In Unfreiheit Geschaffenes mit Mehrwert für immer

Wissenschaftler und Künstler Marcel Chirnoagă fürchtete die Zensur nicht

Niu Herișanu (links) erklärte jungen Besuchern der Vernissage, die beinah seine Enkel hätten sein können, was es mit der Technik und dem Stil von Marcel Chirnoagă auf sich hat. Foto: Klaus Philippi

Hermannstadt – Vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit war es nach acht Monaten kommissarischer Tätigkeit auf gleicher Stelle der Einstand von Historikerin und Archäologin Dr. Raluca Teodorescu als ordentliche Intendantin des Brukenthalmuseums. Die neue Hausherrin aber hielt es nüchtern, und gemessen daran, dass Fach-Kollege und Astra-Bibliotheks-Direktor Răzvan Codruț Pop sich beharrlich mit um die vakante Leitungsposition beworben hatte, stand es Dr. Teodorescu auch nur gut zu Gesicht, kaum mehr als den Fakt von „einem Jahr Arbeit“ hinter der Grafik-Ausstellung „Penumbre și măști“ (´Halbschatten und Masken´) anzuschneiden. Sollte das Verfahren zur endlich regulären Besetzung des obersten Amts am Brukenthalmuseum mit Eitelkeiten in der Beziehung des Kulturministeriums und der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. in Hermannstadt/Sibiu zueinander durchmischt worden sein, war auf der ersten Vernissage im neuen Kalender- und Arbeitsjahr von vielleicht noch immer offenen oder schon eingelösten Rechnungen nichts zu spüren. Zu Überschwänglichkeiten holte Dr. Teodorescu nicht aus, und einen souveränen Eindruck hinterließ sie obendrein. Von daher liegen ab sofort alle Geschicke des Brukenthalmuseums in zweifelsohne vertrauenswürdigen Händen. Das bis auf Samstag, den 28. Februar, befristete Präsentieren dieser 48 Holzschnitte und Zeichnungen von Marcel Chirnoagă (1930-2008) im Salon am Ende des Brukenthalpalais-Parterres spricht eindeutig dafür. „Très fort!”, raunte Fotograf und Wahl-Hermannstädter Louis Guermond beim Anblick der exponierten Arbeiten, und dass der Wikipedia-Eintrag über die Laufbahn von Chirnoagă das Brukenthalmuseum von der Erwähnung inländischer Standorte seiner Werke ausspart, genießt hier Wiedergutmachung.

Fast durchgehend schwarzweiß ist das Gestalten von Künstler Marcel Chirnoagă, und betont knochig die Mienen, Hände und Finger der Menschen, deren Wiedergabe im tief kommunistischen Rumänien seinerzeit streng den sozialistischen Realismus zu berücksichtigen hatte. Kuratorin Nicoleta Niță deutet die sämtlich vor dem Fall des Eisernen Vorhangs geschaffenen Grafiken als ein „Sich-dem-Schweigen-und-der-Einschränkung-Stellen“, wofür stumpfe Funktionäre des früher kommunistischen Machtapparats kaum wache Sinne gehabt haben dürften. Hinschauenden heute freilich gibt Marcel Chirnoagă einen tiefenscharfen Leitfaden für die Rückbetrachtung an die Hand, und dass er vor Antritt seiner künstlerischen Karriere zunächst Mathematik und Physik studiert hatte, verwertete er meisterhaft und zeitlebens auch als Mitglied der Bildenden-Künstler-Kammer in Rumänien ab 1953. Manche englischen Bildüberschriften wie zum Beispiel „State celebration” für die original rumänische „Serbare“ räumen etwaige Restzweifel ob der historiografischen Verortung der mal mehr oder weniger ironischen Grafiken aus. Recht hingegen behält Zeitkritiker Marcel Chirnoagă mit der Verarbeitung der Einsicht, dass der Sturz einer Diktatur Fragen offenlässt: so komplex, wie er die „Prăbușirea tiraniei” (1974) auf Papier darlegt, war und ist sie es auch im echten Leben. „Penumbre și măști” belohnt bestimmt jedes Vorbeischauen, weil es waschechte Kunst vom Feinsten ist.