Pikanterien, Musik und die erste Monografie der Schwarzen Kirche

Nachlass von Ernst Kühlbrandt vorgestellt

Frank-Thomas Ziegler erklärt im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde voller Begeisterung den wertvollen Nachlass von Ernst Kühlbrandt an der Schwarzen Kirche. Foto: Laura Căpățână Juller

Vier Kartonschachteln und eine Zeichenmappe. Das ist alles, was von Ernst Kühlbrandt im Honterusarchiv zu finden ist. Kein umfangreicher Nachlass, allerdings ausreichend, um die wichtigsten Wirkungsfelder Kühlbrands zu belegen: er war ein hervorragender Zeichenlehrer und Zeichner, ein guter Schriftsteller und ein bedeutender Kunsthistoriker. Kühlbrandt hatte ein spannendes Leben, viele Interessen, war sehr aktiv und hatte viel Humor. Das und vieles mehr erfuhren am 28. April Dutzende im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde von Dr. Frank-Thomas Ziegler, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Honterusgemeinde im Rahmen des Vortrags „Humor an der Schwarzen Kirche“. Es war eine Stunde, in der viel gelacht und gesungen, aber auch sehr viel Spannendes erfahren wurde.

Der Vortrag wurde im Rahmen der beliebten Vortragsreihe „Kulturerbe hautnah“ organisiert, die vor zwei Jahren von Dr. Ágnes Ziegler, Leiterin des Referats Kulturgüter an der Evangelischen Kirche A.B. in Kronstadt und Frank Ziegler ins Leben gerufen wurde, um dem Publikum Zugang zu originalen Kunstwerken und Archivgut der Schwarzen Kirche zu ermöglichen, die ansonsten in den Depots der Gemeinde ruhen. Regelmäßig stellen sie den Nachlass der Schwarzen Kirche vor.

Leidenschaftlicher Zeichner
Ernst Kühlbrandt (1857 – 1933) war der Sohn von Theodor Kühlbrandt (1821–1868), dem Begründer des Schulsports in Kronstadt. Er hat seine Realschulbildung in Kronstadt und Hermannstadt gemacht und studierte nach seinem Militärdienst Polytechnik in Graz. Mit 19 Jahren orientierte er sich jedoch um und ließ sich in Stuttgart und Wien zum Zeichenlehrer ausbilden. Wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wirkte er als Zeichenlehrer an der Honterusschule und weiteren Schulen.

Die Vorstellung des Kühlbrandt-Nachlasses ausgerechnet im Kapitelzimmer am Honterushof, wo das alte Schulgebäude steht, ein Ort wo Kühlbrandt vor über 100 Jahren als Lehrer wirkte, sei eine Einladung, sich die Welt Anfang des 19. Jahrhunderts vorzustellen. „Wenn man die Augen weit genug aufmacht, kann man Ernst Kühlbrandt sehen, wie er mit seiner Zeichenmappe unter dem Arm durch den Hof spaziert und seine Schülerschaft zu Kreativität anspornt“. Ein originales Schwarz-Weiß Bild vom Honterushof, auf dem Damen in Kleidern und mit Hüten und Herren in schwarzen Gehröcken zu sehen sind, führte das Publikum in die Welt der Belle Epoque.

Frank Ziegler zeigte sich sichtlich begeistert von dem Thema. Er präsentierte mehrere Zeichnungen und Skizzen Kühlbrandts, darunter ein Aquarell eines Veilchens sowie einen Brief, den der junge Künstler seiner Mutter aus Hermannstadt geschickt hatte. Diesen illustrierte er mit einer detailreichen Bleistiftskizze eines Hauses am Kleinen Ring.

Von seiner Leidenschaft für das Zeichnen, über die er sorgfältig Buch führte, sind zahlreiche Notizen im Honterusarchiv erhalten geblieben. Kühlbrandt signierte zudem seine Porträts und gab seine Begeisterung für die Kunst an seinen Sohn Ernst Kühlbrandt Junior weiter, der später als Pferdemaler bekannt wurde. Auch einige seiner Schüler machten sich einen Namen, darunter Hans Eder und Oskar Netoliczka Junior.

