Winterferien in der Tigerhauptstadt

Einblicke in das Tagebuch der Familie Khapardey in Nagpur

Adriana Khapardey (rechts) und indische Frauen in Kurta vor der Orthodoxen Kirche in Nagpur.

Familie Khapardey aus Kronstadt im Ambrosia Farm Resort in Nagpur, eine große Anlage mit luxuriösen Farmhäusern und Villen, das auch als Resort für Tagesausflüge genutzt wird.

Erst vor wenigen Wochen ist Familie Khapardey aus Indien zurückgekehrt. Dort hatten Adriana, Nitin und ihre drei Kinder Ain (16), Amina (13) und Aditi (10) Weihnachten und Neujahr mit den Verwandten gefeiert. Nitin stammt aus Nagpur, einer der größten Städte im Bundesstaat Maharashtra und geografischer Mittelpunkt Indiens. Aufgrund der zahlreichen Organgenplantagen sowie der Nähe zu mehreren Tiger-Reservate wird die Stadt als„Orangenstadt“ oder „Tigerhauptstadt“ bezeichnet. Sie gilt als wichtiges Kultur-, Handels- und IT-Zentrum. Seit die Kinder älter geworden sind, reist die Familie einmal in mehreren Jahren nach Indien und verbringt rund einen Monat dort.

Ein Tagebuch gegen das Vergessen

„Dieselben staubigen Straßen, Höfe und Pflanzen wie beim letzten Besuch, etwas weniger Straßenhunde und herrenlose Rinder, dafür aber mehr Hochhäuser auf den verlassenen, ungepflegten Grundstücken. Glücklicherweise verschönern die Bäume und anderen Pflanzen die grauen Wände“, schreibt Adriana Khapardey, Biologielehrerin am Honterus-Kollegium, über ihre ersten Eindrücke in ihrem Tagebuch. Sie war schon mehrmals in Indien, nun hat sie sich entschlossen, die Erlebnisse der Familie und ihre Gedanken festzuhalten - gegen das Vergessen und um ihrer Mutter und ihren Freunden von der Reise zu berichten. „Und selbstverständlich wollte ich auch eine andere Beschäftigung als den Haushalt haben“, vermerkt sie.

In den knapp vier Wochen gab es ein dichtes Programm mit Besuchen bei Verwandten und Freunden, Kirchgang in die orthodoxe und methodistische Kirche, Teilnahme an verschiedenen Festen sowie Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten. Auch eine Orangenplantage stand auf dem Programm. Ein Freund von Nitin besitzt eine solche Plantage in der Umgebung von Nagpur. „Auf dem Weg waren schöne Baumwoll- oder Linsenfelder zu sehen, ansonsten viel Müll.“ Für die Kinder war es besonders eindrucksvoll zu sehen, woher die Früchte stammen, für die die Region bekannt ist.

Gewürze und Gitarrenmusik

Es gab viel zu entdecken, aber auch zu verkosten: von einfachen Snacks wie knusprig gefüllten Teigbällchen (Pani Puri) über veganeShawarma bis hin zu stark gewürzten Speisen, die für die gebürtigen Kronstädter gewöhnungsbedürftig waren. Daher freuten sich besonders die Kinder über vertraute Gerichte wie knuspriges Hähnchen oder Pilaw, eine Art Reisgericht mit Hähnchen. Ab und an bereitete Adriana europäisches Essen zu, etwa Tiramisu oder gebratenen Fisch mit Knoblauchsauce, was bei den Verwandten sehr willkommen war. Einen besonderen Platz im Tagebuch nehmen die zahlreichen Treffen mit Freunden und Verwandten ein: Es kommen viele Menschen zusammen, erzählen und essen, manchmal endet ein solches Treffen am Lagerfeuer mit Gitarrenmusik und Gesang.

Leben in Großfamilien

In Indien leben viele Menschen in Großfamilien, mehrere Generationen unter einem Dach. Jüngere kümmern sich um die Alten, auch wenn diese keine direkten Familienmitglieder sind. Adriana berichtet von einem Freund ihres Mannes, der eine eigene Familie hat aber regelmäßig einen älteren Herrn pflegt und manchmal bei ihm übernachtet, um dessen Einsamkeit zu vertreiben. Auch die Verehrung der Verstorbenen gehört zum Alltag – die Familie besuchte daher mehrmals den Friedhof. „Sie haben eine andere Kultur, andere Sitten und Bräuche. Auch die Beziehung zur Mutter ist sehr stark: Sie wird durch eine bestimmte Geste gestärkt, wenn die Mutter dem erwachsenen Kind noch immer symbolisch einen Happen in den Mund steckt. Sie sorgen sich sehr um ihre Alten und ihre Kinder“, schreibt sie. Die Freude am Zusammensein spürten auch die Kinder deutlich. Sie verbrachten viel Zeit mit ihren Cousins, schliefen im selben Bett und waren kaum voneinander zu trennen.

Winterfeiertage in Indien

Zu Weihnachten wurde gemeinsam gebacken und Weihnachtsplätzchen an die Nachbarn verteilt. Trotz der unterschiedlichen Kultur bekamen Aditi, Amina und Ain am Heiligabend Geschenke und mehr als 50 mit Süßigkeiten gefüllte Beutel, die die Nachbarn . Auch wenn nur knappe 2,3 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung Christen sind, immerhin 28 Millionen Menschen, ist Weihnachten in Indien ein offizieller Feiertag. Der Großteil der Bevölkerung bekennt sich zum Hinduismus, während Muslime mit etwa 13,5 Prozent die zweitgrößte religiöse Gruppe bilden. Statt Tannenbaum schmückt man in Indien einen Mangobaum oder eine Bananenstaude und beleuchtet das Haus mit Lichtern.

