Die unermüdliche Forscherin: Fotografien einer Pionierin der Volkskunde

Dokumentarausstellung „Luise Treiber-Netoliczka – Eine Kronstädter Ethnografin im Altreich“

Tracht. Bürgermeisterin mit einer Cousine. Nehoiaș, Kreis Buzău, ca 1935 Foto: Luise Treiber-Netoliczka © Evangelische Kirche A.B. Kronstadt

Töpferei: Gefäßverzierung. Kreis Buzău, ca 1935 Foto: Luise Treiber-Netoliczka © Evangelische Kirche A.B. Kronstadt

Mehrere Frauen mit Kopftüchern spinnen Wolle, während Kinder ihnen zusehen. Wie die Frauen stehen diese barfuß auf dem leimigen Boden, sie spielen nicht am Handy und schauen auch nicht fern. Auch in einem anderen Schwarz-Weiß-Bild im Museum für Volkskunde beobachten Kinder Erwachsene bei der Arbeit: ein Böttcher sitzt auf einem tiefgelegenen Holz und fertigt ein Fass an. In einer anderen Fotografie ist ein Hof abgebildet, in dem viel Pastrami zum Trocknen hängt, Hühner laufen auf den großen Steinen herum, im Hintergrund steht ein Haus mit Schindeln. Diese Bilder von Luise Treiber-Netoliczka zeigen ein Leben, das es nicht mehr gibt. Dank des wertvollen Nachlasses der Kronstädter Ethnografin bleibt ein Stück Geschichte erhalten.

Im Kronstädter Volkskundemuseum sind seit vergangener Woche rund 200 Bilder der siebenbürgisch-sächsischen Amateurfotografin ausgestellt, die bislang nur auf Anfrage im Archiv der Schwarzen Kirche zu sehen waren. Die Dokumentarausstellung „Luise Treiber-Netoliczka – Eine Kronstädter Ethnografin im Altreich” zeigt das Leben vor rund 90 Jahren in den Kreisen Prahova und Buz²u. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind in vier Kategorien aufgeteilt: Architektur, Handkunstwerk, Alltagsleben und Trachten und sind das Ergebnis einer der zahlreichen Feldarbeiten der Wissenschaftlerin, die sie in den Jahren 1934-1935 im Altreich durchgeführt hat.

Ein fotografischer Nachlass 
Camelia Neagoe vom Volkskundemuseum forscht seit vergangenem Jahr im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Kronstadt im vorbildlich geordneten Nachlass der Ethnografin, den diese vor der Auswanderung 1963 übergab. Hier befindet sich außer der schriftlichen Hinterlassenschaft und den Feldforschungen, ein Fundus von Bildträgern. Davon hat Neagoe einen Teil digitalisiert und in der Ausstellung dem Publikum vorgestellt. In ihrer Arbeit standen ihr Agnes Ziegler und Frank Thomas Ziegler seitens der Honterusgemeinde zur Seite. Das Ethnografische Museum Kronstadt und die Evangelische Kirche A. B. Kronstadt haben seit 2024 eine Partnerschaft, die den Rahmen für die erstmalige systematische Erschließung des fotografischen Nachlasses der Ethnografin bildet (Erstinventarisation, Digitalisierung, Konservierung). Nach derzeitiger Einschätzung umfasst er etwa 800 Glasnegative, 350 Filmnegative, über 1900 Fotografien auf Papier, etwa 400 Glasdiapositive und mindestens zwei Alben. 1963 übergab Luise Treiber-Netoliczka der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Kronstadt auch den persönlichen Nachlass des Vaters D. Dr. Oskar Franz Josef Netoliczka. Gemeinsam mit jenem Teil ihres Nachlasses, der sich an der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim erhalten hat, und ihrer Sammlung von Glasnegativen, die das Siebenbürgische Museum für Volkskunde in Klausenburg bewahrt, bildet er auch heute noch einen Schatz.

