Ein deutsches Kirchengesangbuch mitten im rumänischen Sozialismus (Teil 1)

Über die Entstehung des katholischen Gebet- und Gesangbuches „Gotteslob“, mit dem Anhang für Rumänien vor 50 Jahren

Das deutsche Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“, als Ausgabe für Rumänien, umhüllt mit einem braunen Einband, erschien 1978 in einer Auflage von etwa 20.000 Exemplaren. Eigentlich sollte es heißen: Ausgabe für die Diözese Temeswar. Doch dies war in der damaligen Zeit des „glorreichen rumänischen Sozialismus“ nicht erlaubt und nicht möglich. 

Der Stammteil ist der gleiche wie im Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“, das seit Anfang der 1970er Jahre in allen deutschsprachigen Ländern Europas Verwendung fand, doch der Anhang wurde diesmal für die Banater Schwaben zurechtgelegt. Gedruckt wurde es in Deutschland im Auftrag des Deutschen Caritasverbandes Freiburg und versendet von der Druckerei in Kevelaer nach Temeswar/Timișoara. Es hat einen abenteuerlichen Weg zurückgelegt, bis es in die Schwabendörfer des Banats gelangte. Und jene Gläubigen, denen es gewidmet war, saßen bereits auf ihren Koffern, um die Ausreise anzutreten…

Der steinerne Weg des Gebet- und Gesangbuches 

Wir schreiben das Jahr 1975. Für die Gesellschaft in Rumänien bedeutete dies eine Tauwetter-Zeit in Politik und ein etwas bemerkbarer Fortschritt in der Wirtschaft. Dies muss natürlich relativ verstanden werden, denn es sind nur knapp zehn Jahre vergangen, seitdem die letzten katholischen Priester und Bischöfe aus den berüchtigten Gefängnissen entlassen wurden und 14 Jahre, seitdem die letzten Rumäniendeutschen aus der Deportation aus der Sowjetunion nach Hause kamen. Noch näher in Erinnerung war damals die Zeit der Deportation vieler Familien aus dem Banat in die Bărăgan-Steppe. Danach wurden durch den deutschen Staat einige geistliche Würdenträger, Ordensleute und einige relevantere Personen für das Deutschtum in Rumänien vom rumänischen Staat mit horrenden Summen abgekauft. Auch die misslungene Einmischung des rumänischen Staates in die inneren Angelegenheiten der römisch-katholischen Kirche durch die Politik der sogenannten „Friedenskirche“ gehörte ebenfalls bereits der Vergangenheit an.

Staatspräsident Nicolae Ceaușescu wurde damals von vielen westlichen Staaten hofiert und zu Staatsbesuchen eingeladen. All dies führte dazu, dass die rumänische Politik gegenüber den Kirchen in Rumänien eine relative Entspannung der Situation bewirkte. Dies galt besonders der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche gegenüber, also den Kirchen der deutschen Minderheiten dieses Landes im Banat und in Siebenbürgen. Die griechisch-katholische Kirche war ja, wie in allen Ostblockstaaten, seit 1948 verboten und der rumänische Staat übte geschickt eine Hinhaltetaktik gegenüber dem Heiligen Stuhl aus. Es gab zwar noch kein Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem kommunistischen rumänischen Staat, aber man zeigte sich loyal gegenüber ausländischen Kirchenvertretern wie z. B. dem Erzbischof aus Wien oder bestimmten Kardinälen aus Rom. Auch die deutschen Hilfen durch die Caritas für Priester und kirchliche Angestellte wurden zugelassen. Eigentlich war es die Ruhe vor dem Sturm, denn diese Entspannungspolitik entwich bald harten Restriktionen und diese führten schließlich 1989 zum Sturz der Regierung.

In diese Zeit der Entspannungspolitik fiel auch die Entstehung eines neuen deutschen Gebet- und Gesangbuches für die deutschsprachigen Katholiken Rumäniens. Infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils entstand im deutschsprachigen Raum Europas 1972 das neue Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“. Jede Diözese und Erzdiözese bekam außerdem die Möglichkeit, einen eigenen Anhang für ihr Bistum zusammenzustellen. 

