Es gibt Romane, die erzählen eine Geschichte. Und es gibt Romane, die erzählen eine Lage. „Zerrissenheit“ gehört zur zweiten, selteneren Gattung: Er ist kein bequemes Gefährt, das den Leser von A nach B bringt, sondern ein nervös zitternder Textkorpus, der ansetzt, die Risse der Gegenwart erfahrbar zu machen – im Privaten wie im Historischen, im leidenschaftlichen Begehren wie in den Archiven, im Traum wie in der nackten Realität. Der Titel ist dabei weniger Behauptung als Diagnose: Zerrissen ist hier nicht nur ein Herz, nicht nur eine Nation, nicht nur ein Ich. Zerrissen ist die Welt, wie sie sich heute anfühlt, wenn man ihr nicht mit dem Beruhigungsmittel einer linearen Erzählung beikommen will.
Zoltán Böszörményi, dieser ostmitteleuropäische Grenzgänger, dem man nachsagt, alles Existenzielle dem Diktat des Ästhetischen zu unterwerfen, hat einen Roman geformt, der die Formen der Ordnung zwar kennt, sie aber nicht mehr glaubt. Seine Bühne ist transnational, seine Figuren sind es ebenfalls: Toronto, Paris, Budapest – nicht als touristische Kulissen, sondern als Koordinaten einer inneren Geosubjektivität, in der die bürgerliche Oberfläche jederzeit in den Abgrund kippen kann.
Die bürgerliche Oberfläche: Toronto
Wer bei den ersten Seiten noch denkt, er befinde sich in einer klugen, leicht sardonischen Eheroman-Konstellation, wird bald merken, wie das Material unter der Hand zu glimmen beginnt. Im Zentrum steht Melanie V. Templeton, kanadische Psychologin, deren Ehe mit dem Rechtsanwalt Richard Vaughn in einer Kälte erstarrt ist, die nicht nur emotional, sondern weltanschaulich wirkt. Richard flüchtet in Spott, Abenteuer und in eine Affäre mit der Studentin Susan (Susi) Lang. Melanie sucht ihrerseits Bestätigung in eigenen, rauschhaften Affären – bei Paul Harding, dem „gehemmt-intellektuellen“ Philosophieprofessor, und beim obsessiven Studenten Kenneth (Kenny) White.
Das ließe sich – wäre Bö-szörményi ein traditioneller Realist – als psychologisch ausgeleuchtetes Sittenbild eines saturierten Milieus lesen: Intellektuelle, die die Freiheit predigen und die Bindung verlernen; Körper, die sich finden, ohne sich zu erkennen; Beziehungen, die nicht mehr scheitern, sondern ausfransen. Aber „Zerrissenheit“ hat ein anderes Ziel als eine bloße Milieusatire. Der Roman legt in diese Konstellation um Melanie eine zweite, dunklere Spannung: Susi, die Geliebte Richards, wird später Patientin der Ehefrau. Und mit dieser beklemmenden Überkreuzung von Intimität und Profession, von Wissen und Schweigen, wird das Moralische nicht als Haltung, sondern als Zumutung erzählbar.
Susan ist zudem nicht „nur“ die Studentin in einem Liebesviereck. Ihr Trauma schlägt im Roman eine klaffende Wunde: Eine Gruppenvergewaltigung, die sie lustvoll empfunden hat, woraufhin Scham und Selbstekel sich in ihr festsetzen wie ein zweites Nervensystem. Hier zeigt sich eine große Stärke des Buches: Es drängt nicht auf billige Empörung und lässt keine woken Deutungsmuster zu, sondern beharrt auf der Unmöglichkeit, mit solchen Erfahrungen sauber zu leben. „Zerrissenheit“ ist in diesem Sinn kein Pathoswort, sondern der Name eines Zustands, in dem Halt gebende Kategorien aufweichen und versagen.
Die Fragilität des Schriftstellerdaseins
Parallel dazu öffnet der Roman einen zweiten Hauptstrang, der den ersten nicht illustriert, sondern unterläuft: Thomas Larringen, kanadischer Schriftsteller, leidet an Schreibblockaden und an der „Bedeutungslosigkeit der Literatur“. Seine ungarischstämmige Ehefrau Eva, Immobilienmaklerin, ist pragmatisch, erfolgreich, monetär geerdet. Hier prallen nicht nur Temperamente aufeinander, sondern moderne Lebensformen: das prekäre, selbstzweifelnde Schreiben und die effiziente, reich belohnte Praxis. Man kann darin eine leise, bittere Komik erkennen – und zugleich eine der ernstesten Fragen des Romans: Was kann Literatur noch, wenn die Welt in Echtzeit brennt und die Wirklichkeit den Plot permanent überholt?
