Lesespaß: Der Flickschuster

 

Meine lieben Söhne, beide über zwanzig, treten sich gegenseitig auf die Füße. Bei diesem intelligenten Spiel wurde dem Ältesten der Absatz seines eleganten schwarzen Schuhs abgerissen. Das muss der Vater natürlich wieder in Ordnung bringen, und die beste Gelegenheit dazu bietet eine Reise in die Heimat, ins Billiglohnland Rumänien.

Im Zentrum von Bukarest gibt es aber weit und breit keine Schuster mehr. Beim Übergang zur Marktwirtschaft wurden sie durch exquisite Modegeschäfte und Parfümerien ersetzt. Auch in den Randbezirken halte ich die Augen auf, kann aber keinen sehen. Auf meine Frage nach einem Flickschuster antwortet ein junger Mann etwas herablassend: „Solche Berufe gibt es bei uns nicht mehr.“ Ein altes kundiges Mütterchen führt mich zu einem Plattenbau. Über dem Eingang steht auf einem handgeschriebenen Plakat: „Repariere alle Schuhe, gut und günstig.“ Das scheint doch die richtige Adresse zu sein. 

Ich drücke auf die Klingel. Eine bellende Stimme fragt per Interphon: „Was wollen Sie?“ – „Einen Schuh reparieren.“ – „Kommen Sie in die zehnte Etage“, lautet es barsch. Der Eingang ist, wie in sozialistischen Wohnblocks üblich, schummrig. Ich taste mich zum Aufzug vor. Die Aufzugtüren klappen auf und zu. Ich starte und bleibe nach kurzer Fahrt zwischen den Etagen stecken. Das ist nicht tragisch. Man darf nur nicht in Panik geraten. Nach mehreren Versuchen ist das Ziel erreicht. Im Dunkeln finde ich ohne Wegweiser die Tür der Schusterei. Ich klingle – Keine Antwort. Ich versuche es noch einmal. Da ertönt die schon vertraute schroffe und verärgerte Stimme: „Kommen Sie rein!“

Ich blicke direkt in eine kleine Küche. Auf der einen Seite kocht eine alte Frau das Mittagessen, auf der anderen hat der Schustermeister seine Werkstatt eingerichtet. Er ist wohl über 70. Streng schaut er mir in die Augen. Ich schildere schnell mein Problem. „Acht Lei!“ wird der Preis kurz verkündet. Ich weiß, dass ich wegen der Inflation noch vier Nullen hinzufügen muss. Das sind aber trotzdem nur zwei Euro. „Ja“, sage ich, „aber können Sie es sofort machen?“ Das versteht der Alte als Schachzug, um ihn herunter zu handeln. „Sieben Lei“, zeigt er sich flexibel. Ich erläutere, dass ich bereit bin, die geforderten acht zu zahlen, wenn er nur den Schuh sofort repariert. „Was stellen Sie sich vor?“, fragt er entrüstet, „ Ich arbeite nur für schwere Leute. Schauen Sie – Anwälte und Banker.“ Als Beweis holt er eine Sammlung vergilbter Visitenkarten hervor.

Ich will keineswegs die Bedeutung seiner Kundschaft anzweifeln, möchte aber nicht noch ein zweites Mal kommen. Ich müsse verreisen und zeige daher auf meinen großen Koffer. Darin ist die aus Deutschland mitgebrachte gebrauchte Kleidung für meine alte Tante. Der Meister der schweren Kundschaft zeigt nun Verständnis und ist bereit, meinen Schuh bevorzugt zu behandeln. Während der Wartezeit nutze ich draußen weitere Angebote des Billiglohnlandes und lasse mir in der Nachbarschaft die Haare für 1,25 Euro schneiden. Nach einer Stunde kehre ich zurück, um den Schuh abzuholen.

