Der vormalige, nun emeritierte Soziologieprofessor Dr. Anton Sterbling, Träger des Donauschwäbischen Kulturpreises Baden-Württemberg 2025, Autor zahlreicher literarischer Produktionen, entstammt der Aktionsgruppe Banat… Sein 2025 im Ludwigsburger Pop-Verlag erschienener Band „Ungewissheiten heimwärts fliehender Krähen“ enthält Gedichte aus den Jahren 2020-2024, zusammengefasst unter dem Titel „Ungewissheiten zerbrochener Flügel“ sowie Kurzprosa, gefolgt von einem Nachwort (101-107), Drucknachweise (108) und Hinweise zum Autor (109).
Im Einführungsgedicht „Heimwärts fliehende Krähen“ präsentiert der Verfasser dem Leser ein scheinbares Abendidyll heimwärts strebender Vögel „Am wolkenbewegten,/ am sich verfinsternden Himmel der/ endlosen Tiefebene;/ Scharen heimwärts fliegender Krähen…/ Ein Nestsuchvorgang, der im Abend der Tiefe seiner Heimat dem Autor bestens bekannt war bzw. ist, denn Abendankündigung drängt zur ordentlichen ersehnten Nachtunterbringung – auch im Reich des Flügelvolkes.
Historischer Hintergrund mahnt an „Ungewissheiten dieser Stadt (Temeswar 2022) – einer multikulturellen, durch Sprachenvielfalt jahrhundertelang geprägten historischen Stadt, die trotz ihrer Geschichte mitunter Missverständnisse und Irrtümer freizugeben scheint. Die von dieser Stadt ausgehenden Erwartungen aller Art, gespickt von „Sprachentgleisungen und Sprachwundern“ dämmert am Rande der Puszta dahin. Ist es auch ein physischer Auszug aus dieser sonderlichen Stadt, mental blieb ihr der Autor „sofort, bald, immer/ und vielleicht/ doch nie/“– trotz Zweifel – fern.
Hat es den Autor in die Welt katapultiert? „Erinnerungen an einen dunklen Kuss“ (S. 13) erheben fragende Gedanken, ob der/ …endlose Kuss…dunkel/ und fremd, als sei der nie über/ irgendwelche Lippen gekommen,/ wie ein unverstandenes Wort./“ tatsächlich erfolgt sei…?
Und erneut bindet die „Stadt im Spätsommer“ Erinnerungen an bessere Tage, an denen trunkene Finger im Spiel übermütiger Bestrebungen verborgene Gefilde in Erkundungen zu durchsuchen bemüht sind.
In Schillers Gartenhaus – am runden Steintisch zu Jena – steigen zeitverlorene Erinnerungen auf, die in eine entschwundene Ära zurückgeleiten, doch über alle Zeiten die Ewigkeiten überdauern.
Intim – familiär – die Zeilen für Enkel Anton zum 2. Geburtstag 2018 – durch das Fenster blickend, durch das unaufhörlicher Zeitenablauf abrollt, begegnen wir in „Fenster“ (S.17).
Auf der Suche nach eigenen verflossenen Zeiten, nach dahingeschwundenen Zeitbrücken zu Zeitfetzen minimiert, schwindet die Vergangenheit wie die Vergänglichkeit dahin.
Bietet das Fenster losgelöste Zeitwolken? Wohl kaum; nach dem Fenster hinter der sanft träumenden Zukunft muss erst die kommende Zeit entscheiden.
Begrenzte Existentialität entspringt dem Text „Der verdämmernde Schrei“ (S. 19) anlässlich der Kenntnisnahme des Verfassers vom Tod seines Schriftstellerfreundes Richard Wagner. Der Daseinszweifel, die „verdämmernden Worte“ sowie der „aufhörende Atem“ drängt die Stille des Todes auf, die Entsetzen und Traurigkeit aus dem „Schrei im letzten Atemzug“ hinterlässt.