Schwächen der Menschen als Thema
Später in seinem Leben schlägt der Ton seiner Gemälde und Skizzen um und seine Werke enthalten allerhand Pikanterien – ein Reiter fällt um, Skifahrer, die sich nicht mehr gut auf den Skiern halten, eine grobe Nase – Es sind die kleinen Schwächen der Menschen, die den erwachsenen Kühlbrand interessieren. Eine der Bleistiftskizzen, die auch auf dem Plakat der Veranstaltung zu sehen ist, zeigt ein Paar auf einer Parkbank unter einem riesigen Schirm sitzen. Beim besseren Hinschauen bemerkt man, dass unterhalb des Sonnenschirms, der die Oberkörper des Mannes und der Frau verbirgt, die Hand des Mannes nicht etwa auf deren Rücken liegt, sondern tiefer gerutscht ist. 
Auch in den Gedichten hielt Ernst Kühlbrandt das tragische Streben des unvollkommenen Menschen nach Vollkommenheit fest, er thematisierte mit Vorliebe den ewigen Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Normen und den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. Einige seiner Gedichte wurden im Rahmen des Vortrags von Honterusschülern vorgelesen, wie dieses hier:

Der Friedensstifter
Harte Faust und scharfe Rede
Hatten lange sich gestritten,
Und man suchte einen dritten,
Stark genug, in dieser Fehde
Endlich Frieden doch zu machen.
Sieh! und endlich ward gefunden
Einer, der sie überwunden:
Dieser Starke war – das Lachen“

Einige Gedichte Kühlbrandts wurden von seinem Freund Rudolf Lassel vertont. Einige davon wurden im Kapitelzimmer gemeinsam gesungen, unter der musikalischen Begleitung von Dr. Steffen Schlandt, Organist und Kantor der Schwarzen Kirche. Das Lied „Blau und rot“ beispielsweise, das heute patriotisch wirken mag, aber im Kontext der damaligen Zeiten zu verstehen ist, brachte ein Lächeln auf die Lippen der Anwesenden. Das Lied war seinerzeit, 1899, ein Hit beim Kronstädter Männergesangsverein und wurde damals vom Chor dreimal gesungen und schließlich auch von den Anwesenden mitgesungen. Der Refrain geht so: „Wenn ich diese Farben schau’, trag’ ich willig alle Not: Blau und rot bis in den Tod!“

Beim Lied „Ein Rudel Mädel“, zu dem ebenfalls Lassel die Musik komponierte, sang Gabriela Schlandt den Solopart und verteilte Blumen an Männer im Saal.

Auch Dramatiker und Schriftsteller
Seine Dichtungen wurden in der Zeitschrift für Kultur und Leben „Karpaten“ veröffentlicht, die von Adolf Meschendörfer herausgegeben wurde. Er verfasste allerdings auch Leitartikel, Gedichte und Feuilletons für das „Kronstädter Tageblatt“ und veröffentlichte seine Texte zudem  auch in anderen Publikationen.

„Er beherrschte Formen des Spruches und Lehrgedichts. Seine Epigramme, Spiegel einer starken, Gott verehrenden und menschheitsgläubigen Persönlichkeit, wirkten in Form und Inhalt auch literararisch vorbildlich“, sagte Ziegler.

Aus einer der Kartonschachteln holte der Referent eine Mappe mit zwei Theaterstücken von Kühlbrandt heraus: „Der Naturapostel“ und „Die Bärenbraut“. Nur das erste wurde jemals gespielt, allerdings ein einziges Mal – in Hermannstadt, im Jahr 1911. Das Stück spielt auf den Kronstädter Gusto Gräser an, der als einer der ersten „Hippies“ gilt. Die Hauptfigur Hans Heimann entscheidet sich zunächst für ein naturnahes Leben, wird jedoch durch die Liebe verführt und verliert dadurch seinen Glauben und sich selbst. Das Stück „ist eine schwer verdauliche Kost, weil es literarisch problematisch ist“, erklärte Ziegler, es sei jedoch historisch von Interesse.

Erste Monografie über die Schwarze Kirche
Einen besonders wertvollen Nachlass Ernst Kühlbrandts verdankt man seiner Forschung an der Schwarzen Kirche. Er hat akkurate Zeichnungen nach Kunstwerken aus der Schwarzen Kirche hinterlassen, wie etwa vom Taufbecken, der Kanzel oder wertvollen Kerzenleuchtern. Sein intensives Interesse galt auch den osmanischen Teppichen, über die er bis ins Detail Inventar führte. So erfuhr er beispielsweise, dass diese von Orienthändlern als Steuern bezahlt wurden und auf diese Weise in den Besitz der Schwarzen Kirche kamen.
Seine Forschungen zur Schwarzen Kirche bündelte er zu Beginn des Jahrhunderts in zwei Bänden der ersten Monografie über das Gotteshaus mit dem Titel „Die Schwarze Kirche“. Dabei handle es sich um eine Leistung, die heute weitgehend vergessen sei, sagte Ziegler. „Wir verdanken ihm sehr viele Kenntnisse.“

Über die faszinierende Persönlichkeit und Tätigkeit von Ernst Kühlbrandt kann man Näheres im Honterusarchiv erfahren.
Der nächste Vortrag der Reihe „Kulturerbe hautnah” findet am 9. Juni, um 18 Uhr im Chorraum der Schwarzen Kirche statt. Der große Altar wird im Rampenlicht stehen.