Stadttheaters spielte), doch Bücher waren mir fremd. An diesem einen Tag wollte ich jedoch auf einmal unbedingt ein Buch lesen. Vielleicht, um irgendetwas in ihnen zu finden, irgendwas Interessantes, irgendwas Bewegendes, irgendwas Ablenkendes. 

Ich fragte also meine Mutter, ob sie mir ein Buch empfehlen kann. Sie gab mir „Der Fänger im Roggen“. Meine Familie hatte eine alte, vergilbte, durchgelesene und fast zerfallende Taschenbuchversion des Romans von J. D. Salinger. Ich bedankte mich bei ihr und nahm dieses obskure Buch mit in mein Zimmer, wo ich es las. 

Eine literarische Offenbarung

Diese – man muss es heute so sagen – alte Geschichte, in diesem fast magischem, alten Buch, sprach mich so an, als wäre das Buch für mich und nur für mich allein geschrieben worden. Dabei wurde es von einem Amerikaner geschrieben und ist weltbekannt. Aber in Franken, wo ich aufgewachsen bin, kannten es natürlich in der Schule die wenigsten (abseits der Lehrer). Ich las das Buch also schnell und akribisch und als ich fertig war, war mein Leben auf den Kopf gestellt. Dieses Buch war so toll, das Lesen hat so viel Spaß gemacht, dass ich mir gesagt habe, dass ich so was selber machen möchte.

Deswegen habe ich anschließend literarisches Schreiben im Bachelor und Master an der Universität Hildesheim studiert und schreibe noch heute. Diese eine Lektüre hat mein Leben und wie ich über Kunst und Literatur denke, schlagartig verändert. 

Sind Bücher langweilig?

So viel erst mal zu mir, aber warum solltest du nun auch lesen? Du denkst dir vielleicht: „Toll, dass es dir so viel Spaß macht, aber ich finde Bücher langweilig!“ Viele begeisterte Leser antworten dann meistens: „Das stimmt doch gar nicht!“, dabei ist es ein valider und weitverbreiteter Gedanke, der durchaus seine Grundlage hat.

Warum empfinden viele Menschen Bücher als langweilig? Ganz viel hat auch die Schule damit zu tun. In dieser werden – neben ein paar aktuellen Texten, vor allem in den unteren Klassen – in der Oberstufe meistens nur sogenannte Klassiker durchgekaut und dann „analysiert“. Meistens wird die Frage gestellt: „Was meint der Autor damit?“, obwohl die Lehrer (so wie viele Experten) selber gar nicht wissen können, was der Autor damit gemeint hat. Eine solche Analyse von Büchern war an meiner Universität verpönt. Wir untersuchten, wie die Autoren arbeiteten und welche Techniken sie benutzten, aber zu sagen, was immer genau gemeint war und wie das Buch zu lesen sein soll, war nie das Ziel. Denn dieses ist für jeden Menschen unterschiedlich. 

Die Fantasie ist für die Schule unwichtig 

Das liegt auch grundsätzlich am Medium Literatur. Bücher arbeiten mit der Fantasie und Vorstellungskraft der Leser. Wenn ein Raum beschrieben wird, hat jeder Leser die gleichen Informationen. Ein Beispiel: Sie geht in ein kleines Zimmer in einem Hotel. Neben der Eingangstür ist die Toilette, weiter hinten steht ein Bett und ein Sessel. Ihr fällt sofort auf, dass auf dem Fensterbrett eine Bibel liegt.

Sicherlich hast du dir diesen Raum vorgestellt, oder?  Natürlich mit dem Bett, dem Sessel, der Toilette und der Bibel, das ist klar. Aber darüber hinaus hatte er in deinem Kopf womöglich eine klarere Farbe, eine genauere Aufteilung. Dabei hast du womöglich auf deine eigenen Erinnerungen (von Hotels) oder andere Medien, wie Filme, zurückgegriffen. Das macht jeder Leser so. Das heißt, dass jeder Leser einen anderen Raum im Geiste sieht und jede Lektüre für jeden unterschiedlich ist. 

Bücher werden zu Tode analysiert

Genau diese Fantasie und individuelle Leseerfahrung wird in Schulen wenig gefördert. Es wird analysiert, was der Autor damit gesagt haben könnte, aber nicht hinterfragt, was der Text den Schülern, den Lesern, dir, sagt. Obwohl literarische Texte zumeist für einen Leser, für dich, und nicht nur für den Autor selbst geschrieben werden. 

Dazu werden zumeist antiquierte Bücher, insbeson-dere von Goethe, gelesen. Goethe war ein Meister seines Fachs, jedoch sind viele Werke so weit von der aktuellen Lebenserfahrung der Menschen entfernt, dass sich gerade junge Leser schwerlich in ihnen wiederfinden können. Vielleicht noch ein bisschen beim „Werther“.

