Sieben Kirchenburgen in Siebenbürgen wurden in den 1990er Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. In alphabetischer Reihenfolge sind das Birthälm (Biertan), Dersch (Dârjiu, ung. Székelyderzs), Deutsch-Weißkirch (Viscri), Keisd (Saschiz), Kelling (Câlnic), Tartlau (Prejmer) und Wurmloch (Valea Viilor). Sechs dieser Kirchenburgen liegen im ehemals sächsischen Siedlungsgebiet Siebenbürgens, in den Landeskreisen Alba (Kelling), Kronstadt/Bra{ov (Tartlau, Deutsch-Weißkirch), Mure{ (Keisd) und Hermannstadt/Sibiu (Birthälm, Wurmloch). Nur die Kirchenburg von Dersch tanzt aus der Reihe. Sie befindet sich im Landeskreis Harghita, im Siedlungsgebiet der ungarischsprachigen Szekler Siebenbürgens.
Dass das so ist, dürfte nicht überraschen: Spricht man von Wehrkirchen und Kirchenburgen in Siebenbürgen, so denkt man zwar in erster Linie an das beeindruckende Kulturerbe der Siebenbürger Sachsen. Dabei dürfte aber nicht übersehen werden, dass es auch im östlichen Siebenbürgen, im szeklerischen Siedlungsgebiet, Kirchenburgen gibt, die einen Vergleich mit so manchem sächsischen Baudenkmal dieser Kategorie nicht zu scheuen brauchen. Die Orgelreisen, die in den vergangenen Jahren im Rahmen des Festivals „Musica Barcensis“ mehrfach in szeklerische Kirchen führten, vermittelten davon aufschlussreiche Eindrücke. Kennenlernen konnten die Teilnehmer an diesen Events etwa im Kreis Covasna die mustergültig restaurierte unitarische Kirchenburg in Aita Mare/Nagyajta, die ebenfalls unitarische Kirchenburg in Arcu{/Árkos, unfern des Kreisvororts Sankt Georgen/Sfântu Gheorghe/Sepsiszentgyörgy, im Kreisvorort Sankt Georgen selbst, etwas abseits, nördlich vom historischen Stadtzentrum gelegen, die ebenfalls großzügig restaurierte Burganlage mit reformierter Kirche oder die kleine, aber feine römisch-katholische Kirchenburg in Ghelin]a/Gelence – ein wahres Schmuckstück –, die man entweder über Covasna/Kovászna oder von Târgu Secuiesc/Kézdivásárhely aus erreichen kann. Eine historische Befestigungsanlage, die eine reformierte Kirche umschließt, gibt es auch in Ilieni/Illyefalva, ebenfalls im Kreis Covasna.
Alle im ehemals sächsischen Siedlungsgebiet befindlichen Kirchenburgen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden, sind über asphaltierte Landstraßen relativ einfach zu erreichen Wie aber kommt man zur szeklerischen Kirchenburg in Dersch/Dârjiu/Székelyderzs, die im Landeskreis Harghita liegt? Frägt man Google nach der Entfernung von Kronstadt nach Dersch, so erhält man die Auskunft: 94 km, Fahrtzeit 1 Stunde und 48 Minuten. Als wichtigere Zwischenpunkte werden u.a. im Kreis Kronstadt die Ortschaften Nußbach (Măieruș), Hamruden (Homorod), Katzendorf (Cața), Paloș (dt. Königsdorf, ung. Pálos) und Meeburg (Beia) sowie im Kreis Harghita die Ortschaften Petecu (ung. Petek) und Ulieș (ung. Kányád) angezeigt.