Thomas findet schließlich einen Durchbruch, schreibt den Roman und wird erfolgreich – aber Böszörményi gönnt dieser Auflösung nicht den Trost eines klassischen Künstlerromans. Denn was sich hier „durchsetzt“, ist nicht die Schriftstellerexistenz, sondern die Einsicht in ihre Fragilität. Schreiben ist nicht der Rückzug aus der Welt, sondern eine Form, in ihr zu verbleiben, ohne sich von ihr endgültig verschlucken zu lassen. Thomas’ Tagebuchreflexionen (eine Art Selbstkommentar im Text) geben dem Roman jene metapoetische Schicht, die durchaus riskant sein kann, hier aber überzeugt: Der Text denkt über sich nach, während er geschieht.
Archive schneiden ins Private: Trianon und Holocaust
Und dann passiert das, was diesen Roman von vielen Gegenwartsbüchern unterscheidet: Die Geschichte tritt nicht als Hintergrund auf, sondern als Schockwelle, die in die intimsten Räume hineinläuft. Böszörményi montiert dokumentarische Passagen – die „Dark Chapters in a Bloody History“ – in die erzählte Gegenwart hinein. Ungarn nach 1920, das Trauma von Trianon, das amputierte Land, die verwundete Nation. Das ist psychische Realität, die sich über Generationen fortsetzt. Diese seelische Verwundung zeitigt ein kulturell gespeichertes Affektreservoir, das die gegenwärtige Kommunikation mitprägt und in transformierter Form persistiert: als diffuse Gereiztheit, als identitäre Überkompensation, als politisch artikulierter Erinnerungsaffekt – auch in dem den meisten von uns gut bekannten Siebenbürgen, das übrigens im erzählerisch-dokumentarischen Diorama mit Verwerfungen aus der Zeit des Nationalkommunismus ebenfalls eine Signatur bildet.
Bemerkenswert ist dabei, wie der Roman das Dokumentarische nicht zur moralischen Keule macht, sondern zur Störung. Da steht etwa die berühmte Pariser Erwiderung des Grafen Albert Apponyi auf das „Fallbeil“ von Trianon wie ein emotionales Klagelied im Text, nicht so sehr um aufzuklären, sondern um zu zeigen, wie politischer Verlust in Sprache gerinnt und zum wiederholbaren Emotionsbeben wird.
Noch härter ist der Schnitt, wenn der Roman den Holocaust in Ungarn verhandelt und dabei den Blick auf eine Figur fokussiert, die im populären Gedächtnis oft nur am Rand auftaucht und selbst Historikern wenig bekannt ist: Edmund Veesenmayer, Hitlers Generalbevollmächtigter für Ungarn und Komplize Eichmanns. Bei Veesenmayer ist das Böse nicht banal, sondern, es sei mir erlaubt, „intellektuell-kultiviert“. Der Übersetzer Hans-Henning Paetzke hat brisante deutsche Originaldokumente aus US-amerikanischen Militärarchiven beschafft, statt den Umweg über die englischen Texte zu gehen, die im ungarischen Originalroman verwendet wurden. Das ist nicht nur editorisch interessant; es ist auch poetologisch bezeichnend: Hier soll die Sprache des Verbrechens in ihrer eigenen Kälte hörbar werden, als ein Dokument, das nicht warm erzählt, sondern eisig stempelt.
Paris – Traumwirklichkeiten
Wenn Toronto die Bühne der bürgerlichen Selbsttäuschungen ist, dann ist Paris der Ort, an dem die Wirklichkeit selbst ihre Konturen verliert. Kenny White und der Informatiker Fredy Bloom reisen gemeinsam. Bloom ist eine Joyce-Anspielung, die der Text mit Vergnügen aufscheinen lässt, selbst die Väter der beiden Roman-Blooms, Fredy und Leopold, sind ungarischstämmig (sie heißen Virág, ungarisch Blume). Die Freundschaft von Kenny und Fredy ist „fast symbiotisch“, ihre sexuellen Eskapaden wirken wie Grenzerkundungen, in der Identität als etwas Fluides, Wechselndes, als Maskenspiel erscheint.
Die Paris-Passagen sind der Ort, an dem „Zerrissenheit“ seinen „metaphysischen“ Nerv freilegt: Traumwirklichkeiten heben die schnöde Realität aus den Angeln, Wahrnehmungsmuster kippen. „Er-Leben“ spielt sich in der Innenschau der Vorstellung ab, nicht in der Realität der Außenwelt. Der Roman wagt hier etwas, das in der Gegenwartsprosa selten geworden ist: Er nimmt das Traumhafte nicht als dekoratives Surrealaccessoire, sondern als Erkenntnisform ernst. Nicht: „es war alles nur ein Traum“, sondern: Die Traumlogik ist die Wahrheit des Zerrissenen, weil sie nicht mehr behauptet, dass die Welt kohärent sein müsse.
