In der Nachkriegszeit Siebenbürgens folgte einem Unrechtregime ein weiteres, während nicht nur die Deutschen Rumäniens erstmals mit ihrem Überleben beschäftigt waren und später mit der Rückerstattung zumindest ihrer Wohnhäuser. In der Nachwendezeit galt es sodann für die Allermeisten, sich in einer neuen Heimat einzuleben. Nur allmählich wurde das kommunistische Unrecht aufgearbeitet – in schrittweise zugänglichen Archiven und Zeitzeugengesprächen über eine Zeit, in der jedes Wort eigene Gefahr und Gefährdung anderer bedeuten konnte. Und die sogenannten Nazijahre?
Im Herbst 2025 ist ein erster Ergebnisband jahrelanger Forschungsarbeiten erschienen, worin zur politischen Geschichte der Deutschen in Rumänien in den 1930er-Jahren referiert wird. Ein allgemein umfassendes Erstlingswerk bei den eigentlich geschichtsbewussten Deutschen in, bzw. aus Rumänien?
Geschichtsbewusstsein
Manch einer kann sich an den Zeitpunkt erinnern, ab dem sich sein Geschichtsbewusstsein zu entwickeln begann. „Früh fasst den staunenden Knaben Schauder der Ewigkeit.“ Da stand der Vater mit dem Sohne vor dem Westportal einer romanischen Basilika. „Zögernd bröckelt der Stein.“ Sie stand in einer Fluchtburg oben am Berge, wohin sich die Dorfbewohner bei Gefahr zurückzogen. Welche Gefahr? „Völker kamen und gingen, selbst ihr Name entschwand.“ Früher – wusste der Vater dem Sohne zu erzählen – da musste jeder junge Mann in der Nacht vor der Hochzeit einen großen Stein den Berg hoch zur Burg schaffen, wo er zum Schutz im Sinne der Dorfgemeinschaft genutzt worden ist. Dem Jungen gefiel jene Geschichte und die Idee, sich im Sinne der kleinen und großen Gemeinschaft einzubringen. Dass jene Ideengeschichte missbraucht werden könne, darauf kam er nicht. Das hatte ihm der Vater nicht erzählt.
Auch hatte der spätere Schüler des Hermannstädter Traditionsgymnasiums und Chormitglied bei den dortigen Cantores Juvenes voller Ehrfurcht in der von Ernst Irtel vertonten „Siebenbürgische Elegie“ die Andersartigkeit des eigenen Lebensgefühles besungen, wie von Adolf Meschendörfer Ende 1927 im „Klingsor“ veröffentlicht. Jetzt ist vorliegend von Enikö Dácz zu lesen: Meschendörfer wurde zunehmend von Nationalsozialisten „verhätschelt“, bis er im Dienst deren kulturpolitischen Propaganda stand, wie auch eigeninitiativ der Herausgeber der Kulturschrift „Klingsor“.
Der langwierige Weg zu diesem Fachbuch
Der gängige Geschichtsunterricht im kommunistischen Rumänien endete zumeist mit dem Zweiten Weltkrieg und wurde in Unterrichtsfächern mit der Bezeichnung „Politische Ökonomie“ und „Philosophie“ ideologisch verfremdet fortgeführt. Alles wurde dem Klassenkampf gegen den Faschismus untergeordnet, selbst dann noch, als jener als solcher nicht mehr auszumachen war. Vorsicht war geboten. Dichotomische Geschichtsklitterung: Bösartig waren die Deutschen oder der Klassenfeind. Eine wissenschaftlich objektive Aufarbeitung war somit unmöglich – selbst wenn gewollt. Die Benachteiligung der als „Mitwohnende Nationalitäten“ geduldeten Deutschen im Sozialismus nationalistischer Prägung schweißte zum deutschen Gegenpol zusammen, womit eine selbstkritische Betrachtung zurückgestellt worden ist, was im repressiven Kommunismus sogar zwingend war.
Das setzte sich auch im Auswanderungsland Deutschland fort, wo Erfahrungen der 1930er Jahren von Fritz Cloos und Heinrich Zillich genutzt worden sind, um sich für die Aussiedler und deren Kulturpolitik, allerdings nach eigenem Gutdünken, einzusetzen. Erst im Alter von fast 80 Jahren verfasste Fritz Cloos in Gemeinschaft mit seinem Schwager Karl M. Reinerth 1988 Beiträge und Berichte „Zur Geschichte der Deutschen in Rumänien 1935 - 1945“ - getreu dem Motto: wer schreibt, der bleibt.
