Wie gefährlich ist der jüngste Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff?

Steht die nächste Pandemie in den Startlöchern? Experten schätzen das Risiko derzeit noch gering ein

Die am häufigsten gemeldeten Krankheiten auf Kreuzfahrtschiffen betreffen nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC Magen-Darm-Infektionen (30 bis 40 Prozent), etwa durch das Norovirus, das durch Schmierinfektion leicht übertragen wird. Dabei treten immer wieder neue Varianten auf, die die Infektionszahlen im Vergleich zu den Vorjahren sprunghaft steigen lassen, wie Anfang 2025 geschehen.

Hantaviren werden vor allem von Nagetieren wie Mäusen und Ratten, seltener auch von Fledermäusen und Maulwürfen, übertragen. Eine Infektion mit dem Hantavirus verläuft in Europa meist eher harmlos und nur sehr selten tödlich. In Amerika und Asien existieren deutlich gefährlichere Hantavirus-Typen. Einer davon ist das Andesvirus aus Amerika. Symbolbilder: Pixabay

Am 2. Mai wurde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Cluster von an schweren Atemwegsinfektionen erkrankten Passagieren auf dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ gemeldet. Das Schiff unter niederländischer Flagge mit 149 Passagieren aus verschiedenen Ländern war von Argentinien zum Cap Verde an der westafrikanischen Küste unterwegs. Zwei Tage später bestätigen Labortests an zwei Patienten eine Infektion mit dem Hantavirus, und zwar mit dem auch von Mensch zu Mensch übertragbaren, zu 40 bis 50 Prozent tödlichen Andesvirus. Fünf weitere Passagiere gelten als Verdachtsfälle. Inzwischen sind drei Menschen an Bord gestorben, einer befindet sich in kritischem Zustand. Die WHO, die den Ausbruch aufmerksam monitorisiert, schätzt ihn derzeit dennoch als „geringes Risiko für die Weltbevölkerung“ ein. Trotzdem werden epidemiologische Maßnahmen getroffen.

Anders sieht dies für die Mitreisenden auf dem Kreuzfahrschiff aus, die angewiesen wurden, strenge Distanz zu halten, keinen Staub aufzuwirbeln und möglichst in ihren Kabinen zu bleiben. Epidemiologische Untersuchungen sind im Gange, um die Infektionsquelle zu identifizieren. Diese muss nicht zwangsläufig auf dem Schiff liegen. Die Reisenden könnten sich auch auf einem der zahlreichen Landgänge oder sogar vor der Reise angesteckt haben. Die Ursachenforschung wird durch die Tatsache erschwert, dass die Inkubationszeit bis zum Ausbruch der Krankheit je nach Hantavirus-Typ recht lang sein kann: wenige Tage bis mehrere Wochen.

Das Schiff startete die Kreuzfahrt am 1. April in Ushuaia, Argentinien, und hatte mehrere Stopps auf seiner Route durch den Südatlantik, wo auch Passagiere aus- und zustiegen. Die ersten Krankheitsanzeichen – Fieber, Magen-Darm-Beschwerden und eine schnelle Entwicklung in Richtung Lungenentzündung mit akuten Atembeschwerden und Schock – traten zwischen dem 6. und 28. April auf. 

Was sind Hantaviren und wie gefährlich sind sie?

Hantaviren werden normaler-weise von Klein-Nagern übertragen: der Mensch infiziert sich durch Kot, Speichel oder Urin in verseuchtem Umfeld. Eine Ausnahme bildet das Andesvirus: Für dieses wurde – allerdings in seltenen Fällen und bei engerem, längerfristigem Kontakt – auch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung nachgewiesen. 

Das Andesvirus kommt vor allem auf dem amerikanischen Kontinent vor und verursacht eine schwere Atemwegserkrankung, das Hantavirus-Herzlungensyndrom (HCPS). Es tötet rund 50 Prozent der Infizierten, berichtet die Wissenschaftszeitschrift „New Scientist“. Im Gegensatz dazu liegt die Mortalitätsrate bei anderen Hantaviren zwischen 1-15 Prozent. 

Laut WHO-Angaben gibt es derzeit weder Therapeutika noch Impfstoffe gegen Hantaviren. Eine sichere Diagnose ist nur durch Bluttests möglich. 
Die Inkubationszeit beträgt je nach Virustyp mehrere Tage bis Wochen, erklärt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg für dpa, sodass es durchaus möglich ist, dass sich weitere Menschen infiziert haben, die im Moment noch asymptomatisch sind. „Deshalb können weitere Fälle auch zeitverzögert auftreten“, so Schmidt-Chanasit weiter. 

Der Virologe sieht zwei mögliche Szenarien der Infektionsquelle: „Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. Zweitens sei auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben.“ 

Wie besorgniserregend ist der Ausbruch?

„Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in seltenen Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich nicht wie ein hoch ansteckendes Atemwegsvirus“, sagt  Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch (USA) der dpa. Und relativiert damit das Pandemie-Risiko. 
„New Scienstist“ zitiert den Virologen Adam Taylor von der britischen Lancaster Universität: Der Fall sei kein Grund, alarmiert zu sein, auch wenn an Bord des Schiffes jetzt strenge Vorsichtsmaßnahmen zur Minimierung des Risikos getroffen wurden. 