Interesse für  alle Volksgruppen
Luise Treiber-Netoliczka ist eine der ersten professionellen Ethnografinnen Rumäniens. Aus ihren Bildern und ihrer Arbeit geht großes Interesse für alle Volkskulturen hervor. Wie schon ihre Vorgänger, etwa Joseph Haltrich, Adolf Schullerus, Franz Obert oder Emil Sigerus, interessierte sich auch Treiber-Netoliczka für die Volkskulturen der Rumänen und Ungarn und auch der Roma-Gemeinschaften. In der Zwischenkriegszeit überquerte sie die Karpaten und hielt in ihren wissenschaftlichen Arbeiten und Fotografien Informationen aus dem Altreich fest. Luise Marie Treiber-Netoliczka, geboren am 29. Juli 1893, Spross einer der angesehenen Kronstädter Familien von Intellektuellen und Künstlern folgte ihrem Werdegang mit großer Ausdauer. „Mein heißester Wunsch war immer, rein wissenschaftlich arbeiten zu können“. Dafür hatte sie einen festen Plan: in Deutschland zu studieren und dort zu promovieren. Ersparnisse für das Studium im Ausland machte sie durch die Tätigkeit als Hauptkassiererin in einem Handelshaus gleich nach dem Abitur. 1918 kam sie nach Leipzig. Doch dann erlebte sie die Revolution, Inflation, die Grippeepidemie, das Hungern und Frieren und promovierte trotzdem 1924 an der Universität Marburg – Hauptfach Deutsch, Nebenfächer Kunstgeschichte und Archäologie. Ihre Neigung lag aber bei der Kunstgeschichte. Sie kehrte nach Hause zurück, wo sie in Bukarest und dann in Klausenburg im Lehramt tätig war. Später lernte sie auch Rumänisch. „Mein tiefster und größter Wunsch blieb aber immer noch die wissenschaftliche Arbeit”.

Eine große Leidenschaft
Mit 34 Jahren ging ihr Wunsch „auf unerwartete Weise in Erfüllung“, wie sie selbst schrieb, als das Klausenburger staatliche Volkskundemuseum sie aufforderte, eine Vertretung zu übernehmen. „Von diesem Augenblick an aber bekam mein Leben eine Wendung und einen neuen, tieferen Sinn.“ Nach einem Volks- und Völkerkunde-Studium begann die Feldarbeit, die ihr so viel Freude bereitete, dass sie dafür bittere Kälte und Hunger litt. Sie schlief in Kleidertruhen, denn warme, kuschelige Betten gab es für sie damals nicht. Oft konnte sie „für Geld keine Milch, kein Ei, kein Brot bekommen“, schrieb sie in „Mein Weg als Volkskundlerin“. Sie schleppte tagelang Vorrat mit, wanderte immer zu Fuß von Dorf zu Dorf, setzte sich Gefahren aus, wie beispielsweise bissigen Schäferhunden. Als alleinreisende Frau, noch dazu mit Fotoausrüstung, fremdem Namen und fremder Aussprache, hielten sie Gendarmen manchmal für eine Spionin. Sie hatte es nicht leicht, doch nichts schien sie von ihrer Arbeit abzuhalten. Nicht einmal die große wirtschaftliche Krise, die Kürzung des Gehalts, das nicht einmal mehr für den eigenen Bedarf reichte. Sie verschuldete sich um Plattenmaterial und Studienfahrten zu bezahlen. „Doch die Leidenschaft des Forschens und Sammelns kennt kein Hindernis, und in zähem Kampf und mit diplomatischem Geschick wird der Kampf zu Ende geführt.“ Luise Marie Treiber-Netoliczka hat die täglichen Opfer und Gefahren und Entbehrungen bewusst auf sich genommen, bewusst, dass dahinter „eine Fülle persönlichen Erlebens steht. „Und doch treibt den echten Wissenschaftler die Hingabe an das Werk, der Anruf der Zeit, etwas leisten zu müssen, was anders nicht getan wird, immer wieder zu neuer Opferbereitschaft, und lässt ihn immer wieder die Strapazen und Entbehrungen vergessen. In wessen Herzen aber nicht diese Leidenschaft lebt, der darf sich ihr nicht verschreiben“, schrieb die Ethnografin. Die Ausstellung ist bis Januar mittwochs bis sonntags von 9 bis 17 Uhr geöffnet.