Bereits im Jahre 1970 ließ die Temeswarer kirchliche Oberbehörde die neue Messordnung in deutscher Sprache drucken: „Die Feier der Gemeinschaftsmesse“. Dieses kleinformatige Heft besteht nur aus 16 Seiten und enthält die Texte und Gebete der Gemeinde in deutscher Sprache. Dies war notwendig, da durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikanums die bisherige lateinische Sprache durch die eigene Muttersprache ersetzt wurde. Gleichzeitig erschien ein ähnliches Büchlein der kirchlichen Oberbehörde in ungarischer Sprache. Trotzdem hielt man im Banat weiterhin in vielen städtischen Kirchen mit einer gemischtsprachigen Bevölkerung an der lateinischen Sonntagsmesse fest. So konnte kein Streit zwischen den einzelnen Nationalitäten entstehen.

Bis etwa 1976 wurden die Gottesdienste in den größeren städtischen Pfarreien des Temeswarer Bistums nur in deutscher und ungarischer Sprache gehalten, in anderen dörflichen Gemeinden in deutscher, ungarischer, kroatischer, slowakischer, tschechischer, rumänischer oder bulgarischer Sprache, je nach örtlichen Begebenheiten. Die ersten Gottesdienste in rumänischer Sprache wurden im Temeswarer Bistum erst nach 1980 schrittweise eingeführt.

Natürlich warteten auch die deutschen Vertriebenen, Geflüchteten und Aussiedler in Deutschland auf die Beachtung ihrer Rechte und sehnsüchtig harrte man darauf, ihrem kirchlichen Liedgut einen würdigen Platz im neuen Gesangbuch einzuräumen. Doch diese Erwartungen waren ver-gebens. Seitens der Donauschwaben wendete sich um 1970 der Volksliedforscher Konrad Scheierling (1924-1992) an die „Gotteslob“-Kommission mit der Bitte, auch einige deutsche Kirchenlieder aus dem südosteuropäischen Siedlungsraum aufzunehmen. Auch dies würde ein Zeichen der Akzeptanz dieser Volksgruppe in der deutschen Gesellschaft setzen. Beson-ders nach 1945 hatten die Donauschwaben aus dem ehemaligen Jugoslawien großes Leid zu ertragen und wurden letztendlich vertrieben. Seine Klage aber blieb ungehört. 

Fast gleichzeitig erschienen in Rumänien zwischen 1974 und 1978 zwei neue deutsche Kirchengesangbücher: 1974 das „Gesangbuch der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in der Sozialistischen Republik Rumänien“ und 1978 das „Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch. Ausgabe für Rumänien“. Obzwar dies sehr offiziell klingt, war ihre Entstehung sehr einfach: das evangelische Gesangbuch war gedacht für die Siebenbürger Sachsen und das katholische „Gotteslob“ für die Banater Schwaben. 

Die Auswahl der Banater Kirchenlieder

Die Diözese Temeswar, eine der drei Nachfolgediözesen des alten historischen Bistums Csanád, hatte seit dem Tod des letzten Bischofs Dr. Augustin Pacha keinen eigenen Bischof mehr und Dr. Adalbert Boros wurde als Erzbischof durch den rumänischen Staat nicht anerkannt. Das ehemalige Bistum Temeswar wurde durch den Staat nur noch als Dekanat anerkannt. Geleitet wurde dieses Bistum durch eine „kirchliche Oberbehörde“, an der Spitze mit einem Ordinarius substitutus (Msgr. Konrad Kernweisz, 1913-1981) und einem Generalvikar (Dr. Ferdinand Cziza). Im Jahre 1983 wurde zum neuen Ordinarius Msgr. Sebstian Kräuter (1922-2008) ernannt. 