Auf ein historisches Ereignis von nachhaltiger Tragweite wird im Gedicht „Deportation 1945“ (S. 20) – der Verschleppung tausender unschuldiger Menschen in die UdSSR – Bezug genommen, Zeit vieler niemals wiederkehrender Mütter, die verwaiste Kinder und tote Väter und Söhne nach sich gezogen hatte. Lediglich „dunkle Wolken zieh’n mit den nordwärts fahrenden Zügen wie eine Ahnung des Todes.“
Daseinsfragen werden auch im Text „Sich im Dunkel verlierende Wortgestalten“ (S. 21) angesprochen – zurückgreifend auf düstere historische Ereignisse, die „erstarrt im Dämmerlicht/ im Dunkel“ der Zeit dösen. Doch in dieser verbleiben Wörter und Stimmen „noch bevor sie gedacht sind,/ drinnen in niemandes Ohr,/ verdunkeln im Nichts./“
Sich Auflösendes in bestehende Realität, Gedanken, die wie spiegelnde Seeuferlinien bis sanften Wellenschlag sich samt Uferrändern verflüchtigen, bietet „Uferlinien des Sees“ (S. 22) mit letztlich „zerspringen-de(n) Laute(n),/ der auseinanderfallenden/ Silben/.“
Vergänglichkeit in der Natur wie in menschlichen Beziehungen werden „Vom Abschied nach dem langen Sommer“ (S.23) angesprochen. So auch in „Spätsommerlicher Abschied im August“ (S. 24). Der Begeisterung des Übermutes, Wortgestammel „unsere unfertigen Sätze“, der Ernst der Gedanken vor uns beim Schlussakkord hinterlässt rasend ausufernde Gefühlsausbrüche vor dem „spätsommerlichen Abschied.“
Rettungserwartend trotz zerbrochener Flügel – quasi als bedrohter Existenzbestand werden im Text „Mit zerbrochenen Flügeln“ (S. 26) apostrophiert. Doch der Überlebenswillen „zum Absprung“ trotz Nachtfinsternis und zerbrochenen Flügeln“ stärkt den Daseinsdrang allemal.
Ähnlich auch die Sehnsucht nach Lebensfortbestand in „Traurige Flügel“ (S. 28); dafür reichen „zwei traurige Flügel“.
Gedächtnis- bzw. Kopfgrenzen – des Menschen stete Begleiter – pflanzen sich in dessen Gefühlswelt fort („Von der Grenze I“, S. 29).
Die Wirklichkeitsgrenze eines Dreiländerecks mit seinem geschäftigen Treiben – mit Bussen und Zügen – verheißt nichts Erfreuliches, denn dorthin gehören der Autor und seinesgleichen nicht mehr – wohl eine Anspielung an die verlassene bzw. verlorene Heimat („Von der Grenze II“, S. 30).
Die Fortsetzung der „Grenzgedanken“ wirft die Frage des „Wohin“ (S.31) auf. Gewiss sei nur, dass man von der Grenze komme. („Von der Grenze III“, S. 31). Die Grenzensbleiche, deren allmähliche Auflösung (im vereinten Europa) thematisiert wird, steht im Text „Von der Grenze IV“( S. 32) im Mittelpunkt. Nur die Landkarte verzeichnet noch die „eingezeichneten unvereinbaren Grenzen“, noch „in den Köpfen/ unzähliger Auswanderer/.“
Überlegungen des Autors, „wie weit man zu gehen gedenkt“ ist eine absichtsbedingte Mentalfrage, ob gehen im Sinne des sich Entfernens schlüssig wäre („Immer zu weit gehen“, S. 33). Letztlich spielt die Überlegung eine Rolle, ob man situationsbedingt vielleicht doch „viel zu weit gegangen“ wäre.
Der titelgebende Text „Ungewissheiten heimwärts fliehender Krähen“ (S. 34) befasst sich mit der Frage von Wegziehen und Wiederkehr ins eigene Milieu – ins heimatliche Haus, wo nun Fremde logieren, wenn das Gebäude überhaupt noch besteht bzw. den Verlust heimatlicher Geborgenheit – alles noch in den Erinnerungen präsent – „wie der heimwärts/ fliegender Krähen“ (S.36).
Die weisen Vögel – Krähen – die Stare und anderes Vogelgefieder erfreuen sich der spätsommerlichen Reife der Trauben, die Menschen hingegen suchen in den Kellern den gärenden Wein – als Sehnsucht nach der Fülle des vergangenen Sommers (S.37).
Bei allem Versagen materieller Art, beim Ausziehen-Müssen aus dem trauten Heim – etwas bleibt unauslöschlich erhalten: Erinnerungen (S.38).
Die zunehmende Pauperisierung gewisser Bevölkerungsschichten wird in „Über das Elend armer Leute“ (S. 39) thematisiert – ein unaufhaltsamer Vorgang – eine Polarisierungserscheinung unserer gegenwärtigen Gesellschaft.
Das Durchsetzungsbestreben modernster technischer Errungenschaften (Glasfaserkabel) durch den arbeitsbeflissenen Einsatz sich hitzebedingt quälender Fremdarbeiter, um noch schneller zur Verbreitung sinnlos scheinender Mitteilungen (S.41) beizutragen, ernüchtert den kritisch denkenden Verfasser (und nicht nur ihn).
