Laudatio für Tobias Pagel zum Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026

Dietrich Machmer | Foto: Werner Kremm

Hier ihr Wortlaut:

Alle,
die, wie Rolf Bossert,
unbegrenztes Vertrauen in die Macht der Poesie haben,
können sich heute uneingeschränkt
mit unserem diesjährigen Preisträger Tobias Pagel
über den Rolf-Bossert-Gedächtnispreis freuen.
Freuen, dass es diesen Preis gibt,
dass wir an einen virtuosen, für immer jungen Dichter erinnern,
und heute einen ebenso virtuosen, immer noch jungen Dichter
mit diesem Preis ehren.

Tobias Pagel
wurde 1981 in Sigmaringen geboren,
hat in Tübingen studiert,
und lebt und arbeitet heute als Autor und Lehrer in Konstanz.
2017 war er Finalist beim Open Mike in Berlin
und beim Leonce und Lena-Preis in Darmstadt,
und Stipendiat des Förderkreises deutscher Schriftsteller:innen
in Baden-Württemberg.
Seither hat er zahlreiche Gedichte veröffentlicht
in Anthologien und Zeitschriften,
u. a. in die horen, metamorphosen und konzepte,
sowie in seinem 2022 erschienenen Gedichtband flüchtiges licht,
und im 2025 erschienenen zweiten Gedichtband hellfelder.
Außerdem erschien 2020 im Westermann-Verlag sein Sachbuch
Gedichte schreiben – 50 kreative Impulse.
2020 erhielt er außerdem den Feldkircher Lyrikpreis,
und jetzt, 2026, ist Tobias Pagel der siebte Preisträger des
Rolf-Bossert-Gedächtnispreises.

surroundings,
so der Titel seiner sieben eingesandten Gedichte,
darin Zeilen wie:
die langsam verlöschende grammatik der stadt ...
die innenstadt, ein archipel verlassen ...
thousand places to see before you die ...
störsprech im cafè …, oder:
gewitter
sind möglich aber unwahrscheinlich wie orte,
wo man sich begegnet ...

the place to be,
so der Titel einer weiteren Gedichtsammlung von Tobias Pagel,
die 2023 in der heftreihe phase02 vom Förderkreis der
Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg erschienen ist, darin:
du siehst den ort …
die partitionen, planquadrate, parallelen …
du siehst: im niemandsland: flurbereinigte landschaftsreserven …
vor-orte … dislozierte heimatsplitter ...
Ich sehe die Orte,
die Tobias Pagel in seinen Gedichten beschreibt,
als Lagebeschreibungen seiner real existierenden Heimat-,
wie auch seiner Sehnsuchtsorte,
als Zustandsbeschreibungen äußerer, wie innerer Räume,
als Orientierungsmöglichkeiten auf unbekanntem Terrain,
als Umgebungen seines lyrischen Ich.

surroundings:
Umgebungen, Umland, Gegend,
oder auch Umwelt, Milieu, Umfeld,
im geografischen, natürlichen oder sozialen Sinne also
der Bereich, die Bedingungen, die Atmosphäre
um einen Ort oder eine Person.
Eine Umgebung ist das Formular für Inhalt.
Eine Umgebung ist eine Besonderheit des Unentschlüsselbaren.
Eine Umgebung ist eine Gegenwortanlage.
So schreibt der von mir sehr geschätzte Dichter Ron Winkler,
in seinem neuesten Gedichtband Unterwegs in der Verformung,
so schön treffend:

Gegenwortanlagen,
sind die poetische Möglichkeit der Kommunikation
des lyrischen Ich mit der Welt
in einem schwer auflösbaren Spannungsfeld
zwischen Innen und Außen,
zwischen Phantasie und Realität,
zwischen Möglichkeit und Einschränkung.
Durch die Gegenwortanlage
hören wir in Tobias Pagels Gedichten Sätze wie:
… vom hörensagen
verschoben sich dann die laute im schlaf
unter meiner zunge tektonische platten
während ich langsam aus der haut fuhr.
Wir hören:
… man sucht und sucht
und findet unterm gedankenstrich nur leere
leere in einem endlos großen rahmen.
Wir hören die Konfrontation, den Konflikt,
den der Autor, der einzelne Mensch,
mit der Umwelt, der Gesellschaft, in diesen Worten austrägt.
Man könnte sagen, sie stehen sich Auge in Auge gegenüber,
und vielleicht sind sie gerade nicht besonders glücklich miteinander,
vielleicht tragen sie gerade einen Kampf aus,
vielleicht sind sie in ihrem Spannungsfeld gefangen.
Alle kennen dieses Dilemma:
Wie tritt die einzelne Person
den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart,
den planetarischen Problemen gegenüber?

Zum Glück gibt es
die befreiende Kraft der Sprache, der Poesie, der Debatte.
Ich möchte in diesem Zusammenhang erinnern
an den kürzlich verstorbenen Soziologen Jürgen Habermas,
der mit seinem berühmten Satz
Mein letztes Motiv ist die befreiende Kraft des Wortes,
zwar eher auf die politische Debatte,
als auf die Poesie abzielt,
im Grunde aber eine Variante des eingangs erwähnten Satzes
von Rolf Bossert formuliert.
Ich habe unbegrenztes Vertrauen in die Macht der Poesie.
Dieses Vertrauen und die Phantasie,
hier und da Spannungsfelder aufzulösen,
Grenzen zu überwinden,
Neuland zu betreten,
haben wir, eine Mehrheit der Jury,
in Tobias Pagels Gedichten gefunden, und entschieden,
aus der Vielzahl der Einsendungen, ihn und seine Gedichte
mit dem Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026 zu ehren.
Im Namen der Jury:
Herzlichen Glückwunsch, Tobias Pagel!