Ein Roman als Brechung oder Ergänzung althergebrachter Narrative der Banater Schwaben? Was Katharina Eismann auf knapp 160 Buchseiten mitteilt, ist sicher die Erweiterung eines Geschichtsbildes, das Donauschwaben aus Büchern eines Adam Müller-Guttenbrunn seit über einem Jahrhundert ziehen. Dieses Narrativ wird von Donauschwaben geteilt und folgt etwa dem alten Dreiklang „den ersten der Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot“ oder „Kaiserin Maria Theresia brauchte Handwerker, Händler und Ingenieure, die das von den Osmanen zurückeroberte Land wieder zur Blüte bringen sollten.“ Also, die Schwaben wanderten alle freiwillig nach Südungarn aus?
Nun, nicht alle: Die Vorfahren von Sigrid Katharina Eismann wurden als Ureinwohner des Südschwarzwaldes von Kaiserin Maria Theresia ins Banat deportiert, obwohl die „Salpeterer“ sich auf uraltes Recht beriefen. Ihre Ahnen hatten sechs Jahrhunderte zuvor den Südschwarzwald, besser: den Hotzenwald, abgeholzt und dafür die kaiserliche Garantie erhalten, in reichsfreien Dörfern keinen König und keinen Fürsten über sich ertragen und mit Steuern – etwa dem Zehnten – bedienen zu müssen. Sie waren frei und beriefen sich auf ihre Freiheitsrechte gegenüber dem Wiener Hof. Dazu Nachhilfe in Geschichte: Freiburg und der Südschwarzwald gehörten zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu Österreich und nicht etwa zu einer Urform Baden-Württembergs.
Kaiserin Maria Theresia hatte, neben den widerborstigen Hotzenwäldlern, auch „leichte Mädchen“ aus Wien ins Banat deportiert. Wer die Ansiedlungsgeschichte Australiens kennt, wird hier Ähnlichkeiten entdecken. Die Briten deportierten Straftäter mit dem Schiff in die „Südsee“ und diese sollten dort in der Folge die britische Zivilisation mit Sprache, Verwaltung und Wirtschaft etablieren. Ähnlich muss Kaiserin Maria Theresia an „ihr Südungarn“ gedacht haben. Sie ließ ausschließlich Katholiken ins Banat siedeln. Erst später durften dann auch Protestanten dorthin. Vor allem sollte die Banater Militärgrenze nicht mit Katholiken, sondern mit Protestanten personell besetzt werden.
Das gängige Geschichtsbild der Donauschwaben kennt Johann Albiez nicht, obwohl sein Name im Ersten Band zur Donauschwäbischen Geschichte, herausgegeben von der Do-nauschwäbischen Kulturstiftung, genannt wird, allerdings als Fridolin Albiez. Zitat (nach Konrad Schünemann): „Als Fridolin Albiez 1727 in der Gefangenschaft in Freiburg starb und so zum Märtyrer im Kampf um das alte Recht geworden war, wurde das zum Signal für die offene Revolte seiner Anhänger, (…) Die Rädelsführer wurden nach Ungarn und der Anführer, Martin Thoma, zur Zwangsarbeit am Festungsbau nach Belgrad verbannt.“ Die Unkenntnis dieser Geschichte ist gewissermaßen weiter verbreitet, als die von Müller-Guttenbrunn verbreiteten Narrative. Vor allem das Leid, das Banater Schwaben, Ungarndeutsche und Donauschwaben in der Folge des Zweiten Weltkrieges erlebten, dominiert heutige Sichtweisen auf die eigene Familiengeschichte.
Katharina Eismann hat ihre eigenen Wurzeln im Banat und im Hotzenwald. Bei einer ersten Begegnung 2017, hatte sie mir am Rande des Heimattages der Banater Schwaben davon erzählt. Den genetisch auf sie übergegangenen Widerstandsgeist, führt die Autorin auf die Salpeterer (auch Hauensteiner) zurück. In ihrem Roman „Mein innerer Schwarzwald“ fügt sie ihren ererbten Erinnerungen auch die eigenen Erlebnisse in der kommunistischen Diktatur Rumäniens hinzu. Wer der Poetin und Lyrikerin Eismann übrigens vorwerfen sollte, ihre kreativen Formulierungen und Wortschöpfungen passten so nicht zum Genre des Romans, dem sei mitgeteilt: Die gut erzählte Geschichte, also der Roman, verträgt diesen darin verwendeten lyrisch-poetischen Anteil spielend. Ihre Erinnerung an die eigene Flucht aus Rumänien, in deren Vorfeld sie als 13-Jährige dem kommunistischen „Monarchen“ Ceaușescu, kurz „Ceau“, einen Brief zustecken musste, verbindet sich nicht nur in der Phantasie Eismanns und auch nicht nur in ihrer genetischen Erinnerung mit dem widerständigen Geist, der in ihren Eltern lebendig war und in ihr bis heute ist.
