Von der mutigen Königin und dem bösen Diener

Die Hermannstädter jüdische Gemeinde feierte das Purimfest

Anda Reuben liest die Purim-Geschichte vor der versammelten Gemeinde. | Foto: Aurelia Brecht

Hermannstadt – Mit einem praktischen Ansatz leitete Anda Reuben, Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Hermannstadt/Sibiu, das Treffen am vergangenen Sonntag ein: Das Purimfest, das eigentlich für den 2. und 3. März  2026 oder nach jüdischem Kalender für den 14 und 15. Adar 5786 datiert war, feierte man in Hermannstadt festlich nach.

Purim gilt als eines der fröhlichsten jüdischen Feste – man feiert die Gemeinschaft. Kinder dürfen sich zu diesem Anlass verkleiden und möglichst viel Krach machen. Außerdem verschenkt man Speisen an Freunde und Familie oder Menschen in Not. Trauerreden oder Fasten sind zu diesem Fest verboten. Während des Verlesens der Purim-Geschichte sind die Anwesenden dazu aufgerufen, bei der Nennung des Namens des Bösewichts der Geschichte, Lärm zu machen, um ihn vergessen zu machen.

Die Geschichte zu Purim spielt im antiken Persien, im 5. Jahrhundert vor Christus: Jüdinnen und Juden feiern mit diesem Fest, wie Ester, die Ehefrau des persischen Königs, ihr Volk vor dem Tod bewahrte. Weil sich der Jude Mordechai, Esters Onkel, nicht vor dem höchsten königlichen Berater Haman verbeugen will, plant dieser, alle Juden im Persischen Reich zu vernichten. Ester jedoch findet einen Weg und tritt unangekündigt vor den König, was sie zur damaligen Zeit ihr Leben hätte kosten können. Sie erwirkt beim König ein mehrtägiges Gelage, an dem der König, Haman und sie selbst teilnehmen, und bei dem sie die Intrige des höchsten Dieners schließlich aufdeckt. Ester hat ihr Volk gerettet. Der königliche Berater wird hingerichtet. Die Juden des Persischen Reiches erhalten durch den König das Recht, sich im Falle von Angriffen gegen sie verteidigen zu dürfen.

Zu diesem Purim-Fest in Hermannstadt war dem religiösen Teil der Feier ein Backworkshop vorangestellt, bei dem die Gemeindemitglieder und Freunde der Gemeinde lernten, wie man das traditionelle dreieckig geformte Purim-Gebäck herstellt. Gleich nach zwei verschiedenen Rezepten – eines mit Öl und eines mit Butter – buk man gemeinsam die süßen Haman-Taschen, die traditionell auch mit Mohn, Datteln oder Nüssen gefüllt sind und die an diesem Sonntag mit verschiedenen Konfitüren oder Schokolade garniert wurden. Ihre Form soll an den Hut oder an die Ohren des Bösewichts Haman erinnern.

Die Purim-Geschichte ist in der „Megillat Ester“, also der „Schriftrolle Ester“, enthalten und wird traditionell an Purim verlesen. Während man die Backzeit im Gemeindesaal abwartete, verlas Anda Reuben die Geschichte und gab dazu Hintergrundwissen zum Purim-Fest an alle Anwesenden weiter. Nicht zuletzt ist eine der zentralen Lehren der Geschichte und des Fests, dass ein einzelner Mensch den Verlauf der Geschichte durch sein aktives Handeln zum Guten verändern kann.