Die Stadt unter der Zinne erblüht in frischem Grün, die Straßen füllen sich mit Leben, und bei über 20 Grad gönnen sich viele ihr lang ersehntes erstes Eis – der Mai ist endlich da. An so einem sonnigen Dienstag, dem 5. Mai, kamen im Kronstädter Deutschen Forum Jung und Alt zusammen, um gemeinsam zu singen – eine Tradition, die eine Brücke zwischen dem Gestern, dem Heute und der Frage nach dem, was bleibt, schlägt.
Der Abend begann mit der Moderation von Matei Lupescu vom Deutschen Jugendforum Kronstadt, der die Gäste in einem vollbesetzten Saal willkommen hieß. Paul Binder, der Vorsitzende des Ortsforums, setzte in seiner Begrüßungsrede den intellektuellen Rahmen des Abends. Er zitierte Mörikes „Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“ – ein Gedicht, das trotz seiner Kürze zu den bekanntesten Werken der deutschen Lyrik zählt und in die Stimmung des Abends einleitete.
Musikalische Zeitreise: Von Rudolf Lassel bis zur Moderne
Das Programm war eine sorgfältig ausgewählte Mischung aus gemeinsamem Gesang und hochkarätigen musikalischen Einlagen. Unter der Leitung von Dr. Steffen Schlandt wurde die Musik zum Bindeglied der Generationen. Nach einem kleinen Melodiefehler beim Klassiker „Der Mai ist gekommen“ war auch das letzte Eis gebrochen und nach einem herzlichen Lacher allerseits ließ es sich direkt viel entspannter weitersingen.
Ein besonderer Höhepunkt war die Darbietung des „Mailiedes“ von Rudolf Lassel. Gabriela Schlandt (Sopran) und Orsolya Lövenberger (Alt), begleitet von Steffen Schlandt am Klavier, brachten ein Stück zum Klingen, das bis vor einigen Tagen noch in einem alten Koffer am Verstauben war – ein wahrer Archivfund, der dem Publikum ein Stück Kronstädter Musikgeschichte zurückgab.
Auch die Jugend setzte Akzente: Jonathan Arvay (Trompete) beeindruckte mit einem Satz aus dem Konzert von Zhaneta Metallidi. Dass sich ein Schüler der achten Klasse inmitten des Prüfungsstresses die Zeit nimmt, die Gemeinschaft musikalisch zu bereichern, wurde mit besonderem Applaus gewürdigt.
Grußworte mit Weitblick
Die Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste unterstrich die Bedeutung der Veranstaltung. Dr. Paul- Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), beglückwünschte das Kronstädter Forum zu dieser Initiative. In einer Welt, die „aus den Fugen gerät“, seien solche „normalen Ereignisse“ von unschätzbarem Wert.
Sven Kunert, Vizekonsul der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt, richtete einige humorvolle Worte an die Kronstädter und verabschiedete sich zudem persönlich, da ihn sein Weg ab Sommer nach Südindien führen wird.
Benjamin Józsa, Geschäftsführer des DFDR, erinnerte sich an seine eigene Zeit als junger Lehrer, als er dieselben Lieder unterrichtete. Sein Fazit war klar: „Wenn wir gemeinsam singen können, ist noch nicht alles verloren.“
Auch Anina Micleru-Șoană, Schulinspektorin für die Deutsche Sprache im Kreis Kronstadt, richtete einige Worte an die Gemeinschaft. Dabei lobte sie insbesondere die Schüle-rinnen und Schüler, die bei den Olympiaden angetreten waren.
Gemeinsam mit dem Pastorenehepaar Theresa (Klarinette) und Maximilian (Fagott) Braisch spielte Steffen Schlandt im Anschluss darauf das fröhliche Stück „Die Gardinenpredigt – Burleske“ von Julius Fucik vor.
Die Kunst als Zeuge
Kunsthistorikerin Dr. Andrea Pocol vom Kronstädter Kunstmuseum hielt einen Vortrag, in dem sie die „Deutsche Kunst in Kronstadt während der Zwischenkriegszeit“ beleuchtete. Pocol zeichnete das Bild einer dynamischen, wenn auch widersprüchlichen Epoche. Mehr als 40 Künstler waren damals in Kronstadt tätig, darunter Größen wie Hans Mattis-Teutsch, Hans Eder und Eduard Morres. Sie verdeutlichte, wie der Expressionismus und die „Neue Sachlichkeit“ die lokale Kunst prägten und wie Künstlervereinigungen wie „Das Ziel“ versuchten, die provinziellen Grenzen zu überwinden.
Nun will der Lenz uns grüßen – und die Stimme der Jugend
Mit dem Lenz ging es erneut über zum gemeinsamen Gesang, begleitet vom Trio Steffen Schlandt und Theresa und Maximilian Braisch.
Sophia Neguț, die Vorsitzende des Jugendforums, sprach über den „Frühling als Zeit der Neuanfänge“. Sie beschrieb das Jugendforum als eine „neue Familie“, in der sie gelernt habe, Verantwortung zu tragen.
Das Grande Finale: Kuckuck und Gemeinschaft
Der Abend gipfelte in einem gemeinsamen Singen, das alle Anwesenden einbezog. Dr. Steffen Schlandt führte das Publikum mit Unterstützung von Theresa und Maximilian Braisch durch die „Echo-Funktion“ des italienischen Cuckoo-Liedes („L’inverno č passato“). Die Aufteilung des Saales in eine rechte und eine linke Kuckucks-Seite sorgte für viel Gelächter und ein spürbares Gemeinschaftsgefühl. Danach klang der Abend bei großem Buffet, Sekt und Gesprächen aus.
Fazit: Was bleibt?
Beim Zurückblicken auf das Maisingen 2026 stellt man fest, dass mehr als nur ein Nachhall oder gar Ohrwurm der Melodien bleibt. Denn es bleibt auch die Erkenntnis, dass die Pflege unserer Traditionen – das „Putzen des Grundsteins“, eine aktive Entscheidung ist. Kronstadt hat bewiesen, dass es alles hat, was es braucht, um diese Spuren zu hinterlassen. Der Staub des Winters ist abgewischt. Der Mai ist da. Und mit ihm die Gewissheit, dass wir, solange wir gemeinsam singen, nicht verloren und auch nicht alleine sind.





