Rumänien hat eine „systemische Krise der Infrastruktur im Bereich der Abfallwirtschaft“, berichtete vor Kurzem die Nachrichtenseite balkaninsight.com. Denn, obwohl man zumeist in den rumänischen Städten keine Müllberge sieht, gibt es laut dem Portal ein zentrales Problem: Der ganze Müll landet unreguliert auf hunderten Deponien im Land. Der Grund ist simpel: Es ist die günstigste Option. Sie ist so günstig, dass auch andere europäische Länder ihren Müll in Rumänien entsorgen.
Zu den Fakten: Die Kosten für die Abfallentsorgung (auf Mülldeponien) in Rumänien gehören mit rund 30 Euro pro Tonne zu den niedrigsten in Europa und sind damit um ein Vielfaches niedriger als in vielen anderen europäischen Ländern, so berichtet Profit.ro. „In Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Österreich können die Kosten für die Deponierung 100 bis 150 Euro pro Tonne übersteigen und sind in manchen Fällen fast verboten“, so berichtet auch TVR-Info. Weil es also in Rumänien so viel günstiger ist, wird Müll unter anderem aus Italien, Deutschland, Österreich und den Niederlanden nach Rumänien gebracht und hier im Boden vergraben. Denn, wie TVR-Info weiter berichtet, nachdem der Müll die Grenze übertritt, wird er direkt auf Mülldeponien oder illegale Müllkippen gebracht.
In diesen wird der Müll sozusagen einfach abgelegt. Das Wort Mülldeponie heißt auf Englisch „Landfill“ (wörtlich übersetzt: „Landfüllung“) und trifft dabei durchaus den Nagel auf den Kopf. An vielen Stellen in Rumänien gibt es diese Deponien, wo massenweise Müll einfach vergraben wird, der dann dort vor sich hinrottet und teilweise weiterhin chemische Stoffe abgibt. „Experten schätzen, dass es in Rumänien etwa 500 Mülldeponien unterschiedlicher Größe gibt, legale wie illegale“, so TVR-Info.
Die EU wird auf das Problem aufmerksam
Einige der legalen Deponien haben dabei auch die Aufmerksamkeit der EU auf sich gezogen. „So wurden beispielsweise die rumänischen Behörden angewiesen, 92 Standorte zu schließen und zu sanieren, da ihnen die erforderlichen Genehmigungen fehlten oder sie die Umwelt- und Betriebsstandards nicht erfüllten“, so balkaninsight.com. Trotz der ursprünglichen Frist bis Juli 2017 haben die Behörden die Sanierung noch nicht abgeschlossen; neun der Deponien sind weiterhin nicht saniert, so berichtet das Portal vor Kurzem. Im Januar dieses Jahres verklagte dann die Europäische Kommission Rumänien vor dem Gerichtshof der Europäischen Union, da das Land seinen Verpflichtungen in Bezug auf Deponieabfälle aus dem EU-Beitrittsvertrag und der EU-Deponierichtlinie nicht nachgekommen war.
Dass der ganze Müll auf Deponien entsorgt wird, hat auch einen weiteren erschreckenden Nebeneffekt: die Mülltrennung, die es in Rumänien natürlich durchaus gibt, ist eigentlich ein Placebo. „Letztlich spielt es keine Rolle, ob man den Müll in die blaue, gelbe oder braune Tonne wirft, da der Großteil des Abfalls letztendlich doch auf derselben Mülldeponie landet“, so balkaninsight.com weiter.
Ein System, das gar nicht funktioniert
„Auf nationaler und lokaler Ebene haben wir Ziele hinsichtlich der Trennung von Bioabfall und Restmüll oder der Erhaltung von Rohstoffen für die Kreislaufwirtschaft. Doch diese Sortierung existiert nur auf dem Papier“, erklärt Octavian Berceanu, ehemaliger Leiter der nationalen Umweltbehörde, ebenfalls öffentlich, wie verschiedene Medien berichten.
Auf den Mülldeponien landet also verschiedenster Müll, der nicht mal ordentlich getrennt wird. „Wir müssen zudem bedenken, dass es sich bei den nach Rumänien gebrachten Abfällen um schwer zu neutralisierende Abfälle handelt“, so zitiert Europa Liber² România auch Octavian Berceanu.
Negativbeispiel Pata-Rât
Dadurch können die Deponien auch für die Natur und Menschen in der Umgebung gesundheitsschädlich sein. Besonders deutlich sieht man das an Pata-Rât in Cluj/Klausenburg. Das Ghetto, wo hauptsächlich Roma leben, wurde neben einer Müllhalde errichtet. „Der Ort gilt als eklatantes Beispiel für die Umweltungerechtigkeit, unter der Roma in ganz Mittel- und Osteuropa leiden“, so balkaninsight.com. Das Portal berichtet weiter, dass dort die Luft rund um die Mülldeponie stark verschmutzt ist, und die lokalen Bewohner unter den Folgen leiden. Eine Umfrage der rumänischen NGO Desire aus dem Jahr 2022 ergab zudem, dass alle Befragten angaben, das Leben neben der Deponie beeinträchtige ihre Gesundheit. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Atemprobleme, Schwindel und Husten.
Das Problem der „Müllmafia“
Ein großes Problem ist, wie gesagt, nicht nur die offizielle Müllentsorgung, sondern auch die illegale. „Unternehmen, die im Abfallhandel tätig sind, erwirtschaften jährlich fast 550 Millionen Euro Umsatz. Vertreter der Umweltbehörde und des Zolls schätzen, dass auf dem Schwarzmarkt für Abfälle eine ähnliche Summe erzielt wird“, so Europa Liberă România.
Zumeist funktioniert das durch undurchsichtige Unternehmen, die teilweise nur einen Bagger und eine Grube besitzen, die dann unter falschen Angaben den Müll dort vergraben. Zumeist wird der Müll einfach falsch deklariert, oder es wird an anderen Stellen getrickst. Dann werden die Unternehmen dafür bezahlt, den Müll zu entsorgen und sie werfen ihn in eine Grube irgendwo in Rumänien.
„Das erste Merkmal der Müllmafia ist ihre Unsichtbarkeit. Das zweite ist ihre enge Verflechtung mit der Politik“, erklärte Berceanu ebenfalls gegenüber Digi24, jedoch schon vor ein paar Jahren. Am Problem hat sich jedoch bis heute nichts geändert.