Die Schule möchte durch die Lektüre dieser Werke natürlich über die Literaturgeschichte und die Weltgeschichte lehren – was sicherlich seinen Sinn hat. Jedoch wirken dadurch Bücher für viele Menschen weltfremd, alt und antiquiert. Warum sollte man so was in der Freizeit lesen?

Es gibt Bücher für jeden Geschmack

Alle Bücher von Goethe zu lesen, erscheint mir auch als 25-Jähriger, der Schreiben/Literatur studiert hat, eine nervige und anstrengende Aufgabe. Gott sei Dank gibt es ja noch Millionen Bücher mehr auf der Welt! 

Deswegen ist die Aussage „Bücher sind langweilig“ auch faktisch falsch. Es gibt nämlich tausende spannende, mitreißende Bücher (die so aufregend sind, dass du nach dem Lesen aufspringen möchtest und raus in die große, aufregende Welt möchtest!), tausende inte-ressante Bücher, aber natürlich auch tausende super langweilige und tausende einfach schlecht geschriebene Bücher. 

Wenn du nach diesem Text vielleicht doch mal lesen möchtest, musst du deine Bücher finden. Genrebücher wie Fantasy, Romane über das Leben (was vielleicht etwas mit dir zu tun hat?) oder Krimis, die so mitreißend sind, dass du kaum aufhören kannst zu lesen. Es kommt darauf an, was du lesen möchtest.

Lesen braucht Übung

Wenn du nun ein Buch hast, dass dich thematisch anspricht, gibt es jedoch eine weitere Herausforderung. Du liest eine Seite und möchtest wieder auf dein Handy schauen. Du liest eine Seite und wirst seltsam müde. Das ist normal und du musst dich nicht dafür schämen. Wenn ich eine Zeit weniger gelesen habe, geht es mir genauso. Denn Lesen braucht Übung. Je mehr du liest, desto schneller liest du und umso mehr du liest, umso mehr versinkst du im Text. Deswegen gib dem Text ein zweite und dritte Chance. Irgendwann, hoffentlich, macht es Klick und du möchtest gar nicht mehr aufhören zu lesen. Es ist einfach eine Frage der Übung und Gewöhnung.

Der Kino-Effekt

Dann, wenn du wirklich im Text, in deiner eigenen Fantasie, versinkst, können Bücher einen Effekt erzeugen, den keine andere Kunstform dir bieten kann. Ganz ähnlich geht es mir immer im Kino. Wenn ein Film halbwegs interessant ist, vergesse ich komplett, wie lange der Film geht, was sonst auf der Welt passiert und versinke komplett in der mir auf der Leinwand präsentierten Welt. Bei einem Buch ist das bei mir ganz ähnlich, nur ist diese Welt in meinem Kopf, in der Fantasie. Dies ist zwar ähnlich, jedoch auch fundamental verschieden und beides macht mir gleich viel Spaß und ist jeweils eine ganz eigene Erfahrung.

Wenn man nicht liest, wird die eigene Fantasie und das In-sich-Versinken ebenfalls verkümmern oder nie erweckt werden. Dadurch erscheint die Welt viel oberflächlicher, als sie tatsächlich ist. 

Deswegen solltest du Lesen. Lesen macht dich nicht per se schlau. Lesen öffnet dir die Augen, die Fantasie und öffnet dir Welten, die du sonst einfach verpassen würdest. Marcel Proust schreibt in seinem Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auch, dass man beim Lesen im kurzer Zeit ganze Leben durchleben kann und so in nur wenigen Stunden Erfahrungen macht, für die man im Leben ganze Jahre bräuchte. Lesen macht dich erfahren, egal wie alt du bist. 


Wir finden ein Buch für dich!

Weil ich dir helfen will, mit dem Lesen zu starten und ein Buch zu finden, kannst Du mir gerne schreiben! Schreib einfach eine zwanglose Mail an brendler@adz.news, erzähl mir von Deinen Interessen und was du lesen möchtest (egal wie obskur oder nicht-obskur) und ich kann dir wahrscheinlich ein gutes Buch empfehlen. Dazu kann ich dir sagen, wo man es gut und kostengünstig bekommt. Gerade auch beim Goethe-Institut (und anderen deutschsprachigen Bibliotheken) können viele Bücher kostenfrei sowohl vor Ort, als auch online, ausgeliehen werden. Sollte ich überfragt sein: einer meiner besten Freunde ist Buchhändler, ich kenne durch das Studium ein paar Leseratten und Autoren und habe einige lesebegeisterte Kollegen hier bei der ADZ – gemeinsam finden wir sicherlich ein Buch für dich!