Verwandlungen des Gewöhnlichen

Zu Carmen Elisabeth Puchianu: „Albumbilder – Geschichten“, Berlin, Paramon 2026

„Es irrt, wer immer strebend sich bemüht, das Alltägliche zu verkennen, denn gerade dies, das Unauffällige, scheinbar Gesichtslose, tausend und abertausendmal Erblickte ist ganz und gar außergewöhnlich.“ 
(Kunert, Günter: „Lübecker Straße 13“. In: Neue Literatur 9/1971, S. 81–83)

Wie wir es aus den bisherigen Erzählwerken der rumäniendeutschen Schriftstellerin Carmen Elisabeth Puchianu kennen, setzen ihre Texte mit scheinbar gewöhnlichen Geschichten an, die eine surrealistische Wendung zum Außergewöhnlichen durch die Wahrnehmung der Protagonistinnen und Protagonisten erfahren. Treffend formuliert Kunert, dass sich das vermeintlich Gewöhnliche, Unauffällige, plötzlich, ja ins Absurde, Fantastische, sogar Groteske verkehren kann. Die Wahrnehmung verschiebt sich, gerät ins Flirren, verzerrt sich.

Der neue Prosaband von Carmen Elisabeth Puchianu, 2026 im Berliner Paramon-Verlag erschienen, vereint zehn Erzählungen. Die ersten vier Texte – teilweise bereits zuvor veröffentlicht – bilden den Vorspann und fungieren zugleich als Übergang zu den eigentlichen „Albumbildern – Geschichten“, einer Serie von Prosaimprovisationen, die eine Sammlung von Erfahrungen und Begebenheiten evozieren, welche – einem (Familien-) Album vergleichbar – der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden. Zudem zeichnen sich die ersten vier Erzählungen durch einen deutlich surrealistischen Ton aus, indem sich die Ebene der äußeren Handlung und einer fantastischen Welt verflechten. Der surrealistische Moment wird dabei erst gegen Ende zugespitzt und bildet die überraschende Pointe, um das Geschehen unvermittelt ins Absurde kippen zu lassen.

Im ersten Teil tritt vor allem der Tod unverhüllt in den Mittelpunkt – aber nicht in seiner Grausamkeit, sondern, wie von Puchianu zu erwarten, in seiner Absurdität und bisweilen grotesken Lächerlichkeit. In dem Text „Die Bescherte. Eine Weihnachtsgeschichte“ begegnet der Leser der ehrgeizigen, auf die Auswirkungen von Kunst auf die tierische Psyche spezialisierten Psychoanalytikerin Professor Rialta M. Iorgu, die ungeachtet ihres geschwächten Zustandes ein aufwendiges Weihnachtsfest für ihren Sohn und dessen Familie ausrichtet. Während der Vorbereitungen reflektiert sie über ihre Herkunft, ihre Mutter und den roten Kater namens „Kaiser Józsi“. Die Ebene der äußeren Handlung wird fortwährend von diesen Reflexionen unterbrochen. Die Wendung ergibt sich am Ende der Geschichte, als die Protagonistin sich als Weihnachtsmann verkleidet und so von ihrer Familie leblos am Boden vorgefunden wird. Die übliche Weihnachtsbescherung bleibt aus, die Figur mutiert durch den Tod in grotesker Verkehrung zur Bescherten – zu ihr tritt der Tod gleichsam als Geschenk.

Auch die zweite Erzählung, „Eine Boje auf dem Meer“, kreist um die Begegnung mit dem Tod: Die weibliche Figur Mischa befindet sich intubiert auf der Intensivstation, während der Erzähler in ihre Erinnerungen vom Meer eintaucht und über ihre körperliche Behinderung, über die politische Verfolgung ihres Vaters und ihre Freundschaft mit Selma reflektiert. Ihre letzten Atemzüge werden metaphorisch mit einer im Meer treibenden Boje verglichen, die schließlich am „Enterhaken des Todes“ (S. 75) hängen bleibt. Erneut sind es Aspekte weiblicher Existenz, die sich mit der ersten Erzählebene verweben.

Die dritte Erzählung, „Spieleinsatz“, stellt eine männliche Figur in den Mittelpunkt, was in der Prosa Puchianus seltener anzutreffen ist. Der Protagonist Gheorghe Caramanu, den aufmerksame Leser aus dem Roman „Patula lacht“ (Stutz, 2012) dem Namen nach wiedererkennen mögen, wird nach einer Rummy-Partie mit Freunden ins Krankenhaus eingeliefert. Kurz danach erliegt er einem Blutsturz infolge eines unheilbaren Leberversagens. Im Mittelpunkt stehen sowohl seine Angst vor dem Tod als auch die Auswirkungen der Geschehnisse auf seine Tochter.

Um Tod und Ahnengedenken kreist die Erzählung „Allerseelen“, wie bereits der Titel nahelegt. Als verbindendes Element zum zweiten Teil des Bandes tritt hier die Figur Smaranda Sagemuth in Erscheinung. Sie versucht an einem stürmischen Allerseelentag vergeblich, Kerzen auf dem Familiengrab in Kronstadt anzuzünden. Dabei erinnert sie sich an Gespräche mit ihrer Mutter Harda und Großmutter Erzsébet über das Altern und den körperlichen Verfall und denkt zugleich über ihre eigene Vergänglichkeit nach. Am Ende wird Smaranda jedoch nicht – wie die Figuren der vorangehenden Erzählungen – vom Tod ereilt oder von ihm „beschenkt“, sondern begegnet in einer visionären Spiegelung am Fenster einer „Geliebten“, was in eine sehnsuchtsvolle, traumartige Umarmung mündet. Die Brücke zu einer neuen Welt ist geschlagen: Weiterhin konzentrieren sich die sechs Teilgeschichten unter dem Titel „Albumbilder. Prosaimprovisationen“ auf die Figur Elsa Elvira Maria Renata Serafin (auch Renée genannt) und ihre späte Liebe zu Smaranda Sagemuth.

