Judentum, Anarchismus, Emigration und Presse – Stoff einer beachtlichen Einzelbiografie

Klausenburg – Ob Schriftsteller Morris Myer, der in Bacău als rumänischer Staatsbürger jüdischer Identität zur Welt gekommen war, jemals auch Siebenbürgen bereist hat? Falls ja, muss es sicher irgendwann während seiner ersten 26 Lebensjahre geschehen sein. 1902 nämlich verließ Morris Myer Bukarest und das Rumänien der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg in der Hoffnung, nach der Reise über den Großen Teich in den USA Bleiberecht und Fuß fassen zu können – dass ihm dort hingegen der Aufenthalt verwehrt wurde und er stattdessen in London Heimat fand, dürfte ihn sicher nicht weniger glücklich gestimmt haben. In die Geschichte eingegangen ist er als Gründer der langlebigsten Tageszeitung auf Jiddisch aller Zeiten: „Die Tsayt” hieß das Medium, das er ab 1913 bis zu seinem Tod 1944 herausgab. Es überlebte Morris Myer um sechs Jahre und war Lebenswerk eines Intellektuellen, der unter keinen Umständen von seinen radikalen Überzeugungen zur Freiheit abzubringen war und als Aufstrebender vor der Emigration aus Rumänien deutliche Zuarbeit für die inländisch anarchistische Presse geleistet hatte. Die Haltung, womit er als ein im Londoner East End Wohnhafter in das publizistische Geschäft einstieg, war schon bald deckungsgleich mit sozialistischer Gesinnung und einem klar ausgeprägtem Gefühl von Verantwortung für kulturelle und politische Belange alles jüdischen Alltags nicht nur in der Hauptstadt Großbritanniens. Hintergründe, vor denen die Frage einer Beziehung von Journalist Morris Myer zu Siebenbürgen vielleicht etwas in den Hintergrund tritt. Sonntag, am 8. Februar dagegen, wird Aleph Ross als Historikerin des Londoner jüdischen Lebens manches Unklare daran womöglich ergänzen: die Urenkelin von Morris Myer ist abends um 18.30 Uhr bei freiem Eintritt in der zentralen Casa Tranzit in Klausenburg/Cluj als vortragende Biografin und Rezitatorin jiddischer Zeilen des am 25. Oktober 1944 Verstorbenen zu erleben. Ihre Ausführungen selbstverständlich hält sie auf Englisch, und über manch rumänisch Spannendes aufklären wird Adrian Tătăran als Erforscher der anarchistischen Geschichte in und um Bukarest.