Hermannstadt – „Der Schatten der Art wird existieren, solange es auch die Menschen als Art geben wird.“ Nichts anderes als eine Binsenweisheit mag das sein, und trotzdem bleibt sie gelegentlich länger denn für nur einen Augenblick im Gedächtnis haften, falls ihr eine ausführliche Diskussion vorausgegangen ist. So auch am Mittwochabend, dem 4. Februar, im erneut vollen Untergeschoss der Humanitas-Buchhandlung Hermannstadt/Sibiu zu Ende der Präsentation des Taschenbuchs „Prețul Libertății. Cum sănătatea mintală devine călcâiul lui Ahile în democrație“ von Psychologin und Therapeutin Cătălina Dumitrescu. Die Frage danach, wer von den drei Podiums-Gästen genau welche Schlussfolgerungen klarst artikulierte, ist zweitrangig. Zwei Stunden knöpfte die Vorstellung allen Anwesenden ab, und wenn Herausgeberin Irina Cerchia und Schriftsteller Radu Vancu sich nicht zum Aussprechen allerletzter Feststellungen durchgerungen hätten, würde der Abend bestimmt noch mehr Zeit beansprucht haben. Weil Demokratie und mentale Gesundheit in enger Wechselwirkung zueinander stehen und einen Diskussionsstoff in die Gesellschaft hinein befördern, der sich nicht verbraucht: geltend sicher für Akademiker wie Nicht-Intellektuelle, die davon schwer genug bekommen können und sich weigern, ihre jeweiligen Filterblasen als einzig mögliche Komfortzone anzusehen. Für Cătălina Dumitrescu ist nach 29 Jahren Erfahrung „Demokratie eine psychologische Befindlichkeit, die Toleranz voraussetzt.“ Man nahm es ihr gerne ab im Hermannstädter Humanitas-Keller, stellte aber auch Fragen.
Ciprian Ciocan war es, der sich aus dem Publikum heraus nicht auf der Stelle vom Optimismus anstecken lassen wollte, womit Cătălina Dumitrescu ihr Buch beschließt. Der Präsentation schließlich war es beschieden, mit einem ersten globalen Hochkochen von Entrüstung über die Schwere des bizarren Inhalts publik freigeschalteter Akten der Epstein-Affäre in den USA zusammenzutreffen. Ob die Freiheit nicht doch ein durch und durch trügerisches Konzept wäre, wollte der Ex-Geschäftsführer der Hermannstädter Gemeinschaftsstiftung (Fundația Comunitară Sibiu) von 2013 bis 2022 erfahren, was Radu Vancu entschieden anders als pessimistisch beantwortete. Cătălina Dumitrescu begegnet häufig Patienten, die sich auf ihr Nachfragen zu Beginn einer Therapie wünschten, „nicht mehr so empfindlich“ sein zu wollen. „Dabei ist gerade die Empfindlichkeit ein Merkmal psychologisch gesunder Menschen.“ Aber es stimmt, keine Frage: „Uns Psychologen offerieren Politiker sehr viel Studienmaterial, nur wäre keiner von ihnen bereit, sich einem psychologischen Test zu unterziehen.“
Abschreckend ist das broschierte Buch nicht, obschon es immerhin 200 Seiten zählt. Irina Cerchia ihrerseits als Editorin für Büchertitel der Sparte Gesellschaft beim Zyx-Books-Verlag bekannte zunächst, dass die acht Kapitel von „Prețul Libertății“ für sie persönlich „ein Labyrinth der Nüchternheit“ wären. Tatsächlich operiert der neue Band von Cătălina Dumitrescu auch mit Fachwortschatz. Dennoch besteht sie darauf, dass ihr Buch eines „über Wissenschaft“ ist und „nicht allein Meinungsbildung“ bezweckt. Den Schluss, demnach „man sich selber hilft, wenn man einem anderen hilft“, könne man ihm leicht entnehmen.
Das Beste überhaupt, was man sich ein Leben lang selber tun soll? „So breitgefächert wie möglich Literatur, Kunst und Wissenschaft konsumieren, das bereichert die Perspektive. Auch dann, wenn wir mal mit dem Aufgenommenen nicht einverstanden sind“, gesteht Cătălina Dumitrescu. „Wissenschaft lässt das Fenster offen, Fehler zu machen“, und „Freiheit erlaubt den Mangel an Gewissheit.“ Die Freiheit letztlich, die mental begrenzt zurechnungsfähige Menschen mit Sympathie für Diktatorisches überfordert. Cătălina Dumitrescu aber weiß, dass von ihrem Buch nur Positives ausgehen kann. Dem Satz von Lucian Blaga, dass „jedes geschriebene Buch eine besiegte Krankheit ist“, macht es alle Ehre.