Das neue Jahr begannen die gemischte Familie und deren Verwandten mit Lesen von Psalmen, jeder in seiner eigenen Sprache und um Mitternacht knallten Böller, und man freute sich an Feuerwerken.

Orthodoxe Kirche in Nagpur

„Es ist früh am Morgen. Ich bereite mich vor, heimlich in die orthodoxe Kathedrale „Heiliger Georg“ zu gehen, die 20 Minuten von uns entfernt ist. Ich plane das schon seit einigen Tagen“, hält die Kronstädterin im Tagebuch fest. Sie wollte das Haus verlassen, bevor die Familie aufwachte, um sehr früh anzukommen. Der Weg zur Kathedrale führt über eine stark befahrene Straße, weshalb sie hoffte, im Morgengrauen kaum Verkehr zu haben und leichter alleine überqueren zu können.

Ihr Mann Nitin stammt aus einer christlichen Familie und geht in die methodistische Kirche. Wenn sie in Nagpur ist, besucht Adriana manchmal die orthodoxe Kirche und nimmt an Gottesdiensten teil, auch wenn sie kaum ein Wort Malayalam (die Sprache, die in Kerala – Südindien gesprochen wird) versteht. Sie wurde in der Kirche freundlich aufgenommen, erhielt ein Gebetbuch mit Lateinschrift, die aber trotzdem schwer zu verfolgen war, wurde vom Pfarrer eingeladen, sich der Gemeinde vorzustellen, und nach dem Gottesdienst zum gemeinsamen Frühstück gebeten. So kam es zu interessanten Gesprächen und neuen Bekanntschaften.

Die Indische Orthodoxe Kirche ist eine altorientalische Kirche mit ihrem Schwerpunkt in Südindien und geht auf die Gemeinschaft der sogenannten Thomaschristen zurück, die ihre Ursprünge auf den Apostel Thomas zurückführen. Ab dem 17. Jahrhundert näherte sich die Kirche zunehmend der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien an, was ihre Liturgie und kirchliche Struktur nachhaltig prägte. Bis heute bewahrt sie eine eigenständige Tradition und bildet eine der bedeutendsten christlichen Gemeinschaften des Landes.

Indien auf der Straße

Den Heimweg legte Adriana Khapardey meist mit ihrem Mann auf dem Scooter zurück, nur selten zu Fuß oder mit der Rikscha. Immer wieder war sie vom Schmutz auf den Straßen schockiert: „Straßenkehrer fegten Berge von Tüten und Papier weg, doch der Staub blieb … Es gruselte uns, den Müll und die zahlreichen Ratten zu sehen, die wohl von Motorradfahrern zerdrückt wurden.“ Schon bei ihrem ersten Besuch in Indien im Jahr 2007 hatte sie einen Kulturschock erlebt. Sie liebte das Land aus Büchern und Yogakursen, doch Mumbai zeigte sich anders als erwartet. „Es war schmutzig und laut. Ich fand das Straßenessen unhygienisch, trank nur Flaschenwasser und hatte ein ungutes Gefühl, da ich gelesen hatte, man solle als ausländische Frau nicht allein auf die Straße gehen. Ich kam nur sehr schwer zurecht“, erinnert sie sich. Als sie damals in Bhuj und Mundra (Westgujarat) zu Besuch bei der Familie eines indischen Freundes gewesen war, für den sie jahrelang übersetzt hat, hatte sie eine riesige Diskrepanz erlebt. „Als Gast dieser wohlhabenden Familie wurde ich verwöhnt: ich habe in einem Luxushotel gewohnt und wurde von einem Chauffeur durch die Stadt gefahren und man hat mir alle Sehenswürdigkeiten gezeigt. Das war für mich, als Europäerin faszinierend, genauso wie die Einfachheit und Offenheit der Menschen. So wurde es zu einem wunderbares Erlebnis. Umso größer war dann der Unterschied zu Mumbai, wo ich dann alleine hingereist bin“, erinnert sie sich.

Wie alles begann

Die Reise von 2007 führte Adriana schließlich zu Nitin, ihrem langjährigen indischen Brieffreund, den sie online kennengelernt hatte. Mehrere Tage stellte er ihr New Delhi vor und sie machten kürzere Ausflüge in der Gegend. Besonders schöne Erinnerungen hat sie aus Rishikesh, der „Welthauptstadt des Yoga“. Dort haben sie ihre Füße ins klare Wasser des Ganges gesteckt, der frisch aus dem Himalaya-Gebirge kommt und von den berühmten Hängebrücken Lakshman Jhula und Ram Jhula einen herrlichen Ausblick auf den Fluss und die Tempel gehab. Über die frechen Affen, die von Passanten Essen stibitzen, amüsiert sie sich noch heute.

2008 heirateten Adriana und Nitin. Anfangs konnte er als indischer Staatsbürger nur einen Monat pro Jahr in Rumänien verbringen. Seit 2015 lebt der Ingineur jedoch dauerhaft mit seiner Frau und den drei Kindern und arbeitet in Kronstadt.

„In Indien zu leben wäre für mich unvorstellbar gewesen“, erklärt Adriana. In Krebsbach führt sie einen Bauernhof, den sie nicht aufgeben möchte, zudem möchte sie die Nähe zu ihrer Mutter beibehalten. Umso mehr freut sie sich bei ihren Indienaufenthalten auf die Pflanzenvielfalt und die frechen Affen, die immer wieder zu Besuch kommen und gelegentlich auch Kleinigkeiten stehlen. Die Eindrücke von der intensiven Reise wird die fünfköpfige Familie noch eine Zeitlang verarbeiten. In wenigen Jahren ist wohl ein neuer Besuch angesagt.