Doppelte Krippenfreude im Stift Zwettl

Wie Stift Zwettl zu zwei wertvollen Weihnachtskrippen kam

Neben den ergriffenen Hirten kämpfen zwei Schafböcke.

Geburt Jesu mit Hirten

Flucht nach Ägypten von Bachlechner

Bretterkrippe von Joseph Schitz: Maria mit dem Jesuskind

Bretterkrippe von Joseph Schitz: Maria mit dem Jesuskind (Nahaufnahme) Fotos: Mag. Ignazius Schmid

Seit der heilige Franz von Assisi im Jahr 1223 in Greccio in Italien die erste Weihnachtskrippe – mit einigen seiner Anhänger als Hirten und lebenden Tieren – aufgestellt hatte, verbreitete sich rasch der Brauch, dem ehemals leseunkundigen Volk mit geschnitzten Figuren das Weihnachtsgeschehen plastisch vor Augen zu führen; die Kirchen bedienten sich freudig dieser Möglichkeit. So wohl auch im Stift Zwettl: Im Jahr 1763 entstand die barocke Bretterkrippe. Das war eine damals auf Holzbrettern gemalte einfache Krippendarstellung, die leicht aufzustellen und wieder abzubauen war, der künstlerischen Ausführung der Malerei aber alle Möglichkeiten offenließ. Die geschnitzten Krippen, mit ihren oft Dutzenden beweglichen Figuren, waren zwar eindrucksvoll und konnten auch immer wieder umgestellt werden, brauchten aber entsprechend mehr Platz und Zeit – sowohl beim Aufstellen als auch beim sorgfältigen Versorgen nach der Weihnachtszeit. Welche Art Krippe auch immer zur Verfügung stand: Das Volk liebte sie aus ganzem Herzen. 

Es muss einen ziemlichen Groll ausgelöst haben, als der österreichische Kaiser Jo-seph II. 1782 das Verbot erließ, in den Kirchen Krippen aufzustellen. Er erreichte damit freilich das Gegenteil: In den Kirchen mussten die Krippen zwar verschwinden, in den privaten Häusern aber tauchten sie auf. Einige Jahre gab es keine Kirchenkrippen mehr. Dieses Schicksal ereilte wohl auch das Stift Zwettl, wo zwanzig Jahre nach ihrem Entstehen die Bretterkrippe unter das Verbot fiel und verschwand. Für 111 Jahre war Stift Zwettl krippenlos. Dann setzte man diesem bedauerlichen Zustand ein Ende und erteilte 1893 dem Bildhauer Josef Bachlechner den Auftrag, eine neue Krippe zu schaffen. Die verschwundene barocke Krippe aber erlebte viele Jahre später ein kleines Wunder: Als im Jahr 2014 bei Entrümpelungsarbeiten am Dachboden total verstaubte „alte Bretter“ auftauchten, wurden sie als die Bretterkrippe erkannt und im letzten Moment vor dem Verheizen gerettet. Und so kam Stift Zwettl Anfang des 21. Jahrhunderts zu seiner zweiten, fast 265 Jahre alten barocken Krippe von 1763. 

Die barocke Krippe

Stift Zwettl war schon vorher Hüter eines großartigen Schatzes: Franz Anton Danne hatte 1744 das Heilige Grab und darüber den Palast von Pontius Pilatus gemalt. Er war der malende Superstar seiner Zeit und hatte das Werk wie ein Bühnenbild aufgebaut, das in einem Raum über der Mönchsgruft fix installiert wurde. Als man zwanzig Jahre später auch eine Weihnachtskrippe haben wollte, wurde Joseph Schitz damit beauftragt. Er war deutlich günstiger als Danne, was in der kargeren Zeit nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges durchaus eine Rolle gespielt haben mag. Schitz malte Gebrauchskunst, die Bilder wurden auf Leinen, das über Holztafeln gespannt war, gemalt. Die architektonischen Elemente dominierten, die Figuren waren Typen, die Gesichter ohne weiche Modellierung. Es stellte sich die Möglichkeit des Austausches der Weihnachts- mit den Leidenswegtafeln des Heiligen Grabes als praktisch und günstig heraus, denn der gesamte Aufbau der Krippe beanspruchte einen ganzen Tag Arbeit für fünf Männer. So wurde aus dem Palast von Pontius Pilatus der Stall von Bethlehem. Als dann eines Tages die gemäß kaiserlicher Vorschrift entfernte Weihnachtskrippe am Dachboden verschwand, verblieb sie ganz dem Blickfeld entschwunden und wurde vergessen. Dannes fix eingebautes Heiliges Grab aber machte keine zusätzliche Arbeit, und so beließ man es.

