Dankesrede des Trägers des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises 2026

Foto: Werner Kremm

Sehr geehrte Damen und Herren,

dass ich hier stehen darf – „auf den Treppen des Winds“? „Im Auge des Sturms“? – in jedem Fall hier und heute als diesjähriger Preisträger des siebten Rolf-Bossert-Gedächtnispreises, erfordert zunächst vor allem zahlreichen Menschen und Institutionen zu danken:

Hellmut Seiler, dem Initiator des Rolf-Bossert-Gedächtnispreis, bester Freund von Rolf Bossert und Überbringer der guten Nachricht per Telefon.

Erwin Țigla für die umsichtige Organisation des ganzen Preises, für seine unermüdliche, leidenschaftliche Arbeit in und um die Deutschen Literaturtage in Reschitza, für Unterbringung, Transport, Lesungen, Essen, Ausflug, Zeitungsartikel und vieles mehr.

Dietrich Machmer, dem Rolf-Bossert-Gedächtnispreisträger 2024 und diesjährigem Juryvorsitzenden, für die kurzweiligen, erhellenden Telefonate im Vorfeld und seine so wertschätzende Laudatio.

Den weiteren Mitgliedern der Jury in alphabetischer Reihenfolge: Dr. Waldemar Fromm, Katharina Kilzer, Hellmut Seiler, Dr. Olivia Spiridon und Barbara Zeizinger, denen ich den Preis zu verdanken habe, da sie meinen Zyklus „surroundings“, also „Umgebung“, aus insgesamt 160 anonymisierten Einsendungen ausgewählt haben.

Dem Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen; dem Kulturwerk Banater Schwaben e.V. Bayern; der Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V. München; dem Demokratische Forum der Banater Berglanddeutschen; dem Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ und nicht zuletzt den Mitgliedern des Förder- und Freundeskreises von Rolf Bossert, die alle den Lyrikwettbewerb und die Preisvergabe fördern.

Weiterhin allen Menschen hinter den Kulissen, die mit ihrer kleinen und großen Hilfe Preise, Literatur und Kultur umsetzen, manchmal auch gegen Widerstände durchsetzen helfen und damit Menschen Nahrung für die Seele geben. Auch meiner mitgereisten Partnerin danke ich – für ihre Unterstützung bin ich sehr dankbar.

Nur durch einen Vokal unterscheiden sich danken und denken.

Ich denke in diesem Moment auch an meine Familie zuhause, vor allem meine Mutter, meine verstorbenen Großeltern, Förderer und Wegbegleiter*innen, wie Dr. Ulrich Vormbaum, meinen letztes Jahr völlig überraschend verstorbenen Freundes Daniel und viele andere liebe Menschen, die sich jetzt mit mir über den Rolf Bossert-Gedächtnispreis 2026 freuen.

Ich bin also zunächst denkbar dankbar, während Gedichte dankbar denkbar sind.

Ein Gedicht impliziert immer auch ein Nachdenken über die Welt, unsere merkwürdige Umgebung, die manchmal nicht nur nicht dankbar, sondern bisweilen auch undenkbar erscheint.

Was also sollen Verse in Zeiten, in denen sich Kriege und Katastrophen abzuwechseln scheinen, einem gefühlten Zeitalter der konstanten Krisen? Wie geht man um mit den „rohdaten“ einer solchen Welt, die nun mal auch die unsere ist, wie vollbringt man „die abstrahierung des objekts“?

Man sucht im lyrischen Versuch zu verstehen, den Kern im Konkreten zu finden, in dem, was einen umgibt. Und im besten Fall rendert man ihn, also ändert ihn ab, versieht ihn mit einem neuen Quellcode, der aus dem Gedicht heraus in die Welt wächst, die dann nicht mehr dieselbe ist.

In einer Zeit der andauernden Selbstbespiegelung, einer konstanten medialen Selbstvergewisserung durch posts und pictures, droht man sich zu verlieren, man vergisst scheinbar mehr denn je, wer man eigentlich ist, was die eigene Menschlichkeit und Individualität ausmachen. In Gedichten kann eine mögliche Lösung wieder darin liegen, die Umgebung, also die „surroundings“, genau unter die lyrische Lupe zu nehmen. 

