Sathmar – „Heute erinnern wir uns an unsere sathmarschwäbischen Brüder und Schwestern, die im Januar 1945 – unschuldig, allein wegen ihrer Herkunft – in die Sowjetunion zur sogenannten ‚malenkij robot‘ verschleppt wurden. Viele von ihnen sahen ihre Angehörigen nie wieder. Und jene, die heimkehrten, trugen die Spuren des Leidens an Leib und Seele bis an ihr Lebensende“, so begann Eugen Schönberger, römisch-katholischer Bischof der Diözese Sathmar/Satu Mare, seine Predigt in der Kalvarienkirche am vergangenen Sonntag bei der Gedenkmesse an die vor 81 Jahren stattgefundene Russlanddeportation der Sathmarer Schwaben in die ehemalige Sowjetunion.
Die Heilige Messe wurde neben dem Bischof von Josef Fanea, Pfarrer der deutschen Gemeinde der Kalvarienkirche, Peter Melega, Wirtschaftsdirektor des Bistums, sowie Ioan Roman, Generaldirektor der Diözesancaritas Sathmar, zele-briert. Als Erinnerung an die Opfer der Deportation zündeten die Anwesenden jeweils eine Kerze auf dem Tisch vor dem Altar an. Währenddessen lasen Jugendliche, Mitglieder der deutschen Gemeinde der Kalvarienkirche, Zitate ehemaliger Russlanddeportierter vor, und es wurden Bilder aus der Zeit der Deportation sowie von vergangenen Treffen der Russlanddeportierten gezeigt.
„Erinnerung bedeutet nicht nur einen Rückblick in die Vergangenheit, sondern ist zugleich ein Weg zur Versöhnung und zur Vergebung. Sie dient der Heilung des Andenkens und dem Frieden unter den Menschen. Auch die Versöhnung mit Gott und seine Vergebung setzen dies voraus. Prüfen wir daher unser Gewissen und vergeben wir einander von Herzen, damit auch wir von Gott Vergebung erlangen und die heilige Messe mit reiner Seele feiern können. Die Zeit der Deportation war wahrhaft eine Zeit der Finsternis. Nicht nur wegen des kalten Winters, der eisigen Waggons und der fernen Arbeitslager, sondern wegen der Dunkelheit der Ungerechtigkeit, des Ausgeliefertseins und der Missachtung der menschlichen Würde. Familien wurden von einem Tag auf den anderen auseinandergerissen. Mütter verabschiedeten sich von ihren Kindern, Ehefrauen von ihren Männern, Kinder von Eltern, Großeltern und Geschwistern – oft ohne zu wissen, dass diese Umarmung die letzte sein würde. Die Schuldzuweisung war kollektiv, das Urteil anonym, das Leiden jedoch zutiefst persönlich“, sagte der Bischof in seiner Predigt.
Auch Stefan Kaiser, Vorsitzender des Stadtforums Sathmar, betonte in seiner Rede beim Festakt, der im Anschluss an die Gedenkmesse und die Kranzniederlegung im Wendelin-Fuhrmann-Saal stattfand, dass das Prinzip der Kollektivschuld, das zu den Deportationen führte, allen Werten widerspreche, auf denen unsere demokratischen Gesellschaften heute basieren. „Menschen wurden nicht aufgrund ihrer Taten, sondern aufgrund ihrer Herkunft verurteilt, und diese Ungerechtigkeit dürfen wir nicht vergessen. Im Namen des Demokratischen Forums der Deutschen gedenken wir heute nicht nur, sondern wir verneigen uns auch vor jenen, die diese Leiden erdulden mussten, und vor jenen, die nicht mehr zurückkehren konnten. Wir verneigen uns vor der Kraft, Ausdauer und Würde der Überlebenden. Das Gedenken ist jedoch nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch eine Verantwortung. Verantwortung dafür, dass Ausgrenzung, Stigmatisierung und Hass nie wieder zur staatlichen Politik werden dürfen. Es lehrt uns, dass das Zusammenleben in gegenseitigem Respekt und der Schutz der Rechte von Minderheiten keine Selbstverständlichkeit sind, sondern tägliche Arbeit und Engagement erfordern.
Das Demokratische Forum der Deutschen wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass die verschiedenen Nationalitäten, Kulturen und Gemeinschaften in unserer Stadt in Frieden und gegenseitiger Achtung zusammenleben und dass die Lehren aus der Vergangenheit wirklich Wegweiser für die Zukunft sind“, schlussfolgerte der DFD-Vorsitzende.
An der Kranzniederlegung im Kirchhof beteiligten sich Csaba Pataki, Vorsitzender des Sathmarer Kreisrats, Robert László, Direktor des Zentrums für die Pflege der traditionellen Kultur, Josef Hölzli, Vorsitzender des Regionalforums Nordsiebenbürgen, Johann Leitner, Vorsitzender des Kreisforums Sathmar, Ingrid Steinbinder, Vorsitzende der DJS Gemeinsam, zahlreiche Vorsitzende von Ortsforen aus dem Kreis Sathmar sowie Franz Schlachter, ehemaliger Russlanddeportierter, der zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn die Gedenkfeier mit seiner Anwesenheit ehrte. Der 102-jährige ehemalige Russlanddeportierte nahm auch am Festakt im Wendelin-Fuhrmann-Saal teil.
Im Rahmen des Programms traten der Air-Chor des DFD, der Schwäbische Männerchor Großkarol–Petrifeld–Sathmar sowie Schülerinnen und Schüler von Adalbert Császár, Deutschlehrer am Nationalkolleg Ferenc Kölcsey, auf. Anschließend wurden ein Film sowie eine Ausstellung über die Deportation gezeigt.