An einem sonnigen Samstagmorgen im März fuhren wir los, mit der Absicht, die Kirchenburg in Dersch in Augenschein zu nehmen, aber auch anderen am Weg liegenden Sehenswürdigkeiten unsere Aufmerksamkeit zu schenken. An den uns bereits bekannten Kirchenburgen in Hamruden und Katzendorf fuhren wir vorbei, ohne anzuhalten. In Meeburg/Beia legten wir einen ersten Stopp ein. Hier gibt es eine Kirchenburg, über die vor etwa drei Jahren in der Zeitung zu lesen war, dass ein Teil der Kirchennordwand eingestürzt ist. Die ganze Befestigungsanlage ist versperrt und Besuchern nicht zugänglich. Wir konnten nur von draußen Blicke darauf werfen. Das große Loch in der Kirchenwand war gut zu erkennen, doch schwierig zu fotografieren, wegen einer davor stehenden Tanne oder Fichte und auch wegen des Gegenlichts.
Bekannt ist die Meeburger evangelische Kirche vor allem wegen ihres vorreformatorischen Flügelaltars aus der Werkstatt des Schäßburger Meisters Johannes Stoß, eines Sohnes des berühmten Nürnberger Bildhauers und Bildschnitzers Veit Stoß. Dieser Altar wurde im Jahr 2005 aus Sicherheitsgründen in die Bergkirche in Schäßburg transferiert. Sehenswert soll in der Meeburger Kirche auch die wertvolle Schreinermalerei sein, wie man ihr auch in anderen sächsischen Kirchenburgen im Repser Ländchen etwa an den Emporenbrüstungen begegnet.
Meeburg, das verwaltungsmäßig zur Gemeinde Katzendorf gehört, liegt im Norden des Landeskreises Kronstadt, nahe der Grenze zum Landeskreis Harghita. Die Straße, die von hier über die Kreisgrenze zunächst nach Petecu/Petek, dann nach Ulie{/Kányád und schließlich nach Dersch führt, ist zunächst unasphaltiert, aber in halbwegs akzeptablem Zustand (bis Ulie{, etwa 13 km). Die letzten 5 km von Ulieș bis Dersch haben einen Asphaltbelag.
Bei der Kirchenburg in Dersch angekommen, stehen wir zunächst vor einer verschlossenen Eingangstür, an der aber eine Telefonnummer angebracht ist. Wir rufen an, und binnen weniger Minuten fährt eine Frau vor, die uns hineinlässt. Die Eintrittskarte pro Person kostet 10 Lei.
Bei der Derscher Kirchenburg haben wir es mit einer aus dem 14. Jahrhundert stammenden, Stilelemente der Gotik aufweisenden Wehrkirche zu tun, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit zwei Wehrgeschossen ausgestattet wurde und von einer rechteckigen Befestigungsanlage umgeben ist, die durch mehrere Türme verstärkt wurde. Südöstlich des Chores ist in den Mauerbering auch der ins 17. Jahrhundert datierte Torturm eingebaut worden.
Im Kircheninnern fallen vor allem die Wandmalereien an der Nordwand auf, die ins Jahr 1419 datiert werden und Szenen aus dem Leben des heiliggesprochenen ungarischen Árpádenkönigs Ladislaus (ca. 1048-1095) darstellen, der als Begründer der zentralstaatlichen Macht Ungarns verehrt wird. Da wir es mit einer unitarischen Kirche zu tun haben, gibt es hier keinen Altar. Im Chor befindet sich die Orgelempore mit Orgel, die nur von draußen, aus dem Burghof, zu erreichen ist.
Alles in dieser Kirche und Kirchenburg macht einen sauberen, geordneten, freundlichen Eindruck. Man erkennt, dass es hier eine aktive Kirchengemeinde gibt. Auf den Pulten der Bänke im Kirchenschiff liegen Gesangbücher, eingebunden in mit Kreuzstich verzierter Leinenstickerei. Die teils offenen, teils geschlossenen Räume unter dem Dach des Mauerberings bilden sozusagen ein ortsspezifisches ethnografisches Museum, in dem zahlreiche alte Haushaltsgegenstände sowie ausrangierte landwirtschaftliche und Handwerks-Geräte zu sehen sind.
(Fortsetzung folgt in einer nächsten Ausgabe)