Nachdem die barocke Bretterkrippe glücklich wiedergefunden war, ging es an deren Restaurierung. Hier beteiligte sich auch der Archivar, Stiftsbibliothekar und Historiker Dr. Andreas Gamerith. Er malte zudem den verloren gegangenen Hintergrund der Krippe mit Gottvater, Engeln und dem Hl. Geist, denn neben Forschen und Recherchieren in den Archiven gehört auch Musik und Malen zu seinen vielseitigen Talenten. Als fixer Standort der barocken Krippe wurde nun der Raum mit dem Heiligen Grab ausersehen, denn man wollte nicht riskieren, dass das Werk von unschätzbarem Wert durch Abbauen und Zwischenlagerung Schaden nahm oder gar vergessen ging. So sind jetzt zwei Kunstschätze in einem Raum zu bewundern, und wenn man einmal außen herumgeht in der Krippenkapelle auch noch die zweite Weihnachtskrippe des Stiftes, die Bachlechner-Krippe.

Die Bachlechner-Krippe

1893 erhielt der 21-jährige Südtiroler Josef Bachlechner den Auftrag, eine neue Krippe zu schnitzen. Er hatte schon vorher mit Anton Dichtl und Altarbauer Josef Andergassen an zwei neugotischen Altären als Ersatz für zwei Barockaltäre mitgearbeitet. Abt Stephan Rössler (1842-1923, mit 45 Jahren Amtszeit war er der am längsten wirkende Abt im Stift Zwettl) fand die barocken Altäre in der gotischen Kirche störend und wollte die stilistische Einheit wieder herstellen. Dem Auftrag an Bachlechner ging eine längere Korrespondenz voraus, wobei es um Schnitzer, Figuren und Honorar ging. Schließlich bekam Bachlechner den Auftrag und mit viel Liebe zum Detail schuf er ein kunstvolles Werk, das ein Mittelding aus Relief und Vollfiguren war, im Stil des späten Historismus und mit deutlichen Elementen des Jugendstils. Die reichhaltige Krippe zeigt neben der eigentlichen Geburtsszene mit Engeln, Hirten und Schafen auch einen Hintergrund, wo beispielsweise bereits die Heiligen Drei Könige mit Elefant und Kamel ankommen, oder die humorvolle Szene, wo sich neben den ergriffenen Hirten – unbeeindruckt vom heiligen Geschehen – zwei Schafböcke ungeniert einen Nahkampf liefern. Ein Spruchband am Fuße des Altars zitiert Jesaia 9,6: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Auf seinen Schultern wird er das Zeichen der Herrschaft tragen.“ Aber auch das große Kunstwerk bewahrte Bachlechner nicht vor Kritik, die sich vor allem am nackten Jesuskind stieß. In der prüden Zeit damals dachte man wohl, dass zumindest das Jesuskind bekleidet geboren worden war… Auf den Beschluss einer diesbezüglichen Änderung wurde später glücklicherweise vergessen. Ursprünglich war die Krippe an einem Seitenaltar aufgebaut, jetzt steht sie in einer Seitenkapelle, auf der Rückseite der Trennwand zum nebenliegenden Raum, Rücken an Rücken mit dem Hl. Grab. 
An den Seitenaltären sind jetzt noch andere Werke Bachlechners zu sehen. Am Josefsaltar und am Sebastiansaltar sind an den Seitenteilen imitierter Flügelaltäre Szenen aus dem Leben Jesu zu sehen sowie von verschiedenen Heiligen wie Elisabeth von Thüringen, der heiligen Notburga oder die Mantelszene des heiligen Martin … 

An Sonn- und Feiertagen ist die Barockkrippe zu den Gottesdienstzeiten zu besichtigen. Es ist zwar nicht das ganze Jahr Weihnachten, aber Joseph und Josef haben in unterschiedlichen Jahrhunderten zwei Weihnachtskrippen geschaffen, die heute zur Weihnachtszeit doppelte Freude schenken.