Der Roman ist poetisch, aber kein poetischer Roman – zu viel Lyrik? Nein.
Dennoch besteht Anlass zur Kritik im Bereich der Faktentreue, die einem historischen Roman als Anspruch zugrunde liegt: „Krumbire“ sind Kartoffeln und sollen bereits im Südschwarzwald des Jahres 1754 im Südschwarzwald eingelagert worden sein, obwohl sich Kartoffeln erst frühestens Ende desselben Jahrhunderts in Süddeutschland verbreitet hatten. 1755 war der Salonzucker noch nicht erfunden. Ein größerer Fehler: Die Deportierten befanden sich auf der Donau, nachdem sie aus Wien abgeschoben wurden. Die Darstellung, spontan in Visegrad an der Drina von Bord gegangen zu sein, ist auch heute unrealistisch, denn die Drina ist mit der Donau nicht verbunden. Eine Autofahrt vom Banat nach Visegrad benötigt eine ganze Tagesreise. Zudem ist auf diesem wilden Bergfluss ein „Do-naukahn“ kein geeignetes Fortbewegungsmittel. Der Umweg, den Katharina Eismann bei dieser unfreiwilligen Reise einlegt, hätte zudem durch osmanisch besetzte Gebiete geführt, was zur notwendigen erzählerischen Tiefe gezwungen hätte, denn die dort beschriebenen Abenteuer und Gräuel, wie sie Ivo Andri in „Die Brücke über die Drina“ dargestellt hatte, böten ein großes Repertoire an möglichen Erzählungen, die hier in der Kürze des Ausflugs keinen Sinn ergäben. Papier war 1755 ein Luxusgut, das beim genaueren Blick auf die ökonomischen Verhältnisse der Deportierten, nur schwer nachvollziehbar zur Verfügung gestanden haben könnte. Ebenso wird im Banat 1756 noch niemand „Paprikasch“ gegessen oder gekocht haben. Dieses ungarische „Nationalgericht“ hatte sich erst gegen Ende des Jahrhunderts verbreitet.
Wenn die Lösung ist, dass all die „zu früh“ aufgeführten Dinge eben aus späterer Zeit bekannt sind und wir als Leser akzeptieren, dass hier ein Anteil „Fantasy“ vorliegt, wären diese Benennungen der Banater Kultur, der dortigen Kulinarik und vielleicht auch der unrealistische Kurztrip an die Drina sicher akzeptabel.
Die Wiederentdeckung der eigenen Persönlichkeit in der Geschichte der Urahnen, ihrer Briefe und den uralten Dokumenten führt im „inneren Schwarzwald“ nicht zur reinen Projektion und ist plausibel erzählt.
Ich habe den Roman „Mein innerer Schwarzwald“ sehr gerne und mit großer Neugierde gelesen. Die Geschichte ist dramaturgisch klar herausgearbeitet. Der Anteil an Poesie und Lyrik hatte mich weder gestört noch am Lesen gehindert. Für meinen Geschmack hätte Katharina Eismann sich in dieser Hinsicht nicht so sehr zurücknehmen müssen. Einzig als gebürtigem Schwaben traten selbst bei mir vereinzelte Verständnisschwierigkeiten auf, die nicht alle im Glossar aufgeklärt werden. Das ist allerdings Nebensache. Mir bleibt die Freude darüber, dass die gängigen banatschwäbischen und donauschwäbischen Erzählungen im vorliegenden Roman gebrochen, vervollständigt und erweitert werden.
„Mein innerer Schwarzwald“ ist unbedingt lesenswert, auch wegen einiger Überraschungen und tieferer Einblicke in historische Ungerechtigkeiten. Das Schicksal der Zwangsdeportierten regt allerdings auf!
Sigrid Katharina Eismann, „Mein innerer Schwarzwald“, danube books 2025, ISBN 978-3-946046-45-5





