Ehemalige Textilfabrik „1 Iunie“ verschwindet aus dem Stadtbild

Abriss des Hauptgebäudes weit fortgeschritten / Auf dem Areal ist ein neues Stadtquartier geplant

Vom ehemaligen Hauptgebäude der Textilfabrik „1 Iunie“ ist nur noch ein Teil stehen geblieben. Der Abriss des größten Gebäudes auf dem Areal ist weit fortgeschritten. Foto: Dan Cărămidariu

Temeswar – Vom Hauptgebäude der früheren Textilfabrik „1 Iunie“ in der Temeswarer Fabrikstadt steht nur noch ein Rest. Der Abriss des größten Baus auf dem Gelände ist inzwischen weit fortgeschritten. Auf Schautafeln vor dem Areal wird die Maßnahme als Teil eines neuen Immobilienprojekts ausgewiesen. Das Gelände der früheren Fabrik war 2023 vom belgischen Entwickler Speedwell übernommen worden. Das Unternehmen kündigte damals an, auf dem rund 24.000 Quadratmeter großen Grundstück an der Peneș-Curcanul-Straße ein gemischt genutztes Projekt zu entwickeln. Vorgesehen sind Wohnungen, Büros sowie Geschäfts- und Freizeitflächen. Speedwell ist in Temeswar bereits mit dem Paltim-Projekt auf einem weiteren früheren Industriestandort präsent, der ehemaligen Hutfabrik in der Josefstadt.

Der Abriss der „1 Iunie“-Fabrik hatte im vergangenen Jahr begonnen. Nach Medienberichten sollen 28 der 32 Gebäude auf dem Areal abgetragen werden; nur wenige Bauten wurden als erhaltenswert eingestuft. Auf dem frei werdenden Gelände plant der Immobilienentwickler mehrere Wohn- und Bürohäuser. In der Projektvorstellung wurde die Lage in der Nähe des historischen Kerns der Fabrikstadt sowie die vergleichsweise kurze Entfernung zum Flughafen hervorgehoben.

Die heute unter dem Namen „1 Iunie“ bekannte ehemalige Textilfabrik wurde 1925 als „Fabrica de Ciorapi Florida“ von den jüdischen Industriellen Géza Pollák und David Hünsch gegründet. 1941 wurde das Unternehmen rumänisiert und von Iuliu Mihailovici übernommen. 1948 wurde es verstaatlicht und mit anderen verstaatlichten Textilunternehmen zusammengelegt. 1963 änderte das Ministerium für Leichtindustrie den Namen in „Fabrica de Tricotaje 1 Iunie“. Hergestellt wurden vor allem Kleidungsstücke für Neugeborene und Kleinkinder. Mitte der 1980er Jahre beschäftigte der Staatsbetrieb rund 4000 Arbeitnehmer. Ein Großteil der Produktion wurde exportiert; es bestanden Verträge mit der deutsch-niederländischen Bekleidungskette C&A sowie mit weiteren Abnehmern in den arabischen Staaten. 1995 wurde das Unternehmen an die Beschäftigten verkauft, elf Jahre später meldete es Insolvenz an. Danach ging es nur noch bergab. Mehrere Strafverfahren gegen zwei Direktoren, die sich über Scheinfirmen einen großen Teil der Gewinne angeeignet und das einst erfolgreiche Unternehmen in den Bankrott getrieben haben sollen, blieben ohne Ergebnis.

Der Fall erinnert an andere frühere Fabrikareale in Temeswar. Auf dem Gelände der ehemaligen ILSA-Fabrik entstand in den vergangenen Jahren das heutige ISHO-Quartier. Die frühere Wollfabrik ILSA war einst einer der größten Arbeitgeber der Stadt; heute ist das Areal mit Wohn-, Büro- und Freizeitnutzungen fast vollständig neu überbaut. Anders verlief die Entwicklung bei Guban, der landesweit bekannten Damenschuhfabrik. Dort wurde zwar schon vor Jahren ein Teil der alten Industrieplattform abgetragen, eine vergleichbare Neuentwicklung blieb bislang aber aus.

Auch andere frühere Produktionsstandorte haben längst ihre Funktion gewechselt. Auf dem Gelände der staatlichen Molkerei eröffnete schon um die Jahrtausendwende ein Supermarkt; auf Billa folgten später Carrefour und schließlich Penny. Die früheren Standorte der Brot- und Backwarenfabrik Begapam werden heute von zwei Kaufland-Märkten genutzt. Andere große Industrieanlagen stehen weiter leer, etwa Teile von AEM und Mecatim, während UMT zumindest teilweise noch genutzt wird. Die frühere Spumotim-Fabrik für Schaumstoffe wurde 2025 abgetragen; das Areal soll mit Wohnhäusern bebaut werden. Auf dem Gelände der längst verschwundenen Schokoladen- und Süßwarenfabrik Kandia in der Josefstadt soll demnächst der Bau einer weiteren Lidl-Filiale beginnen. Auf dem Gelände der ehemaligen Dermatina-Werke an der Schager Straße/Calea Șagului befinden sich seit 2016 das Einkaufszentrum Shopping City Timișoara und eine Filiale der rumänischen Heimwerkerkette Dedeman.