So wird in „Renée sur Mer“ eine Reise nach Argentinien beschrieben, in der Elsa (Renée) ihre sterbende Mutter Mangold Serafin besucht. Während der Reise und des Aufenthalts reflektiert Renée über ihre politische Karriere in der Sozialdemokratie, insbeson-dere über ihre Erlebnisse während der Nelkenrevolution 1974 in Lissabon. Die Frau erinnert sich an ihre erste große Liebe, eine Psychoanalytikerin, die sie damals „Renée“ nannte. Auf dieser Reise wird auch auf die unterdrückte künstlerische Existenz der Mutter hingedeutet. Verfolgt wird Renée von der Erinnerung an eine Vergewaltigung als Zehnjährige. 

Die nächsten Albumbilder „Eine Ankunft“ und „Absacker“ zeigen dieselbe Frau in der Begegnung mit Smaranda Sagemuth. Elsa (Renée) Serafin kommt an einem Flughafen an, den sie seit fast 20 Jahren nicht mehr betreten hat. Erste Eindrücke am Flughafen, ihre Erschöpfung am Gepäckband, eine Begegnung mit einem Flughafenangestellten füllen den Erzählrahmen, wobei ihr ständiges Reisen und die Gedanken über ihre Rastlosigkeit zum Kern der Erzählung werden. Letzt-endlich trifft sie die Geliebte, Querida, die sie nach Hause führen will. Tatsächlich werden die beiden in einem Hotelrestaurant in der Stadt T. aufeinandertreffen (vgl. „Absacker“) und sich näherkommen, indem sich eine besondere Leidenschaft füreinander entfacht.

Die Geschichte um Elsa Elvira Maria Renata Serafin spannt sich weiter in dem nächsten Bild „Haus mit Pileta“, als Renée einige Monate nach ihrer ersten Wiederbegegnung mit Smaranda Sagemuth in die Stadt ihrer Vergangenheit zurückkehrt und sich an frühere erotische Erfahrungen erinnert. Die Gegenwart zeigt aber ein leeres und verwüstetes Bild, was den Blick in die Gegenwart auf Elsas Liebe zu Smaranda Sagemuth richtet.

Die Freundes- und/oder Familiengeschichten des Albums werden mit der Erzählung „Offene Schleusen“ weitergeführt. Der Text markiert einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen Smaranda Sagemuth und Elsa (Renée) Serafin, da für Smaranda Sagemuth deutlich wird, dass ihre tiefe Liebe zu Elsa (Renée) Serafin sich grundlegend von ihren früheren Beziehungen zu Männern unterscheidet. 

Die Erzählung „Projektfindung“ bildet den feinfühligen Abschluss des Zyklus „Albumbilder“ und vertieft die Beziehung zwischen Elsa und Smaranda Sagemuth durch Gespräche über die Vergangenheit. Indem sie beide im Bett liegen und sich erneut über vergangene Schicksalsschläge, aber auch anekdotische Zwischenfälle austauschen, ergibt sich das Projekt ihrer Liebe und des gegenseitigen Verstehens.

Die Prosa von Carmen Elisabeth Puchianu kreist seit jeher um die zentralen Themen der Weiblichkeit, Körperlichkeit und die damit einhergehenden sozialen Tabus. Zudem erscheinen Tod und Sexualität in ihren Texten nicht als Gegensätze, sondern als eng miteinander verwobene Erfahrungsbereiche. So ergibt sich in Puchianus Schreiben auch das raffinierte Spiel mit Kontrasten, und gerade aus der Spannung zwischen Gegensätzlichem erwächst jene eigentümliche Ästhetik des Absurden und Grotesken ihrer Texte. Zudem zeichnen sich die ersten vier Erzählungen durch einen deutlich surrealistischen Ton aus, indem sich die Ebene der äußeren Handlung und eine fantastische Welt verschränken, wobei der surrealistische Impuls erst gegen Ende zugespitzt wird und als überraschende Pointe fungiert, um das Geschehen unvermittelt ins Absurde kippen zu lassen.

In diesem Band begegnet der Leser erneut wiederkehrenden Motiven in Puchianus Erzählungen: das Altern, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, die Erkundung weiblicher Identität. So lassen sich thematische Bezüge zu früheren Texten herstellen, etwa zur Erzählung „Frau Grün begegnet Herrn Vrabie“ aus dem Band „Die Professoressa“ (Pop, 2019) oder zu „Der Bär kommt. Eine Weihnachtsgeschichte“ aus dem Band „Amsel – Schwarzer Vogel“ (Lagrev, 1995). In den Texten geht es um das Ausleben von Sexualität, um weibliches Selbstbewusstsein und Freiheit, aber auch um die ständige Präsenz des Todes – nicht nur als Bedrohung, sondern mitunter als vertrauter, beinahe intimer Begleiter. 

Mit den „Albumbildern“ eröffnet Puchianu jedoch eine neue Perspektive: An die Stelle des für ihr Werk oft charakteristischen, mitunter surrealistischen Bruchs und der Dissonanz tritt hier eine vorsichtige Öffnung der Zukunft gegenüber – eine Bewegung, die weniger von Verzerrungen als vielmehr von einem leisen, überraschenden Zusammenklang getragen ist. Gerade das scheinbar Gewöhnliche, Unauffällige oder Unbekannte erweist sich dabei als wandelbar: Es kann unvermittelt ins Besondere umschlagen und schließlich in eine leise Zuversicht und ein Gefühl von Geborgenheit übergehen.