Quasi zeitgleich zu jenem Buch begann 1989 Johann Böhm mit der Herausgabe einer Halbjahresschrift für Geschichte, Literatur und Politik, worin Nationalismus und politischer Extremismus jeglicher Couleur abgelehnt worden ist. Jene überzeichnete Zielsetzung galt – in grober Erinnerung des Rezensenten – leider vorrangig. Mit schrittweiser Aktenfreigabe in einschlägigen Archiven Rumäniens und der Federführung von William Totok unter der Ägide des IKGS, erfüllt jene Halbjahresschrift (HJS) längst durchgängig Maßstäbe publizistischer Distanz und Objektivität, wie auch in der hauseigenen IKGS-Halbjahresschrift „Spiegelungen“ mit ihrem Themenheft 1.2016 „Rumäniendeutsche und Nationalismus“.
Knapp drei Jahre später fand sodann im September 2019 ein internationales bereichsübergreifendes Symposium beim Klausenburger Institut für die Erforschung nationaler Minderheiten (ISPMN) statt, das vom IKGS – Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (LMU, München) und dem AKSL – Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde (Heidelberg u. Hermannstadt) mitveranstaltet worden ist. Die überarbeitet aufeinan-der abgestimmten Fachbeiträge wurden von den Herausgebern im IKGS vorliegend publiziert.
Natürlich galten dem aufkommenden Nationalsozialismus bereits frühere Fachaufsätze auch anderer Publikationen, wie jener über den Volksgruppenführer Andreas Schmidt, verfasst von Paul Milata 2005 in der „Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde“ des AKSL. Wenig später erschien dessen Fachbuch über Rumäniendeutsche in der Waffen-SS „Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu“. Es traf einen Nerv. Im Vorwort der inzwischen 3. Auflage stellt der Historiker 2019 fest: „Wie schon vor zehn Jahren bemerkt, steht eine öffentliche Auseinandersetzung der Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und Rumänen über ihre gemeinsame Kriegs- und Zwischenkriegszeit weiterhin aus.“
Ausstehende Vergangenheitsbewältigung zeigt sich heute u.a. auch beim Wahlverhalten in beiden Ländern: In der Siebenbürgensiedlung Drabenderhöhe erhielt die vorwiegend rechtsextreme AfD einen mit fünf Prozent höheren Stimmanteil als im Oberbergischen Umland, während souveränistische Nationalparteien in Rumänien bei insgesamt rund 40 Prozent liegen. Hüben, wie drüben, wie auch in der EU insgesamt, werden Regierungskoalitionen in der demokratischen Mitte daher besonders schwierig.
Das Herausgeberduo Peter Motzan und Michael Markel widmete seinen Sammelband 2003 „Deutsche Literatur Rumäniens und das Dritte Reich“ der Vereinnahmung und Verstrickungen. In schrittweiser Fortsetzung eines geopolitischen Fokussierungsvorgangs über jüngstes Zeitgeschehen in Osteuropa publizierte Mariana Hausleitner 2014 zur Rolle der Do-nauschwaben bis 1948 im rumänischen und serbischen Banat. Jungakademikerinnen wie Ingrid Schiel befassten sich in ihrer Dissertation mit dem Deutsch-Sächsischen Frauenbund in Siebenbürgen. Sie alle finden im vorliegenden Buch Berücksichtigung.
Diskussionsbedarf und Publikationen
Über den vereinfachten Zugang zu den Archiven im Osten hinaus vervollständigten Tagebuchaufzeichnungen damaliger Personen des öffentlichen Lebens das zeitgeschichtliche Mosaikbild. Doch auch im Internet-zeitalter, u.a. auf Wikipedia, setzt sich die seltsam heroisch anmutende Faszination von im Original vorliegenden Tagebucheinträgen des SS-Obergruppenführers Artur Phleps aus Birthälm/Biertan öffentlich durch. In einem Onlinebeitrag wurde ihm attestiert, er sei „kein militärischer Haudegen“ gewesen, sondern „ein aus hartem Holz geschnitzter geistig brillanter Generalstäbler“. Passend zur Behauptung wird dessen Foto in SS-Uniform veröffentlicht, inklusive Ritterkreuz und knappem Hitlerbärtchen. Als jene unkritische Berichtsform von mir zum Anlass genommen worden ist, doch eine kritische Diskussion über jenes historische Erbe zu führen, kam es – von einigen aufrichtigen Reaktionen abgesehen – auch zu persönlichen Sticheleien. Es folgte eine weitere, trotzig anmutende Veröffentlichung der Notizen von Robert Gassner, einem Zeitgenossen von Phleps, Räumungstreckleiter aus Nordsiebenbürgen 1944 und Gründungsvater der Siebenbürgensiedlung Drabenderhöhe nahe Köln.