Die ultimative Aufforderung des Autors, doch endlich Stellung zu beziehen zu diesen Gegebenheiten (Hörensagen, S. 42), nicht JA zu allem zu sagen, sondern etwas dazu sagen mögen, kritisch-konstruktiv Stellung zu äußern – endlich konkret Bürgerrecht und Bürgerpflicht zu beweisen, sei doch ausdrücklich und endlich wünschenswert.
Surrealistische Züge durchziehen die Kurzprosa, unausgesprochene „Sehnsucht im April – Spiel“ der Werte in einer Reminiszenz; früher vs. heute, eine oberflächliche Konversation – scheinbar mit ernsten Hintergedanken.
Tiefgreifender in „Freund-licher Besuch“ (S.49): Da erscheint plötzlich aus dem Nichts Franz Kafka im Studentenschlafraum; Befangenheit beim Autor – keineswegs; durch seine Höflichkeit und Friedfertigkeit ändert sich die Lage: Wie gekommen, so verschwunden – plötzlich. Die anscheinend verbliebenen Schatten raunen aus allen Ecken ratlos zu: „Gib auf!“ (S.50). Was wäre aufzugeben: weiterspinnende Überlegungen ob diverser Erscheinungsformen, das Auftauchen und Verschwinden von Gegebenheiten? Der Leser möge dazu eigene Reflexionen anstellen!
Diese stellt der Autor selber an in „Unter dem Nussbaum. Neben dem Brunnen“(S.51) – einst der Lieblingsplatz des verblichenen Großvaters, der „als Soldat im Ersten Weltkrieg, als Feldwebel der Doppelmonarchie“ diente, im Privatleben Maurer und Gewerkschafter. Der Großvater führte mit Frau und drei Kindern ein harmonisches Familienleben trotz bestehender Sorgen. Der Gedanke, dass „ich vielleicht mein anderer Großvater bin – oder ganz ein anderer Großvater – der Schriftsteller und Philosoph war“, lässt den Autor nicht los, denn der Großvater war in all seinen Gedankengängen wohl auch ein „Schriftsteller und Philosoph“.
War der Verfasser nicht auch in die großväterlichen Fußstapfen gestiegen – quasi „als ein anderer Großvater“? Nicht, dass ein Verdacht auf „Metempsychose“ aufkomme –, nur der simple Gedanke, doch so etwas Ähnliches sein zu können?
Die wiederholten Rufe seines Namens ignoriert er – ist er denn tatsächlich „ein anderer Großvater“ als „Philosoph und Schriftsteller“ und als ein Zeitgenosse der Ewigkeit, der Unvergänglichkeit, der Unumkehrbarkeit? Schlummert in dem eigenen Ich doch auch längst Vergangenes, Weiterlebendes?
Skurille - surrealistische Überlagerungen mit der in vielen Prosatexten des Autors aufscheinenden Symbolik der „Schwarzen Katze“ prägen den Text „ Eine unbedachte Begegnung am Wörthersee“(S.57).
In Erinnerung des Autors greifen zwei Personen mit Namensgleicheit – Anna Katharina – in das Geschehen ein, die ihm einst sehr nahestanden, die jedoch scheinbar eine verfremdete Fortsetzung, eine die Folge der anderen, sein sollte.
Ereignisse divergierender Art und Weise aus dem Werdegang des Verfassers werden ins Blickfeld des Lesers gerückt, was ihn in ein sympathisches, wenn auch mitunter in ein sonderbares – dubioses – Licht hievt.
Geschehnisse von vor 100 Jahren – eine Schiffskollision auf dem Wörthersee – geschickt aktualisiert ins Aktionsfeld gerückt, verleihen der Handlung einen Vergegenwärtigungseffekt, der den Ereignisablauf fraglich gestaltet.
Und – vor allem – das Erscheinen der überaus böse wirkenden „Schwarzen Katze“, die mit dem Unfall auf dem See – aber auch mit der Wiederbegegnung des Verfassers mit der anscheinend gealterten Anna Katharina symbolträchtig in Szene gesetzt wird.
Der zwischen und – noch besser – hinter den Zeilen zu erfassende Stoff bietet reichlich Motive zum Nach-und Überdenken desselben an, wenn man sich nicht mit der prima vista zufrieden gibt und bereit zu Analysen und Hinterfragung ist.
Unverkennbar erscheint die Handschrift des soziologischen Literaten oder auch des literarischen Soziologen – beide Appellative sind zutreffend –, denn diesbezügliche phasenhaft analytische Elemente durchziehen gleich einem roten Faden die vorliegenden Texte. Man sollte nur genau hinsehen.