El Chapo trifft Dante: Die moral-philosophische Fabel
Und als wäre das nicht genug, öffnet Böszörményi noch eine weitere Bühne des Unmöglich-Möglichen, des Irreal-Realen. Der mexikanische Drogenbaron Joaquín „El Chapo“ Guzmán, Symbol des globalisierten Bösen, wird in einen imaginären Dialog mit Dante, Augustinus von Hippo und Voltaire gestellt. Man kann darüber die Stirn runzeln – oder man kann verstehen, dass der Roman hier eine alte literarische Form reaktiviert: die moralphilosophische Fabel, das Gespräch der Zeiten. Nur dass es bei Böszörményi nicht in der Studierstube stattfindet, sondern im Schatten transnationaler Gewaltökonomien.
Gerade in solchen Passagen zeigt sich die besondere Energie des Buches: Es hat keine Angst vor großen Namen, keine Angst vor Theologie, Philosophie, Aufklärung, Höllenreise – aber es benutzt diese Traditionsbestände nicht als Bildungsornament. Sie werden zu Stimmen im Chor des Weltkommentars, zu Widerhaken im Text, an denen die Gegenwart hängenbleibt. Das Böse erscheint nicht als psychologischer Defekt einzelner, sondern als System, das sich global organisiert und lokal zerstört. Und die Ethik? Sie taucht nicht als moralische Instanz auf, sondern als Debatte, als Streit, als unabschließbarer Versuch, dem Ungeheuren die Sprache der Humanität und Vernunft entgegenzusetzen.
Polyphonie statt Regelwerk
Das Was ist wichtig, bekanntlich ist aber in literarischen Fragen das Wie entscheidend! „Zerrissenheit“ ist polyphon, hybrid, montiert. Szenische Darstellung und personale Innenperspektive, auktorialer Kommentar und Ich-Moment, Dialogdominanz und innerer Monolog, Binnenerzählungen, Briefe, Tagebücher, Archivmaterial – der Roman baut mutig eine Ästhetik der Schichtung auf, die nicht glättet, sondern zeigt, dass Glätte heute eine Lüge wäre.
„Welt ist Text, Realität ist Text, Leben ist Text, Bewusstsein ist Text, Literatur ist Text: ALLES ist Text und ohne Text ist alles nichts!“, das ist laut Pressemitteilung des Verlags das Credo Böszörményis. Literatur wird nicht als Abbild, sondern als Produktionsstätte von Wirklichkeit verstanden. Wenn alles zerrissen ist, bleibt nur das Gewebe der Texte, das man neu knüpfen kann – nicht um zu heilen, sondern um zu erkennen, zu verstehen.
Die „rhizomische Erzählarchitektur“ (Deleuze/Guattari) ist dabei mehr als ein Modewort: Man spürt, dass der Roman bewusst nicht-hierarchisch denkt, dass er Erkenntnis aus dem Verfahren gewinnt. Über 40 intertextuelle Figuren – von Epikur bis Augustinus, von Kant bis Wittgenstein, von Newton bis Hawking, von Goethe bis Roberto Bolaño – treten auf und formen den romanhaften Diskurs der Weltdeutung mit. Der Text vertraut darauf, dass die Wahrheit der Gegenwart nur als Vielstimmigkeit erreichbar ist: nicht als These, sondern als Simultaneität.
Das ist, ästhetisch, ein Wagnis. Denn Polyphonie kann kippen: in Überfülle, in ein Name-Dropping der Gelehrsamkeit, in einen Text, der mehr will als er trägt. Aber genau hier entscheidet sich Böszörményis Rang: Wenn er die Vielheit nicht nur ausstellt, sondern zwingend macht, indem er den Erzählakt selbst als existenzielle Grenzerfahrung formuliert. Eine der Figuren, der Schriftsteller Thomas Larringen, umreißt Schreiben als: „Ekstase, Verzweiflung, kühner Flug der Gedanken, Feuer und Leidenschaft, metaphysisches Vibrieren… Reise in die Tiefe der Hölle…“ Das klingt groß – und es ist groß gemeint. Aber es ist nicht großsprecherisch, weil der Roman zugleich die Kosten dieses Schreibens zeigt: das Ausgesetztsein, das Nicht-zu-Ende-Kommen, die Erschöpfung.
Lesen, um ab- oder einzuschalten?
