Kürzlich wurde in der Aula Magna der West-Universität Temeswar ein Buch vorgestellt, das weit mehr sein möchte als ein bloßes Nachschlagewerk. Es versteht sich als eine Einladung, das Banat als europäischen Erfahrungsraum neu zu vermessen.
„Das Banat ist nicht nur eine historische Region, sondern ein Geisteszustand, eine Welt zwischen den Welten, ein Ort, an dem Grenzen nicht trennen, sondern verbinden“, betont der Autor Adrian Bădescu. Mit dieser Aussage bringt er prägnant den Anspruch eines Projekts auf den Punkt, das der kulturellen Selbstvergewisserung einer ganzen Region gewidmet ist.
In Zeiten, in denen Geschichte allzu oft auf Schlagworte reduziert und regionale Identitäten vom Lärm der Globalisierung übertönt werden, wirkte ein Abend wie dieser beinahe anachronistisch und gerade deshalb notwendig. In Temeswar kamen Universität, Kulturszene, Kirche und Stadtgesellschaft zu einer Veranstaltung zusammen, die bewusst nicht auf nostalgische Rückblicke setzte, sondern auf Orientierung. Der Titel versprach viel: Werte des Banats, zehn Jahrhunderte Geschichte, Innovation, Spiritualität und kulturelle Identität. Entsprechend gewählt war auch der Rahmen, die Aula Magna als symbolischer Ort, an dem wissenschaftliche Reflexion, Öffentlichkeit und kulturelles Selbstverständnis unweigerlich aufeinandertreffen.
Im Mittelpunkt des Abends stand die Präsentation des ersten Bandes der „Encyclopaedia Bannatica. Valori ale Banatului“, verfasst von Adrian Bădescu und grafisch gestaltet von Sorin Bijan. Der Band vereint 110 Persönlichkeiten aus dem historischen Banat, die in einem Zeitraum vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert geboren wurden oder dort nachhaltig wirkten.
Bereits diese Zahl ist programmatisch. Denn eine Region über ein Jahrtausend hinweg anhand von Lebensläufen zu erzählen, bedeutet, eine klare These zu formulieren: Identität entsteht weniger aus Grenzziehungen als aus Biografien, weniger aus Besitzständen als aus Handlungen, Werken, Institutionen, Entscheidungen. In diesem Sinne versteht sich dieses Projekt. Die „Encyclopaedia Bannatica“ begnügt sich nicht mit einer Sammlung von Daten, sie ordnet, gewichtet und setzt Akzente, mit dem erklärten Anspruch, das Banat nicht als Randzone, sondern als europäisches Labor sichtbar zu machen. Das Buch wurde deshalb als „monumentales Archiv europäischer Identität“ bezeichnet und als den Versuch, das Banat „in die Geschichte Europas zurückzustellen“.
Der Autor, von Beruf Arzt und Unternehmer, ist in Temeswar vor allem als Gründer des Medici’s Netzwerks bekannt. Im kulturellen Kontext tritt er hier jedoch als Initiator eines erinnerungspolitischen Projekts auf, das gleichermaßen bürgerlich wie akademisch angelegt ist. Seine Grundidee lässt sich auf eine Formel verdichten, die immer wieder anklingt: Im Banat zählte nie in erster Linie die Herkunft, sondern das, was jemand hinterließ. In dieser Haltung liegt der Schlüssel zur narrativen Architektur des Bandes.
Die „Encyclopaedia Bannatica“ erzählt das Banat nicht als abstraktes Konzept von Multikulturalismus, sondern als Raum gelebter Koexistenz. Schon in den einleitenden Passagen wird ein Miteinander beschrieben, das weniger im politischen Vokabular als in alltäglichen Praktiken verwurzelt. Dieses Motiv zog sich durch den gesamten Abend, mal als Schmunzeln im Publikum, mal als ernst gemeinte Selbstbeschreibung einer Region, die über Jahrhunderte gelernt hat, Differenz nicht automatisch in Konflikt zu übersetzen. Es ist kein Zufall, dass auch kirchliche und staatliche Vertreter bei der Veranstaltung anwesend waren und Beiträge aus unterschiedlichen Institutionen die historische Erzählung mit spirituellen und zivilen Kontinuitäten verbanden.
Auffällig ist die doppelte Dramaturgie des Projekts: Einerseits folgt die Darstellung chronologisch den Epochen und Persönlichkeiten. Andererseits entsteht daraus eine Art Werte-Landkarte, denn Adrian Bădescu betont das Prinzip der Notabilität und zieht Kriterien wie Wirkung, Leistung, institutionelle Prägung und öffentliche Anerkennung heran. Diese Auswahl ist notwendig, zugleich aber nie neutral: Wer entscheidet, wer zu den prägenden Stimmen eines Jahrtausends zählt, übt stets auch Gegenwartsinterpretation aus. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es übernimmt Verantwortung, ohne alles gleichzusetzen, und macht sichtbar, was als wirkmächtig gilt.
Die Bandbreite der porträtierten Persönlichkeiten reicht, von frühen Herrschern und kirchlichen Gestalten bis hin zu Akteuren des 19. Jahrhunderts, in einer durchgehenden Linie „vom Woiwoden Glad bis zum Jahr 1867“. Andere Texte unterstreichen den Anspruch des Werkes, das Banat als „Geisteshaltung“ zu lesen, als Raum, in dem Grenzen eher verbinden als trennen. Damit wird die „Encyclopaedia“ mehr ein argumentatives Buch, das sammelt und interpretiert.