Indem man alles andere über die bloße Abbildung hinaus möglichst in seiner Tiefenstruktur sichtbar macht, kommt man zu einem Ergebnis, das dieses „Ich“ vielleicht umreißt und damit ein besseres Verständnis ermöglicht.

Man versucht also am eigentlichen Objekt vorbeizusehen, ähnlich wie bei den Sternen, die sich im direkten Hineinblicken beständig entziehen und sich der Wahrnehmung erst offenbaren, wenn man gezielt auf die nächste Umgebung blickt, die die Kontur und damit auch den eigentlichen content enthüllt.

So kann das Objekt dann auch wieder handelndes Subjekt werden – oder etwa nicht ... ?

Geht es denn zwangsläufig immer nur um das Trennende, um Hell und Dunkel, hier und dort, Ich und Welt? Liegt eine mögliche Erkenntnis lediglich in der Differenzerfahrung?

Die Frage scheint hier falsch gestellt – entscheidend ist der Umgang mit dieser Erkenntnis. Denn Selbsterkenntnis oder Welterkenntnis ermöglicht immer auch einen bewussten Austausch, eine Verbindung. Ein Gedicht kann einer dieser unwahrscheinlichen Orte der Erkenntnis sein, wo man sich wahrhaft begegnet, dem anderen, der Welt.

Gedichte können also Menschen verbindende Elemente sein, in denen man sich wiederfinden, austauschen, voneinander lernen, verstehen kann.

Und sehen Sie sich um, meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie alle, die Sie hier heute sitzen, sind der lebendige Beweis dafür.

Das lyrische Ich steht bei Rolf Bossert „auf den Treppen des Winds“. In den „surroundings“ schießen Drohnen in den Wind, während das lyrische Ich hier wie dort „wohl als Messgerät“ fungiert, als Antenne für die kaum merkbaren Verschiebungen in der Welt, eine Ahnung, woher der Wind weht.

Und jetzt? 

Ist und bleibt ein Sprechakt nicht weniger und nicht mehr als lediglich ein Sprechakt? Oder verschieben sich durch die Grenzen meiner Sprache nicht auch die Grenzen meiner Welt – und diese sich gleich mit?  Ob die Aneignung der Welt eine lediglich betrachtende, affirmative ist, oder eine aktive, gestaltende, die durch eine veränderte Wahrnehmung den Kern rendert, das entscheiden nicht zuletzt Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Doch ich höre mir selbst nur noch „mit einem ohr zu, mit einem anderen kehr(t)e ich den schub um“ – sehen Sie selbst: 
 

surroundings

I

ich schiebe mir sonnenblumen zwischen die kiemen
auf spotify seit stunden der gleiche refrain

überall frisch rekrutierte tauben. soweit die rohdaten
man gab mir kürzlich die mittel in die hand

ich sollte die abstrahierung des objekts vollbringen
ließ ausrichten: man gehe die dinge mit optimismus an

nach einigen wochen holten mich zu meiner überraschung
meine fehlübersetzungen ein. man widersprach

ließ mich zurück, den sogenannten fehler
finden, ich nahm an, ich renderte den kern

II

exoskelette tragen sich spazieren, wandern
thousand places to see before you die
ein selbstbild löst ein selbstbild ab
als würde man erst sichtbar durch

die sichtbarmachung alles andern, von allem
außerhalb von sich, der eigenen ränder
so viele namenlose arme kamen
von hier bis in den letzten winkel jedes spots

lächelfragmente hängen wie gewichte
schwer in allen bildern, unschärferelation
beständiges verlaufen einer mitte sieht man

sieht sich einfach nicht. man sucht und sucht
und findet unterm gedankenstrich nur leere
leere in einem endlos großen rahmen
III

störsprech im café. die inneren stimmen
es ist zum verhaspeln. ein besseres ergebnis
für weniger suchbegriffe: gewitter

sind möglich aber unwahrscheinlich wie orte
wo man sich begegnet, während der sommer
ins land zieht, passiert. jemand nennt

das kind beim namen, ich warte teilweise
fungiere wohl als messgerät, ich lese wellen
von den langen lippen. warum

so dysphemistisch, baby? ich scrolle
durch den letzten tag, die langsam
verlöschende grammatik der stadt