Sind Kreuzfahrten Brutstätten für Infektionsgeschehen?

Schmidt-Chanasit hält das Infektionsgeschehen mit dem Hantavirus auf der „MV Hondius“ für eher außergewöhnlich - keines-wegs typisch für Kreuzfahrten. 
Auch das  Global Virus Network (GVN), ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen und Organisationen mit Expertise zu Viruserkrankungen, erklärt gegenüber dpa: „Dieser Ausbruch von Hantavirus-Infektionen deutet nicht auf ein generelles Risiko im Zusammenhang mit Kreuzfahrten hin, sondern spiegelt ein lokal begrenztes, situationsbedingtes Expositionsereignis wider“.

Anders sieht die Lage für den sogenannten Norovirus aus, der gehäuft auf Kreuzfahrten auftritt, Magen-Darm-Beschwerden auslöst und sich schnell durch Schmierinfektion ausbreitet. „Fast immer infizieren sich Passagiere damit während eines Landgangs und bringen den Erreger dann mit an Bord“, sagt Christian Ottomann von der Schiffsarztbörse, die Ärzte für Einsätze auf hoher See und Flüssen vermittelt, der dpa.

Kann das Virus nach Europa gelangen?

Am Mittwoch, den 6. Mai, liegt das Kreuzfahrtschiff offshore verankert vor Kap Verde an der Westküste des afrikanischen Kontinents. Drei Menschen mit Infektionsverdacht werden evakuiert. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärt auf der Plattform X, dass diese in den Niederlanden behandelt werden sollen.
 
AmTag darauf beerichtet BBC, das Schiff soll noch dieses Wochenende auf den Kanarischen Inseln anlegen. Laut BBC handelt es sich bei den bestätigten Hantavirus-Infizierten um eine niederländische Frau, einen britischen Mann und einen Schweizer, der in einem Krankenhaus in Zürich behandelt werde. In den ersten beiden Fällen sei das Andesvirus bestätigt worden, im dritten Fall sei der konkrete Typ noch unklar. Die Verdachtsfälle sind: ein Brite, ein Deutscher und ein Niederländer. Zwei weitere Briten, die das Schiff noch vor dem Ausbruch verlassen haben, befänden sich außerdem in häuslicher Isolation. Auch die US-Behörden monitorisierten drei Passagiere, die das Schiff bereits vor seiner Ankunft in Kap Verde verlassen haben, heißt es weiter auf BBC.

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erwähnt auf seiner Webseite, dass die Passagiere der „MV Hondius“ aus 23 verschiedenen Ländern stammen, darunter neun EU-Mitgliedsstaaten: Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, die Niederlande, Polen, Portugal und Spanien. Das ECDC empfiehlt die rasche Evakuation symptomatischer Passagiere und spezifische diagnostische Tests. Ländern, die keine diagnostische Möglichkeit haben, werde Hilfe angeboten, heißt es. Aber auch, dass negative Testergebnisse eine Infektion und weitere Verbreitung des Virus nicht ausschließen...  

Früherer Andesvirus-Ausbruch in Argentinien überraschend heftig

Auch das ECDC geht wie die bisher zitierten Experten davon aus, dass eine großflächige Verbreitung in der Bevölkerung extrem unwahrscheinlich sei. Das Andesvirus sei von Mensch zu Mensch nicht sehr ansteckend und in Europa gebe es kein „natürliches Reservoir“. Eine Infektion der europäischen Nagerpopulation und damit die Gefahr einer Tier-Mensch-Übertragung werde nicht erwartet, heißt es auf der Webseite.  Das Risiko, dass sich das Virus vom betroffenen Kreuzfahrtschiff in der Bevölkerung  ausbreite, sei laut ECDC explizit „sehr gering“.

BBC verweist hingegen auf einen Andesvirus-Ausbruch in Argentinien Ende 2018-2019, der zu denken gibt: Darin hat ein einziger infizierter Partybesucher nachweislich 34 Personen angesteckt, von denen 11 starben. Allerdings sei das hochansteckende Zeitfenster im Verlauf des Infektionsgeschehens relativ kurz, heißt es auf anderen Publikationen, die den Ausbruch von 2018-19 beschreiben. CNN gibt außerdem in einem Artikel vom 7. Mai zu bedenken, dass die lange Inkubationszeit des Andesvirus – genannt werden bis zu acht Wochen – und die Tatsache, dass die meisten Passagiere eine Kreuzfahrt nicht von Anfang bis Ende mitmachen, sondern unterwegs zu- und aussteigen, die Verfolgung möglicher Infektionsfälle erschweren könnte. Rund 30 solche Passagiere werden derzeit noch gesucht, hieß es am Freitagmorgen auf Radio Romania. 

Auf jeden Fall müsse das Genom des auf dem Schiff entdeckten Andesvirus vollständig sequenziert werden, erklärt die Expertin für Infektionskrankheiten Lucille Blumberg gegenüber CNN, um seine Herkunft zu identifizieren und eventuelle Mutationen festzustellen. Denn solche spontan auftretenden Genveränderungen können die Ansteckungsrate, den Übertragungsweg oder die Mortalität eines Virus verändern.