Hermannstadt – Auch in den Räumlichkeiten der jüdischen Gemeinde in Hermannstadt/Sibiu war spürbar, dass das Pessachfest eine intensive Vorbereitung benötigt: Festlich und reich gedeckt waren die beiden langen Tischreihen im Gemeindesaal, die sich nach und nach mit Menschen füllten. Über dreißig Personen hatten sich am Mittwoch, den 1. April, im Gemeindesaal eingefunden, um den Beginn des Fests zu feiern. Neben den Gemeindemitgliedern waren auch Freundinnen und Freunde der Gemeinde eingeladen, um die Eröffnung des achttägigen Fests feierlich zu begehen.
Anda Reuben und Gemeindevorsteher Tiberiu Baruch lasen gemeinsam mit den Anwesenden aus der „Pessach-Haggada“, der Liturgie zum Sedermahl zu Pessach, das den Beginn des Fests markiert: „Pessach ist das Fest unserer Befreiung, wir feiern es jedes Jahr, um uns daran zu erinnern, dass unsere Vorfahren vor vielen Jahren aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden und damit ein geeintes Volk wurden“, sagte Anda Reuben zum Auftakt. Auf die Befreiung folgte die vierzig Jahre andauernde Wanderung durch die Wüste nach Kanaan.
Die Geschichte des Auszugs aus Ägypten wurde von den Anwesenden abwechselnd gelesen. Anschließend gab Anda Reuben Einblicke in die komplexen Bräuche und Speisevorschriften: Denn der Sederabend verläuft nach einem strengen Ablauf – kein Wunder, denn „Seder“ bedeutet eben auch „Ordnung“. Der Abend besteht aus zahlreichen Ritualen und Liedern – traditionell werden alle Generationen in den Ablauf des Abends mit einbezogen. Ein klassischer Sederabend könne schon mal vier Stunden dauern, so Anda Reuben. An diesem Abend wurde jedoch eine gekürzte Fassung zelebriert.
An jedem Platz fand sich ein Sederteller, auf dem die sechs traditionellen Pessach-Speisen gereicht wurden: Der Hähnchenknochen steht für das Lamm, das vor Pessach geopfert wurde (Seroa); ein hartgekochtes Ei für Fruchtbarkeit (Beitzah). Die bitteren Kräuter (Maror) symbolisieren die bitteren Zeiten in Ägypten, ein weiteres bitteres Kraut steht ebenfalls für Exil und Sklaverei (Chaseret). Das Wurzelgemüse erinnert an die harte Arbeit, die damals geleistet werden musste (Karpas). Das Apfel-Nuss-Mus (Charosset) steht für die Lehmziegel, mit denen gebaut wurde. Die Kräuter werden in Salzwasser getaucht – diese stehen für die vergossenen Tränen. Die Speisen verzehrt man in einer festgelegten Reihenfolge.
Dazu wird Mazzot, ungesäuertes Brot, gereicht – denn Jüdinnen und Juden, damals Israeliten genannt, hatten bei ihrer Flucht keine Zeit mehr, den Brotteig aufgehen zu lassen – so buk man ein einfacheres Brot. Aus diesem Grund heißt das Fest auch „Fest der ungesäuerten Brote“. Kurz vor seinem Beginn wird ein Frühjahrsputz durchgeführt, denn der Verzehr und die Aufbewahrung von gesäuerten Speisen wie Brot, Nudeln, aber auch von Bier, sind in dieser Zeit verboten: Die Lebensmittel gelten über Pessach als nicht koscher.
Das Pessachfest und das christliche Osterfest sind im Übrigen eng verknüpft: Das Neue Testament erwähnt, dass das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte, ein Pessachmahl war. Das hebräische Wort „Pessach“ bedeutet „vorbeiziehen“ oder „verschonen“ und bezieht sich auf die zehnte Plage, die Gott über die Ägypter kommen ließ. Der Todesengel zieht an den Häusern der Israeliten vorbei, und verschont damit ihre Erstgeborenen. Im Zentrum des Fests stehen neben der Befreiung aus der Sklaverei vor 3500 Jahren jedoch vor allem die Motive des Neuanfangs und der Freiheit.