Knapp zwei Monate nach meinem veröffentlichten Diskussionsbeitrag erschien anderweitig eine Replik dazu – u.a. mit einer besonders schwerwiegenden Behauptung über die Nationalsozialisten: „Die Transzendierung dieses Regimes, das heißt die negative Heiligsprechung, die auch in der Erklärung seiner Einmaligkeit zum Ausdruck kommt, ist eine schlechte Voraussetzung für eine nüchterne und realitätsnahe Beurteilung geschichtlicher Tatsachen und Prozesse.“ Einmalig ist das Nazi-Regime allerdings ausschließlich aufgrund des (industriell betriebenen) Holocaust. Implizit fernab geschichtlicher Tatsachen? Niemand verteufelt jenes Regime; dafür hat es doch selber gesorgt! Tragisch ist nicht nur, dass der Autor jener Zeilen die letzten Kriegsjahre doch bewusst miterlebt hat. Insbesondere tragisch ist zudem, dass dessen Behauptungen von gleich zwei hauptberuflich aktiven Redaktionen veröffentlicht worden sind, statt den Autor – ob seiner veritablen Lebensleistungen – vor Verbreitung solchen Gedankengutes zu schützen. Redaktionelle Nachlässigkeit? Auf sachlichen Hinweis hin wurde erst reagiert, als die in Deutschland rechtliche Brisanz verdeutlicht worden ist.
Fachleute in Deutschland wie auch in Rumänien sehen weiterhin öffentlichen Diskussionsbedarf – zuletzt geschehen bei einer Fachveranstaltung zur „Deportation nach ethischen Kriterien“ beginnend im Faschismus des 20. Jahrhunderts. Un-längst wurde dabei in Bukarest von Unterstaatssekretär Thomas [indilariu mitgeteilt: „Das Symposium soll Impulse geben, wie sich die Gesellschaft zu diesem Problem stellt“(die ADZ berichtete). Teil jenes Problemes ist, erkennbar, dass es heutzutage in der EU überhaupt besteht, bzw. tabuisiert wird. Verdeutlicht wird das durch den langen Werdeweg bis zur Entstehung des nun vorliegenden Bandes zur politischen Geschichte der Deutschen in Rumänien in den 1930er-Jahren.
Grundsätzliches
Ganz anders als von manchen behauptet – oder befürchtet? –, geht es nicht um die überzogene Verteufelung von unseren Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Auch bedarf es keiner Verhaltensänderung im Sinne eines Angepasst-Seins. Tatsächlich aber ist es eine gesellschaftliche Herausforderung, sich den kulturpolitischen Ereignissen in den 1930er-Jahren zu widmen, die ganz besonders mit der eigenen Ideengeschichte verwoben sind, beziehungsweise verwoben worden sind.
Im Fokus steht die Ideengeschichte von Deutschen, die fernab des nationalen Bezugsstaates inmitten wechselnder Obrigkeit, Regimen und Staatsformen, von jungen Jahren an überwiegend ein Sozial- und Geschichtsbewusstsein entwickelt haben, das Zusammengehörigkeit als existentiell über alles stellt, auch über jene, die der Gemeinschaft geschadet haben. Insofern ist eine gesellschaftliche Diskussion über das gemeinschaftliche Verständnis zur Selbstidentifikation, wie auch in Beziehung und zur Abgrenzung anderen gegenüber „etwas Grundsätzliches“, wie ein geschätzter Historiker mir zu beschriebenem Disput mitgeteilt hat. Gemeint ist die festigende Fortschreibung/Weiterentwicklung und nicht eine (oktroierte) grundlegende Änderung.
Das Risiko, dass jene Ideengeschichte politisch von Dritten, wie auch von Akteuren aus der eigenen Mitte vereinnahmt und missbraucht werden könne, besteht erneut. Eine gut geeignete Grundlage dagegen ist das kürzlich vorgelegte Buch des IKGS mit dem historisch verbürgten Begriff der propagierten sowie eigenständig organisierten Selbsthilfe im Nachgang wirtschaftlicher Depression. Die Eigeninitiative wurde gekapert und zur nationalen Erneuerung deklariert, die in den 1930ern einer erfolgreich starken Fremdsteuerung ausgesetzt war. Wie konnte es dazu komnen?
Regionale deutsche Entitäten und Volksgemeinschaft
Herrscher verbrachten schon immer Kolonisten gezielt in unterentwickelte Regionen: Holzfäller aus der slowakischen Zips kamen in die nördlichen Waldkarpaten entlang der Wischau, Landwirte kamen in sumpfige Regionen und machten die Banater Tiefebene urbar. Bergleute gründeten das Steierdorf Anina. Als die zur Kolonisierung eingeführten Privilegien vom russischen Zaren gestrichen worden sind, zog es etliche Bessarabiendeutsche über die Do-naugrenze in die Dobrudscha. Die regionalen deutschsprachigen Gemeinschaften hatten völlig unterschiedliche historische Hintergründe. Wie konnte unter jenen Umständen in dem noch jungen Großrumänien der 1930er Jahre dennoch die Idee der einen, deutschen, Volksgemeinschaft aufkommen?
Lesen Sie weiter am nächsten Freitag






