„Meine Filme enthalten meine DNA“

Gârcini, Schauplatz für einen Dokumentarfilm

Ikone im Hof eines Hauses.

Neben dieser Müllhalde am Fluss sind Wohnhäuser.

Dieser Mann streicht die Wände seines Hauses. Fotos: Matei Lăcătuș

Auch bei schlechtem Wetter bringt diese Frau wochentags ihr ältestes Kind in die Schule. Damit sie nicht alleine zuhause bleiben, nimmt sie ihre Kleinkinder auch mit. Foto: Zlatko Pranjic

Es ist März, der Schnee schmilzt. Eine junge Frau mit einem Baby im Arm geht auf einer unasphaltierten Straße. Mehrere Kleinkinder folgen ihr durch den Matsch. Sie bringen das älteste Kind zur Schule.

Zlatko Pranjic, ein in England lebender Filmemacher und -produzent und Matei Lăcătuș, Ex-Honterianer und Anthropologie-Absolvent in Amsterdam, zeigen künstlerisch gefilmte Bewegtbilder aus Gârcini,  der größten kompakten Roma-Gemeinschaft Rumäniens. Seit Oktober 2025 filmen sie im berüchtigten Viertel in Siebendörfer, nur wenige Kilometer von Kronstadt entfernt. Bereits mehr als zehn Mal waren sie schon dort.

„Die Menschen in Gârcini sind es gewohnt, dass Leute mit Videokameras und Fotoapparaten kommen, sie aufnehmen und dann verschwinden. Und sie denken, dass diese Leute mit den Bildern Geld verdienen und sind Besuchern gegenüber daher ziemlich skeptisch. Wir aber kommen immer wieder zurück, begleiten sie im Alltag, beobachten ihr Verhalten und erfahren von ihren Wünschen und Ängsten“, erklärt Zlatko Pranjic.

Gemeinsam mit Lăcătuș wollen sie einige der ärmsten Menschen Europas auffangen und nach einer langfristigen Beobachtung und dem Aufbau von näheren Beziehungen zu den Einwohnern in einem Dokumentarfilm vorstellen.

Die meisten Bewohner in Gârcini sind Roma, etwa die Hälfte von ihnen minderjährig. Mehr als 60 Prozent der Mädchen bekommen noch vor ihrem 18. Lebensjahr ein Kind. Das Durchschnittsalter liegt bei 22 Jahren und nur lediglich 4,5 Prozent der Einwohner erreichen das 60. Lebensjahr.

Bei der Volkszählung 2022 hatten sich knapp 1674 Einwohner als Roma ausgegeben, lokalen Schätzungen zufolge leben jedoch rund 10.000 Einwohner im Viertel. Aus Angst vor Diskriminierung und in der Hoffnung auf bessere soziale Akzeptanz geben sich viele bei Volkszählungen als Rumänen oder Ungarn aus. Zudem sind zahlreiche Bewohner gar nicht offiziell registriert.

Die meisten leben in extremer Armut. Es gibt weder Kanalisation noch asphaltierte Straßen und Straßenbeleuchtung, auch eine Arztpraxis fehlt. Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet, viele Menschen leben von Sozialhilfe, Kindergeld oder Gelegenheitsarbeiten als als Tagelöhner. Auch Betteln gehört für manche zu den Einkommensquellen.

Immer mehr Eltern erhoffen sich durch Bildung eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Die Zahl der Schüler an der Schule Nr. 5 im Viertel steigt, manche schaffen es sogar bis in die Oberstufe.

Geschichte in Kapiteln

Bei ihren Besuchen entdecken die beiden Filmemacher immer wieder neue Details. Die Geschichten der Menschen, ihre Werte und ihre Probleme, sowohl als einzelne als auch als Gemeinschaft, wollen sie in ihrem Streifen in mehreren Kapiteln erzählen.

„Die Einwohner von Gârcini haben dieselben Bedürfnisse wie wir alle, leben jedoch unter völlig anderen Bedingungen als wir“, erklärt Pranjic. „Sie kämpfen oft ums Überleben, versuchen dabei aber ihre Würde zu bewahren. Genau diese menschliche Kondition interessiert uns.“

Matei Lăcătuș, ein gebürtiger Kronstädter, der früher Freunde in S˛cele besuchte, kannte lange Zeit vor allem die Vorurteile über die Roma-Gemeinschaft. Als Anthropologe möchte er nun verstehen, wie die Menschen dort tatsächlich leben.

