Die Federleichtigkeit der Gedanken

Geleitwort zum 7. Rolf-Bossert-Gedächtnispreis

Hellmut Seiler | Foto: Werner Kremm

(der seine Idee zur Stiftung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises vor acht Jahren, während der 28. Ausgabe der „Deutschen Literaturtage in Reschitza“, vor versammeltem Auditorium begründete. Spontan wurde damals auch die erste Jury nominiert und der nicht stimmberechtigte Sekretär dieser Jury bestellt: Seither ist es, im Dienste einer Jury in wechselnder Besetzung, der Hauptorganisator der „Reschitzaer Literaturtage“, Erwin Josef Țigla. Dieser Literaturpreis, der das Gedächtnis des vielleicht begabtesten Lyrikers seiner Generation, des in Reschitza geborenen Rolf G. Bossert, bewahrt, ist der einzige, der in Rumänien für literarische Schöpfungen in deutscher Sprache verliehen wird.)

In den frühen Morgenstunden des 17. Februar 1986 stand das letzte Fenster in einem langen Flur des Hochhauses, das in Frankfurt a. M. als Übergangswohnheim diente, offen; weit darunter lag der zerschmetterte Körper von Rolf Günter Bossert: „Hart wie ein Pflasterstein//Ist der Tod“. Ein Zeitbogen von knapp 175 Jahren tut sich förmlich auf, und ohne ihn überspannen zu wollen: Heinrich von Kleist lag im November 1811 neben der erschossenen unheilbar erkrankten Henriette Vogel, seiner Geliebten, unter dem gedeckten Tisch nach der aufwendig inszenierten Selbsterschießung am Kleinen Wannsee: „Weil mir auf Erden nicht zu helfen war“. 

Zwei bedeutende Dichter, beide 34-jährig unter Zwängen aus dem Leben geschieden, „Freitod“ lautet der gängige Euphemismus. 

Damit aber endet auch die Gemeinsamkeit schon, wie es doch keine geben kann bei dieser einsamsten aller menschlichen Entscheidungen überhaupt. Typisch für Rolf Bossert ist die tänzelnde Verzweiflung, seine Heiterkeit am Abgrund; das Aufbegehren gegen das Empörende, das mit uns geschieht. Weil wir es mit uns geschehen lassen. Die Wut glimmt, bevor sie aber spät heruntergebrannt und der Zorn verraucht ist, triumphiert auf dem leichten Weg der Ironie, dieser klügsten Form von Distanznahme, die Gedanken- oder Verstandesheiterkeit; und diese ist für Rolf definitorisch, und sie bleibt, sei sie noch so bitter. 

Rolfs Heiterkeit war und ist bitterböse, aber nie boshaft, bissig, aber nie bärbeißig. Sei der Aufenthalt noch so jammervoll, gejammert hat er mit keiner Zeile. Überleben wird seine spezifische „Ästhetik des Widerstands“, eingebettet in eine „Ästhetik des Grauens“, der grauen Wohnwabenblocks und der Stunden des Morgengrauens. 

Der diesjährige Gedächtnispreis stand unter besonderen Vorzeichen: 1. sind wir bei seiner siebten Auflage und Rolf Bosserts Debütband von 1979 hieß „siebensachen“; 2. sind 40 Jahre seit seinem erschütternd jähen und immer noch unbegreiflichen Ende vergangen. Und 3. hat die Anzahl der Einsendungen zum Preis die Tausendermarke überschritten: es sind bislang deren 1022 aus 16 Ländern Europas, Asiens, Afrikas und Südamerikas1 eingegangen.

Die bisherigen Preisträger haben sich durch weitere Publikationen und Auszeichnungen hervorgetan und sie alle halten den Literaturtagen die Treue. Den diesjährigen Gewinner, TOBIAS PAGEL aus Konstanz, würdigt im Anschluss jener von 2024, Dietrich Machmer.


1 Eigentlich aus 20 Ländern: Deutschland, Österreich, der Schweiz, Rumänien, Spanien, England, Italien, den Niederlanden, Polen, Ungarn, Belgien, Luxemburg, Portugal, der Ukraine, Uruguay, Frankreich, Japan, Marokko, Chile und Norwegen (wk)