Dem verlockenden (wissenschaftlichen) Angebot, aus einem zentralistisch-totalitären, von einem charismatischen Diktator regierten Staat für eine wissenschaftliche Tätigkeit Folge leistend, erlebt der Erzähler bereits bei der Einreise die gängigen Praktiken derartiger Staaten: Filzungen des Gepäcks wie der Person, Abnahme persönlicher Gegenstände und den persönlichen Abtransport in einem mit verdunkelten Fensterscheiben versehenen Spezial-PKW zu einer Villa für prominente ausländische Gäste, wohin man ihn für seine Folgetätigkeit abgeschirmt untergebracht hatte. Von den ihm für seinen Aufenthalt angebotenen weiblichen Geschöpfen entschied er sich für Eva, die ihm in der Erarbeitung seines von einer Kommission unterbreiteten wissenschaftlichen Auftrags behilflich sein sollte.
Es wurde ihm offenbart, eine dem Diktator gewidmete und in deutscher Sprache auf mindestens 800- Seiten verfasste wohlwollende Würdigung seines für sein Volk und sein Land getätigten Einsatzes in anerkennenden Elogen zu fassen. Evas Anregungen, sich doch aus den mit den Lobgesängen des Diktators gefüllten Regalen mit bereits erschienener Würdigungsliteratur zu dokumentieren, schien eine entsprechende Lösung zu sein. Trotz behördlicher Zufriedenheit mit der abgelieferten 811-Seiten-Arbeit, setzten bei der Heimreise des Wissenschaftlers Probleme ein, denn der unvorsichtigerweise nach der Möglichkeit von Evas Mitnahme in den Westen Fragende gelangte nicht mehr zur Ausreise, sondern landete über Jahre in einem Straflager.
Erst nachdem der Diktator ausgeschaltet war und der Wissenschaftler wieder in die Heimat zurückkehren konnte, musste er vom Ableben seiner Frau und Tochter Kenntnis nehmen, die im Zuge eines ungeklärt gebliebenen Autounfalls ums Leben gekommen waren. Aus dem von seiner Tochter hinterlassenen Brief erfuhr er, dass man in seiner Heimat Falschdarstellungen über ihn und gestellte verfängliche Fotos mit Eva sowie das von ihm verfasste Buch in einer Falschversion verbreitet hatte.
Dass nach solchen Vorkommnissen die Angst ein ständiger Begleiter des Wissenschaftlers blieb, ist natürlich nachvollziehbar, denn die dunklen Mächte des totalitären Regimes sind trotz Abgang des Diktators unter anderen Voraussetzungen weiterhin aktiv und omnipräsent.
Dieser Text ist – von allen in diesem Buch veröffentlichten – wohl der am ehesten wirklichkeitsnah scheinende. Lediglich drei Aspekte bleiben fraglich: erstens – würde ein erfolgreicher westlicher Wissenschaftlicher so einfach in ein totalitär regiertes (scheinbar im Osten liegendes) Land wechseln? Zweitens zeigte sich bei einem Empfang des Wissenschaftlers ein Double des Diktators, wenn überhaupt…? Drittens – die abstruse Frage, Eva in den Westen mitnehmen zu dürfen, die a priori sinnlos, weil ohne Erfolg wäre…
Natürlich: Literatur ist größtenteils eine fiktionale Abspulung, gewisse Überlegungen müssen bei solchen Darstellungsweisen schon in Betracht gezogen werden. Doch im übrigem sind die in diesem Text aufscheinenden Vorgänge realistisch und weisen auf Wirklichkeitspraktiken in totalitären Staaten zutreffend hin bzw. auf jene Tricks und Verschleierungen, die dort gang und gäbe sind bzw. waren.
Der Autor verarbeitet geschickt historisch-soziologische Gegebenheiten und Vorgänge, regt nachdrücklich zum Mit- und Nachdenken an und lässt Lösungen gezielt offen, damit der Leser seine Gedankengänge wie im epischen Theater weiterzuspinnen angeregt wird. Diese Texte beschränken sich demnach keinesfalls auf die simple Lektüre bzw. auf „zur Kenntnisnahme“, sondern erwarten vom anspruchsvollen Literaturkonsumenten weiteragierende Überlegungen, wie man die dargestellten Handlungen ausbauend vertiefen könnte – produktiv auslösende Literaturanspornung.
Die in der Ich-Form vorgelegten Texte fließen lesernah an den Interessierten vorbei und sprechen sie unverzüglich an –, als ob sie diese in die Handlungsdarstellungen einbinden, sie als Teil des Geschehens mitfühlen, miterleben lassen. Die einfache, verständlich – gezielt gebrauchte Sprache fesselt die Leserschaft ob der klaren Ausdrucksweise eines fließenden Stils, Neugier und Interesse erweckend.
Sterbling, Anton: „Ungewissheiten heimwärts fliehender Krähen“; Pop-Verlag Ludwigsbug, 2025, 112 Seiten, ISBN 978-3-86356-413-1