Man liest „Zerrissenheit“ nicht, um abzuschalten. Man liest den Roman, weil er dem Leser Einschalten zumutet: das gleichzeitige Denken von Individuum und Geschichte, Intimität und Politik, Traum und Dokument. Seine Figuren sind keine Sympathieträger im üblichen Sinn; sie sind Versuchsanordnungen des Menschlichen. Man kann sie verurteilen, man kann sie bemitleiden, man kann sie analysieren – aber man entkommt ihnen nicht, weil ihre Zerrissenheit die eigene berührt: Nämlich die Erfahrung, dass Identität nicht mehr als fester Besitz, sondern als permanent zu verhandelnder Zustand existiert.
Wer literarische Gegenwart sucht, die nicht mit Aktualität verwechselt werden kann, sondern mit einer Form, die der Gegenwart gewachsen ist, wird hier fündig. Der Roman verbindet – so scheint es – eine dokumentarische Härte mit einer metaphysischen Unruhe, die selten zusammengehen: Archive und Albträume, Historie und Erotik, Theorie und psychische Verletzbarkeit.
Und vielleicht ist das die eigentliche Verführung dieses Buches: Es macht Lust aufs Lesen, nicht, indem es verspricht, alles zu erklären, sondern indem es zeigt, dass Literatur noch immer etwas kann, was kein Kommentar, kein Essay, keine Nachricht, kein Sachbuch ersetzt: Die Widersprüche auszuhalten, ohne sie zu verraten. „Zerrissenheit“ ist ein Roman, der eine Welt zeigt, in der niemand ganz unschuldig ist und niemand ganz verloren. Und der dennoch an einer Möglichkeit festhält: Dass aus Fragmenten, Stimmen, Dokumenten und Träumen ein Text entsteht, der nicht tröstet – aber aufklärt. Nicht beruhigt – aber wach macht. Und der überraschend versöhnlich sowohl für Melanie Templeton als auch für Thomas Larringen mit einem Neuanfang und mit Befreiung endet.
„Zerrissenheit“, Zoltán Böszörményi, aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke, Pop Verlag, Ludwigsburg 2026, ISBN 978-3-86356-429-2.
Zoltán Böszörményi
Wenn man sich einer Persönlichkeit wie dem bedeutenden ungarischen Schriftsteller Zoltán Böszörményi multiperspektivisch nähert, entsteht ein vielschichtiges Gesamtbild. Ausgehend von seiner Vertreibung und Flucht aus Rumänien über das Leben in Kanada und die späte Heimkehr in die alte Heimat bis hin zu seinem heutigen multipolaren Leben an mehreren Standorten der Nordhalbkugel erscheint er als Wanderer zwischen den Welten – als Odysseus unserer Zeit. Sein Philosophiestudium und die intensive Auseinandersetzung mit der strukturierten Reflexion über Sein und Erkenntnis qualifizieren ihn als Philosophen. In seinen Jahren als außerordentlich erfolgreicher Mittelständler erwies er sich als geschickter und durchsetzungsstarker Unternehmer. Seine Förderung von Kunst und Literatur in seinem Verlag sowie in seinen Zeitungen und Zeitschriften zeichnet ihn als beherzten Mäzen aus. Über allem jedoch steht seine Leidenschaft und Unermüdlichkeit für die literarische Welterfassung und die ästhetische Lebensbewältigung – eindrucksvoll bezeugt durch seine zahlreichen auf Ungarisch und in Übersetzungen erschienenen Lyrik- und Prosaveröffentlichungen.
Zoltán Böszörményi wurde 1951 als Mitglied der ungarischen Minderheit in Rumänien im siebenbürgischen Arad geboren. Er emigrierte infolge von Repressalien durch die rumänische Geheimpolizei (Securitate) aus Rumänien. Sein Weg führte ihn 1984 nach Kanada; dort studierte er von 1986 bis 1991 Philosophie an der York University in Ontario. 1993 gründete er nach seiner Rückkehr nach Rumänien die Firma Luxten Lighting Company SA und macht aus ihr einen landesweit bedeutenden Branchenakteur. Auch in anderen Bereichen ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Zoltán Böszörményi ist Eigentümer der Tageszeitung „Nyugati Jelen“. Er ist Gründer (2001) und seitdem Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Irodalmi Jelen“ (Print und online) sowie des dazugehörigen Buchverlags. Von 2021 bis 2025 war Zoltán Böszörményi Präsident des Ungarischen PEN-Clubs.
Auf Deutsch sind – außer dem Roman „Zerrissenheit“ – folgende Prosabände bzw. Romane erschienen: „In den Furchen des Lichts“, Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 2016;„Notlandung“, Mitteldeutscher Verlag, 2019; „Immer, wenn ich meine Augen schließe“, Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale; „Weicher Körper der Nacht“, Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 2022.






