Es war kein gewöhnlicher Vortrag, der am Dienstag, dem 28. April, im Festsaal des Honterus-Lyzeums stattfand. Was Dr. Heinke Fabritius den Schülerinnen und Schülern aus zwei Klassen präsentierte, war vielmehr ein Raum zum Nachdenken: über Vergangenes, das im Leben vieler Aussiedlerfamilien bis heute Spuren hinterlassen hat. Im Mittelpunkt des Nachmittags stand ein szenisches Filmprojekt mit dem Titel „Heimatfremde“, erarbeitet von zwei Berliner Abiturientinnen.
Doch bevor es zum Film überging, tasteten sich die Anwesenden zunächst an die „deutsche Frage“ heran: die Teilung Deutschlands in Bundesrepublik und DDR. Über Begriffe wie Berliner Mauer, Freiheit und Kontrolle entstand Schritt für Schritt ein grundlegendes Verständnis für die historischen Zusammenhänge. Das sollte die Basis für die Zeit sein, in der die Handlung des Films spielte.
Biografien im Spiegel des Theaters
„Heimatfremde“ ist kein professionell produzierter Film. Die beiden Schülerinnen Ellen Hagedorn und Mariel Heymann entwickelten ihr Stück im Rahmen einer freiwilligen Abiturleistung. Grundlage waren Interviews mit den eigenen Eltern: Menschen, deren Lebenswege von Flucht, Ausreise – aus der DDR und aus Siebenbürgen, und einem Neuanfang in Westdeutschland geprägt sind.
Die Handlung führt nach Siebenbürgen, ins Rumänien der 1970er Jahre, wo Überwachung, Verhöre und Repression an der Tagesordnung standen. Die Inszenierung bleibt minimalistisch – zwei Stühle, Licht, die beiden Darstellerinnen. Und doch entfaltet sich eine große emotionale Wirkung: die Angst gegenüber der Securitate, die Freude über die Ausreise und später der Schmerz darüber, dass Großmutter, Freunde und geliebte Gegenstände zurückgelassen werden müssen. Ebenso eindrücklich ist die Darstellung der Reise und der Ankunft in einer westdeutschen Gesellschaft, die den Neuankömmlingen oft mit Distanz begegnete.
Ankommen heißt nicht Ankommen
Der Film zeigte, dass Ankommen oft der schwierigere Teil ist. Sicherheit bedeutet nicht automatisch Zugehörigkeit. In der Bundesrepublik erlebte die Familie auch Ausgrenzung – Sprachlosigkeit in der Schule wurde als Verweigerung missverstanden, Unsicherheit als Schwäche gedeutet.
Die zentrale Frage kommt auf: Was ist bei der Aussiedlung Heimat, und was Fremde? „Fremde Heimat, Heimatfremde“ – diese Wortkombination zog sich durch das Ende des Stückes und beschrieb den Zustand zwischen den beiden Welten.
Vom Zuschauen zum Mitdenken
Nach der Filmvorführung lud Dr. Fabritius die Schülerinnen und Schüler dazu ein, sich aktiv mit dem Gesehenen ausei-nanderzusetzen und eigene Rückmeldungen zu entwickeln. Der Workshop blieb damit nicht nur beim Zuschauen stehen, sondern wurde auch zu einem aktiven Denkprozess.
Damit bot die Veranstaltung den Honterianern nicht nur historische Einblicke, sondern förderte auch ein tieferes Verständnis für die Lebensrealitäten von Aussiedlerfamilien – und für die Frage, was „Heimat“ – das Wort, für das es keine genaue rumänische Übersetzung gibt, eigentlich bedeutet.




