Commedia dell’arte in einem „Zibaldone“

Geschichte, feststehende Typen, Techniken

Das Cover des Büchleins mit einer Zeichnung von Helmut Stürmer: „Tramandare – oder ‚Die Übergabe‘“.

Drei in einem: auch dieses Konzept macht das Werk attraktiv.

Es gibt Bücher, die möchte man gerne anfassen, es gibt Bücher, die zu blättern ein besonderer Genuss ist, Bücher, die ein Augenschmaus sind; bereits der Deckel kitzelt den Sehnerv, der nach mehr verlangt. Sicher sind oder sollten dies nicht die einzigen Qualitäten eines Buches sein, aber wenn das Buch dann auch noch inhaltlich zu einem intellektuellen Festmahl wird, dann steht der Leser vor einer dieser „rara avis“, dieser außergewöhnlichen Bücher, die zum Schmökern da sind. Die man lesen, aber auch sehen will, anfassen, mit mehreren Sinnen erfassen. So ein Buch ist „Commedia dell’arte: Zibaldone“ herausgegeben von Niky Wolcz und Eleonora Ringler-Pascu und 2025 im Temeswarer Diacritic-Verlag erschienen. Mit wunderbaren Zeichnungen von Helmut Stürmer, Jon Fröhlich, Sînziana und Zsolt Fehérvári.

Der Titel bedarf einer Begriffsdeutung: Ein „Zibaldone“ ist ein Sammelsurium; das Wort, das italienischen Ursprungs ist und „Mischmasch“ bedeutet, wurde zuerst vom Dichter und Philosophen Giacomo Leopardi, einem bedeutenden Namen der italienischen Kultur des 19. Jahrhunderts, für seine Sammlung persönlicher Notizen und Gedanken gebraucht. Unter dem Titel „Zibaldone di pensieri“ ist diese Sammlung an Gedanken und Reflexionen zu Themen wie Philosophie, Literatur, Linguistik, Geschichte sowie persönlichen Beobachtungen zwar 1817 bis 1832 entstanden, doch erst 1898 erschienen.

Fast forward ins 21. Jahrhundert: Niky Wolcz und Eleonora Ringler-Pascu wählten das Wort „Commedia dell’arte: Zibaldone“ um dieses ganz besondere „Büchlein“ – oder diese ganz besondere „Broschüre“, wie Niky Wolcz das Werk nennt – zu betiteln: das „Notizbuch eines Schauspielers“, so der Untertitel des dreisprachigen Werks, das Deutsch, Rumänisch und Englisch erschienen ist. Solche „Notizbücher“ oder eben „Zibaldoni“ sollen die Commedia-Schauspieler gehabt haben; notiert wurden darin Sätze, Gesten oder auch ganze Reden.

Gewidmet ist das Büchlein allen, die Interesse an der „Commedia dell’arte“ haben, der italienischen Theaterform, die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in ganz Europa florierte und am Hofe wie auch auf öffentlichen Plätzen beliebt war. Außerhalb Italiens hatte diese Form ihren größten Erfolg in Frankreich, wo sie zur „Comédie-Italienne“ wurde. Wandertruppen nutzten die Improvisation innerhalb eines Grundgerüsts, um Geschichten über Liebe und Eifersucht, oder aber über soziale Konflikte auf die Bühne zu bringen. Feste Archteypen oder Masken, situationsbasierte Handlungen sowie die starke Betonung der körperlichen Komik gehörten zur„Commedia dell’arte“. Zu ihren bekanntesten und wiederkehrenden Figuren gehören der „dumme, stets hungrige Arlecchino“, der „geizige Pantalone“, die „Innamorati“, das junge Liebespaar, der „gerissene Brighella“ oder Isabella, „die junge Gattin“, Colombina, Scaramouche und der „Dottore“.

Zeitgenössische Darstellungen von Szenarien und Masken sowie Beschreibungen bestimmter Aufführungen sind überliefert worden, trotzdem ist der Eindruck, wie die Commedia dell'arte war, heute nur aus zweiter Hand. Eine gewisse Neugier und ein gewisses Streben danach, eine Nostalgie sozusagen bestehen auch gegenwärtig; so haben es die Herausgeber herausfordernd gefunden, zu dem Thema zu veröffentlichen, in Wort und Bild ein Büchlein zusammenzusetzen, das in drei Teilen Wissen über und Einblicke in die „Commedia dell’arte“ vermittelt: Zuerst ein „Einblick in die Geschichte“, ein zweiter Teil über „Feststehende Typen“ und ein dritter zum Thema „Techniken“. Ein Büchlein, das kein Hand- oder Lehrbuch als solches sein möchte, ein Buch, das aber trotzdem das Wichtigste zusammenträgt, was man zu dieser Theaterform formulieren kann. 27 Autoren sind darin veröffentlicht, von Goethe oder Kleist, bis zu Carlo Goldoni, Dario Fo, Andrei Şerban oder Niky Wolcz. Das Thema wird aus der Perspektive von damaligen Schauspielern, von gegenwärtigen Theatermachern sowie von Dramen-Autoren beleuchtet.

Nicht nur ist das Werk in seiner eklektischen Form, mit Fotos, Zeichnungen, Abbildungen von alten Gravuren, mit einzelnen Zitaten oder längeren Texten von gestern und heute, eine umfassende, harte Arbeit gewesen, um den roten Faden durch das Sammelsurium zu führen und die einzelnen Perlen einzufädeln, aber eben diese Zusammensetzung kreiert ein besonderes, ein intellektuelles Leseerlebnis und einen besonderen Augenschmaus!