In der Wohnung ist das Mittagessen anscheinend verspeist. Die Frau liegt im ungemachten Bett. Ein gutes und ein schlechtes Zeichen: Der alte Schuster hat unseren Schuh auf seinen Knien. Das bedeutet, dass er daran arbeitet, aber noch nicht fertig ist. Um den moralischen Druck zu erhöhen, frage ich trotzdem: „Wie sieht es mit meinem Schuh aus?“ – „Schauen Sie, mein Herr, gewöhnlich halte ich mein Wort, jetzt sind aber andere Leute über mich gekommen. In fünf Minuten bin ich fertig.“ 

Das Warten nutze ich, um meine geheime Absicht zu verwirklichen, ein Foto vom exotischen Schusterladen zu schießen. „Ha!“, sagt der Alte, „ein Foto in meiner Wohnung, das habe ich noch nicht erlebt.“ Dadurch ist das Eis gebrochen. Mein Gegen-über fragt, wohin ich verreise: „In die Bukowina“, antworte ich. „Kenne ich“, sagt er, „habe meinen Militärdienst 1950 dort gemacht. „Bei welcher Truppengattung?“, will ich beiläufig wissen. – „Bei der Securitate“, lautet die Antwort. Ich schlucke, obwohl er fast entschuldigend hinzufügt: „Ich war nur in der Verwaltung tätig.“ Nun steht einer der verhassten kommunistischen Schergen vor mir! Meine Neugier ist aber stärker. Ich frage weiter: „War es schwer?“ „Schwer war es schon“, erwidert er und klopft dabei kräftig auf den Schuh, „War auch am Kanal.“

Ich horche auf. Der Kanal war das Mammutprojekt, das die rumänischen Kommunisten nach dem Vorbild des sowjetischen Weißmeer-Kanals sofort nach der Machtergreifung starteten. Dieser Kanal sollte den Schifffahrtsweg über die Donau ins Schwarze Meer um einige Kilometer verkürzen. Nachdem Tausende politischer Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen umgekommen waren, wurde der Bau eingestellt. Man erkannte, dass das ganze Gebiet bei Vollendung des Kanals überflutet worden wäre, da es unter dem Meeresspiegel lag. Historiker fragen heute, ob das einzige Ziel des Vorhabens darin bestand, eine ganze politische Klasse zu vernichten.

„Haben Ihnen die Häftlinge leid getan?“ frage ich den Securitate-Schuster. „Wieso?“ ist er überrascht, „Habe sie doch nicht da eingesprerrt. Sie hatten Dummheiten gemacht. Meine Aufgabe war lediglich, sie zu bewachen. Hab ich gemacht. Zwei wollten flüchten. Sie hatten sich versteckt und mit Erde bedeckt. Ich habe sie aber sofort entdeckt.“ Ich wage gar nicht zu fragen, was er mit den Unglücklichen gemacht hat – vielleicht erschossen? Anscheinend ist die Einsicht in die eigene Schuld auch in Rumänien nicht weit gediehen. Was ist aber Schuld? 1950 war unser Schuster ein junger Mann aus einer armen Bauernfamilie. Die Kommunisten haben ihm die Chance zum Aufstieg gegeben. Er hat es bis zum Feldwebel gebracht. Eine Rente kriegt er auch und ist damit zufrieden. Warum arbeitet er denn noch? „Etwas muss der Mensch doch tun.“ 

Ich will noch wissen, was er von Ceau{escu, dem Diktator, hält. „Die Historiker sollen über ihn urteilen. Ich muss Ihnen aber aufrichtig sagen, mir tut er leid.“ Aus dem Nebenzimmer ertönt die Stimme der Frau: „Mein Herr, mit meinem Mann werden Sie nie zum Bahnhof kommen. Wenn der anfängt zu erzählen, hört er nicht mehr auf.“ 

Tatsächlich scheint der Meister mit seiner Arbeit fertig zu sein und klopft nur noch hie und da auf dem Schuh herum, um das Gespräch fortzusetzen. „Wissen Sie“, sagt er, „gewöhnlich spreche ich nicht über die Vergangenheit. Das führt nur zu Streit. Mit Ihnen kann man sich aber unterhalten. Sie sind ein feiner Herr.“ Er findet mich also sympathisch und mir gefällt er in seiner schnoddrigen Art eben-falls. Hätte dieser Sympathiefunken auch 1950 eine Chance gehabt, überzuspringen?

Jetzt ist er endgültig fertig. Er überreicht mir den Schuh und richtet sich mühsam auf. Das Gespräch hat ihn belebt: Er kommt mir ganz nah und schreit mir ins Gesicht: „Kompanie, habt acht!“ Ich schaudere. Er ist aber nur ein alter Mann, der wacklig vor mir steht. Die dunklen Zeiten sind vorbei. Hat es sie wirklich gegeben?