Die moldauische Regierung, in einem Flugzeug, wird von einem transnistrischen/russischen Kampfflugzeug pulverisiert, Panzer fahren durch Chișinău und russische/transnistrische Soldaten marschieren durch die Stadt und nehmen alle fest, die irgendwas mit Rumänien zu tun haben. Diese Horrorvorstellung verarbeitete der Autor Iulian Ciocan aus Chișinău in seinem Roman „Am Morgen kommen die Russen“. Es ist ein erschreckendes und interessantes Werk.
Als Russland 2014 die Krim besetzte und einen Krieg in der Ostukraine begann, schrieb der Autor gerade an diesem Roman, berichtet der deutsche Verlag „Dittrich“ auf seiner Website. Erschienen ist das Werk dann 2015, lange vor der nächsten Eskalationsstufe, dem direkten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Nun, zehn Jahre später, gibt es eine Übersetzung. Jedoch wirkt der Roman keinen Tag gealtert.
Doch die russische/transnistrische Invasion ist nur ein Teil des Buches, das aus zwei parallelen Geschichten besteht. In der einen geht es um den Lateinprofessor Nicanor Turturică, der schon sein Leben lang rumänienaffin ist. Als sein Heimatland, die Republik Moldau, angegriffen wird, versucht er zu fliehen. Als er an der rumänischen Grenze ankommt, stellt sich jedoch heraus, dass sein rumänischer Pass abgelaufen ist. Den moldauischen hat er zudem vergessen. Er muss also zurück nach Chișinău, das gerade besetzt wird. Dabei wird er natürlich Zeuge von Schrecklichem und erlebt Schreckliches.
Die Geschichte Turturicăs ist jedoch auch im Roman fiktional. Denn in „Am Morgen kommen die Russen“ geht es eigentlich um den jungen Marcel Pulbere, der von seinem Studium aus Rumänien zurückkehrt und einen Roman veröffentlichen will. Dieser handelt eben genau von einem Angriff seitens Transnistrien/Russland. Es wird zwar im Werk nie explizit gesagt, aber stark angedeutet, dass sein Roman die Geschichte von Turturică ist.
In Pulberes Geschichte, die 1995 spielt, wird darüber hinaus vor allem die moldauische Gesellschaft persifliert, aber Ciocan schreibt auch über die schweren Bedingungen von jungen Akademikern im Land. Am Ende (was der Buchumschlag sowieso bereits verrät) wird Pulbere wegen seines Romans angeklagt: Der Text sei Moldaufeindlich und er ein Landesverräter.
Darüber hinaus geht es in beiden Geschichten natürlich auch um Liebe, Moral und den alltäglichen Überlebenskampf. Die Charaktere sind grundsätzlich interessant und ziehen einen als Leser förmlich durch die Seiten. „Am Morgen kommen die Russen“, ist ein gut geschriebener Roman, der zum Nachdenken anregt.