Die Zusammenarbeit zwischen der kirchlichen Oberbehörde in Temeswar und den Vertretern des Staates erwies sich damals als sehr komplex und nicht gerade vertrauensvoll. Aber man musste sich damit abfinden und das Beste daraus machen. Nachdem um 1974 einige wenige Exemplare des neuen Gebet- und Gesangbuches „Gotteslob“ inoffiziell ins Land gebracht wurden, fragte man seitens der Leitung der Freiburger Caritasverbandes in Temeswar nach, ob ein Interesse bestünde, auch ein neues „Gotteslob“ mit einem Anhang für die Diözese Temeswar herauszubringen. Damals wirkte Dr. Hans Weresch (1902-1986), der aus dem Banat stammte, beim Freiburger Caritasverband. Vermutlich hat er auch die Initiative für dieses neue Gesangbuch ergriffen. Jedenfalls wurde Ordinarius Konrad Kernweisz angefragt wegen der Auswahl der etwa 50 Kirchenlieder aus dem Banat, die als Anhang zum „Gotteslob“ veröffentlicht werden sollen. Dieser hat sich bei Msgr. Ferdinand Hauptmann erkundigt, der damals Pfarrer der Temeswarer Innenstadt war und als ein guter Kenner der Kirchenmusik galt. Man hat die etwa 50 Lieder aus dem letzten Gebet- und Gesangbuch der Diözese Temeswar aus dem Jahre 1927 ausgesucht, die damals durch Prof. Hans Eck (1899-1965) zusammengestellt wurden. Die Lieder des neuen „Gotteslob“ mit dem „Anhang für Rumänien“ wurden neu gesetzt und das gesamte Gesangbuch im Verlag Butzon & Bercker in Kevelaer veröffentlicht.

Die Auswahl dieser im Banat verbreiteten Kirchenlieder übernahm letztendlich Ordinarius Konrad Kernweisz. Wie in fast allen Banater Gesangbüchern wird die Reihe der Messgesänge mit dem „Deutschen Hochamt“ von Johann Michael Haydn eröffnet, gefolgt von der „Deutschen Messe“ von Franz Schubert. Es folgen zwei weitere Messen wie auch einige Messlieder, die man meist in Werktagsgottesdiensten gesungen hat. Leider fehlen bei sämtlichen Kirchenliedern dieses Anhangs für Rumänien die Quellen (Komponist, Verfasser des Textes). Einige der hier vorhandenen Lieder sind im Banat entstanden, andere, wie z. B. das Weihnachtslied Nr. 817 („Ehre sei Gott in Himmelshöhen“) wurde aus dem ungarischen Weihnachtslied „Mennyböl az angyal“ übernommen.

20.000 Gesangbücher auf dem Weg nach Temeswar

Von deutscher Seite aus war dadurch dieses Problem geklärt. Laut den Zolldokumenten aus dem Jahre 1978 erfahren wir, dass der Versand aus Deutschland im Auftrag des Deutschen Caritasverbandes Freiburg geschah, vermittelt durch Dr. Hans Weresch. Die Sendung bestand aus 24 Paletten mit einem Gewicht von 10,5 Tonnen. Laut den Akten der rumänischen Zollbehörde vom 27.2.1979 enthielt diese Sendung knapp 20.000 Exemplare des Gebet- und Gesangbuches „Gotteslob“ und 200 Exemplare des dazugehörenden Orgelbuches, mit einem Gesamtwert von 54.600 DM. In einem anderen Dokument wird erwähnt, dass die Sendung 11.000 Exemplare des deutschen „Gotteslob“ enthält für die Gläubigen deutscher Nationalität und 2000 Gebetbücher und Katechismen in kroatischer Sprache für die Gläubigen kroatischer Nationalität. Die ganze Sendung musste, laut rumänischem Zollamt, in einem sicheren, geschlossenen und versiegelten Raum untergebracht werden, bis die Zollbehörde die ganze Lieferung untersucht und abgenommen hat. Ob nun tatsächlich die riesige Summe an Zollgebühren bezahlt wurde, oder ob die Sendung zollfrei übernommen werden konnte, bleibt bis heute ungeklärt. So gelangte schließlich das neue „Gotteslob“ mit dem „Anhang für Rumänien“ letztendlich nach Temeswar. 

Lesen Sie Teil 2 am nächsten Freitag.