Die zweite Besonderheit des Bandes liegt im Visuellen. Sorin Bijans Porträts sind keine bloßen Illustrationen, sondern ein eigenes Archiv. Sie verleihen jenen Gesichtern Form, die sonst oft nur in wenigen Linien der Überlieferung existieren. Sie machen deutlich, dass gerade die grafische Gestaltung dem Projekt seine monumentale Wirkung verleiht und den Band in die Nähe eines Kunstalbums rückt. So wird das Buch nicht nur als Lexikon gelesen, sondern auch als Galerie wahrgenommen. Der Effekt ist subtil, aber nachhaltig: Wer schaut, liest anders. Biografische Daten gewinnen an Bedeutung, wenn Blick, Haltung oder eine feine Stirnfalte miterzählt werden.
Ein besonderer Teil des Abends war eine Gesprächsrunde, moderiert von Robert Șerban und der TVR-Journalistin Tania StavilăȚunaș, die das Thema bewusst in die Gegenwart rückte. Im Mittelpunkt standen nicht nur historische Persönlichkeiten, sondern die Frage, was eine Region heute aus ihrer eigenen langen Geschichte lernen kann. Temeswar, europäische Kulturhauptstadt, bot dafür einen naheliegenden Rahmen. Dass diese Diskussion in einer Universität stattfand, war mehr als bloße Kulisse. Sie setzte ein Zeichen, dass Erinnerung keine Folklore ist, sondern aktive Arbeit am Begriff von Öffentlichkeit.
In den Wortmeldungen der Gäste, wurden exemplarische Figuren herausgegriffen, um die unterschiedlichen Facetten banatschwäbischer, rumänischer, serbischer, ungarischer und kirchlicher Traditionen sichtbar zu machen. Die Veranstaltung setzte bewusst auf eine Vielfalt von Stimmen, die das Thema nicht vereinheitlichte, sondern in seiner Vielschichtigkeit auffächerte. Genau diese Art von Chor, nicht als harmonische Einheitsmelodie, sondern als geordnete Vielstimmigkeit, spiegelt der Grundidee des Buches wider.
Ein weiteres Detail des Abends setzte zugleich ein kulturpolitisches Signal: die Einführung von Verisignum, eines neuartigen Autograf-Zertifikats, das die klassische Signierstunde in einen zeremoniellen Akt verwandeln soll. Die Idee ist ebenso einfach wie klug: Nicht die schnelle Unterschrift auf der ersten Seite steht im Mittelpunkt, sondern ein personalisiertes, gestaltetes Dokument, das als bleibendes Artefakt im Buch verbleibt und die Begegnung zwischen Autor und Leser markiert. Dass hierfür eine lateinisch geprägte Bezeichnung gewählt wurde, die auf Wahrheit und Zeichen verweist, ist kein bloßes Spiel mit Worten. Es ist Teil jener Materialität, die Kultur braucht, um im digitalen Strom nicht einfach zu verdampfen.
Der Abend wirkte wie eine konzentrierte Miniatur dessen, was der Band behauptet: Das Banat ist eine europäische Erfahrung im Kleinen, nicht weil hier alles harmonisch gewesen wäre, sondern weil über Jahrhunderte hinweg die Praxis eingeübt wurde, Unterschiedlichkeit in konkrete Formen des Zusammenlebens zu übersetzen. Der Band macht diese Praxis über Biografien sichtbar, die Veranstaltung hingegen machte sie als Gegenwartserfahrung spürbar, im Gespräch, in der Geste, im Publikum.
Adrian Bădescu selbst bezeichnet sein Werk ausdrücklich als offen, als eine Art „Beta Version“, die Ergänzungen und Korrekturen zulässt. Gerade angesichts seines enzyklopädischen Anspruchs ist das bemerkenswert. Es verwandelt das Buch vom autoritativen Endpunkt in ein startendes System. Wer auf diese Weise denkt, erkennt, dass Archive niemals abgeschlossen sind und dass regionale Erinnerung nur dann lebendig bleibt, wenn sie nicht zur starren Statue wird.
Zurück blieb der Eindruck eines Ereignisses, das über eine bloße Buchpremiere hinausging und Züge der Selbstvergewisserung trug. In einer Stadt, die sich an großen europäischen Maßstäben misst, wurde der Banat nicht als Provinz, sondern als Beitrag präsentiert, als dichte, widersprüchliche und produktive Landschaft von Zugehörigkeiten. Wer das Buch aufschlägt, begegnet nicht nur Namen, sondern einer leise, aber hartnäckig gestellten Frage: Wenn Identität aus dem entsteht, was Menschen hinterlassen, was hinterlassen wir selbst?
Und doch bleibt am Ende eine Szene, die nachklingt: Die Aula Magna der West-Universität Temeswar, bis auf den letzten Platz gefüllt. Was bedeutet es, wenn ein solcher Saal heute voll ist? Soll es bloß ein Zufall sein?
Vielleicht zeigt sich hier etwas, das im öffentlichen Diskurs selten ausgesprochen wird: eine Sehnsucht nach Kultur, nicht nach schneller Zerstreuung, sondern nach Inhalt, nach Tiefe, nach Orientierung. Wenn das Publikum an einem Winterabend bereit ist zuzuhören, mitzudenken, sich einzulassen, dann ist das ein Zeichen dafür, dass anspruchsvolle kulturelle Angebote nicht nur möglich, sondern notwendig sind. Und es stellt sich die Frage, wer den Mut und die Verantwortung haben wird, diesem Bedürfnis auch in Zukunft gerecht zu werden.