„Unser Film soll zeigen, dass diese Menschen Teil unserer Gesellschaft sind. Ihre Situation ist komplex. Wir wollen sie nicht zu Helden machen, sondern sie so darstellen, wie sie wirklich  sind.“

Alltag in Gârcini

Adriana (Name von der Redaktion geändert) ist eine der Frauen, die die Regisseure mit der Kamera begleiten. Die 23-Jährige, Mutter von vier Kindern, erzählt lächelnd, wie sie ihren Mann vor sieben Jahren kennenlernte. „Er stand vor der Schule und fragte, ob ich seine Freundin sein will. Kurz darauf haben wir geheiratet“

Heute muss sie sich alleine mit den Kindern durchschlagen. Ihr Mann Ion (Name geändert) sitzt für die nächsten vier Jahre im Gefängnis. Er hatte im Herbst Holz zum Heizen aus dem Wald geholt, wie die meisten Leute in der Gegend. Vor einigen Jahren durften die Leute noch gefallenes Holz sammeln und mit Pferdewagen, Schlitten oder angebunden an Seilen oder Drähten mit nach Hause nehmen. Inzwischen ist das verboten, das Holz muss aus einem städtischen Depot gekauft werden. Für viele Familien ist das unerschwinglich.

Doina (Name geändert) ist Mitte 50 und lebt in einem ärmlichen Haus in der Nähe der Müllhalde. Die Fenster des einzigen Zimmers halten die Kälte kaum ab. Einer ihrer sieben Söhne dichtet sie regelmäßig ab, doch das Haus bleibt kalt. Wenn Kinder und Enkelkinder zu Besuch kommen oder sie kocht, wärmen sich alle gemeinsam am kleinen Metallofen. Mehr als ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl und ein Schrank befinden sich nicht im Raum. „Doinas Söhne leben mit ihren Familien im selben Hof. Sie ist sozusagen das Oberhaupt dieser Großfamilie. Wie in vielen Familien hier halten die Menschen sehr stark zusammen“, sagt der junge Anthropologe.

Teil Europas

„Diese Menschen gehören zu Europa, sind aber stark marginalisiert“, betont Pranjic, der seit rund 30 Jahren in Großbritannien lebt und ursprünglich aus Bosnien stammt. Der Wunsch nach einem besseren Leben trifft auf Diskriminierung, die Suche nach einer Arbeitsstelle scheitert oft an mangelnder Ausbildung oder fehlendem Personalausweis.

Für viele ist die Pfingstgemeinde eine große Hilfe. Es gibt in Gârcini fünf Pfingstkirchen, die ihnen Zusammenhalt bieten, wo sie christliche Manele singen und auch grundlegende Verhaltensregeln lernen. Pranjic beschäftigt sich auch in seinen früheren Filmen mit der menschlichen Kondition. Seine bekannteste Dokumentation, die HBO-Produktion „The Sky above Zenica“, (Deutsch: Der Himmel über Zenica), entstand gemeinsam mit Nanna Frank Moller. Der Film zeigt das Leben in der bosnischen Industriestadt Zenica, wo extreme Luftverschmutzung durch ein Stahlwerk und eine Kokerei zu einer hohen Zahl von Krebs, Diabetes- und Atemwegserkrankungen führte. 

Das Thema hat den gebürtigen Bosnier stark beschäftigt. Er hat sieben Jahre lang am Film gearbeitet und so zur Schließung des umweltschädlichen Werks beigetragen. Im Rahmen eines mehrmonatigen akademischen Aufenthalts an der Transilvania-Universität zeigte und besprach er den Film mit Studenten und Filmliebhabern.

„Ich mache nur Filme über Themen oder Menschen, die mich interessieren. Ich investiere viel Zeit darin und viel Energie dafür. Meine Filme enthalten meine DNA“, erklärte Zlatko Pranjic Ende Februar bei einem Workshop mit Studenten in Kronstadt.

Matei Lăcătuș ist von der Beziehung der Menschen mit ihrem Zuhause beeindruckt. Dieses Interesse hat er an der Universität entwickelt und beobachtet auch im Roma-Viertel, wie sehr die Leute an diesem Ort hängen.

„Manche arbeiten in London, kehren aber hierher zurück und bauen sich da Häuser, wo ihre Eltern und Großeltern schon gelebt haben. Sie wollen hier bleiben.“

In ihrem Anliegen begleitet sie der Filmabsolvent Matei Călin, ein junger Filmemacher.

Wie der fertige Film nach jahrelanger Beobachtung aussehen wird, ist offen. Fest steht nur, dass die Filmemacher Gârcini nicht bewerten, sondern sichtbar machen wollen.